Lokales

Wenn der Wolf zur Giraffe wird

Siebtklässler der Dettinger Teckschule setzen sich mit dem Thema Mobbing auseinander

Mobbing ist an allen Schulen ein Thema. An der Dettinger Teckschule ging man jetzt in die Offensive: Im Rahmen eines Anti-Mobbing-Programms lernten die Siebtklässler, sensibler miteinander umzugehen und nicht zu schweigen, wenn ein Mitschüler drangsaliert wird.

In Rollenspielen lernen die Siebtklässler der Dettinger Teckschule, wie man sensibel miteinander umgeht. Doch das ist manchmal g
In Rollenspielen lernen die Siebtklässler der Dettinger Teckschule, wie man sensibel miteinander umgeht. Doch das ist manchmal gar nicht so einfach. Klassenlehrerin Gretel Kapp erklärt ihren Zöglingen, wie`s geht.Foto: Deniz Calagan

Dettingen. Der Wolf will stets der Sieger sein und immer Recht haben. Er sucht nach einem Sündenbock und findet die Schuld nie bei sich selbst. Der Wolf trägt eine Maske und ist egoistisch, genervt und verärgert. Er beschuldigt, kritisiert, bewertet, beschwichtigt und bestraft. Das Gegenstück zum Wolf ist die Giraffe. Sie denkt nicht nur nach, sondern schaltet auch ihr Herz und ihre Gefühle ein. Die Giraffe arbeitet im Team, will verstehen und erklären können. Sie ist ehrlich und übernimmt die Verantwortung für sich selbst. Und vor allem: Sie zeigt Mitgefühl für andere und möchte nicht nur auf der Gewinnerseite stehen.

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In die Welt der Wolfs- und Giraffensprache tauchen an diesem Vormittag die Siebtklässler der Dettinger Teckschule ein. Klassenlehrerin Gretel Kapp bringt ihren Zöglingen den Unterschied zwischen dem Wolf, der in jedem steckt und den alle kennen, und der Giraffe näher, deren Verhalten zum Teil schwierig zu erlernen ist. „Kennt ihr denn eine Situation aus der Schule, bei der man in der Wolfssprache miteinander umgeht?“, will die Lehrerin wissen. Sofort schießt die Hand einer Schülerin nach oben: „Wenn zwei Schüler einem Jungen das Mäppchen wegnehmen und es sich gegenseitig zuwerfen.“

Die Klasse spielt diesen Vorfall schließlich nach. Der Wolf, der die Szenerie beobachtet und sich den drei Schülern nähert, unterstützt die beiden Kinder, die ihren Klassenkameraden ärgern. Die Giraffe hingegen versucht, mit einfühlsamen Worten die Situation zum Guten zu wenden.

„Die Sprache ist unheimlich wichtig. Wenn die Schüler lernen, jemandem zu sagen, was sie stört, ohne dabei verletzend zu sein, dann sind auch die Aggressionen verschwunden“, betont die Lehrerin, die sich mit ihrer Klasse im Rahmen einer Projektwoche an ein Problem heranwagte, das an manchen Schulen noch immer totgeschwiegen wird: Mobbing.

Das vom Land Baden-Württemberg sowie von der Techniker Krankenkasse initiierte Anti-Mobbing-Projekt umfasst 20 Schulstunden und fand nun auch an der Teckschule erstmals statt. „Es ist ein Baustein unserer Arbeit zum Thema Mobbing“, sagt Schulleiter Günther Bosch, dem klar ist, dass es „eine Schule ohne Mobbing nicht gibt“. Die Dettinger Grund- und Werkrealschule sieht er aber als „normale Schule mit geringen Auffälligkeiten“ an. Dennoch ist sich Günther Bosch, der seit 18 Jahren Schulleiter der Teckschule ist, der Tatsache bewusst, dass das Thema in den vergangenen Jahren brisanter geworden ist. „Die Auseinandersetzungen zwischen den Schülern sind brutaler, gemeiner und anhaltender geworden.“ Damit seien auch die Anforderungen an die Lehrer gestiegen. Sie müssten noch wachsamer sein und entscheiden können, in welchem Fall Mobbing tatsächlich vorliegt. Denn davon spreche man nur dann, wenn Schüler regelmäßig und über längere Zeit ungerecht behandelt und so aus der Gruppe ausgeschlossen werden. „Es gibt immer Schwache in einer Klasse. Sie mit einzubinden, ist unser Ziel“, unterstreicht der Schulleiter, der allerdings auch die Eltern in der Pflicht sieht. Denn Mobbing sei eine gesamtgesellschaftliche Problematik, die „in die Schule hineinschwappt“. Eine große Rolle spiele dabei, wie intakt die Familien der Kinder sind und welche Vorbilder sie erleben. Aber auch der Fernseh- und Internetkonsum sei entscheidend. „Ich durfte als Kind nur die ,Sendung mit der Maus‘ sehen. Heute läuft bei vielen Familien morgens schon der Fernseher“, erzählt Günther Bosch, der in diesem Zusammenhang auf ein weiteres Phänomen hinweist: „Cyber-Mobbing“ in sozialen Netzwerken wie Facebook, Kwick und SchülerVZ oder via Handy. Um dem entgegenzuwirken, sind auf dem Schulgelände der Teckschule Handys strikt verboten. Außerdem hat sich Gretel Kapp in die sozialen Netzwerke eingeloggt, um ein Auge auf ihre Schüler werfen zu können.

„Habt ihr das Gefühl, dass es an unserer Schule Mobbing gibt?“, fragt Gretel Kapp schließlich am Ende der Schulstunde in die Runde. „Ich hab‘ bis jetzt noch nichts gemerkt“, überlegt ein Junge. Doch nach genauerem Nachdenken fallen plötzlich zwei Namen: Da gibt es doch eine Schülerin aus der achten Klasse – die verhält sich komisch. Und der eine Sechstklässler sitzt in der Pause immer alleine herum.

„Das Ziel des Projektes ist, dass die Schüler sich trauen, etwas zu sagen“, verdeutlicht die Klassenlehrerin. „Ich hoffe, dass die Kinder durch das Projekt sensibler werden, dass sie genauer hinschauen und dass sie ein Gespür dafür bekommen, wie sich andere fühlen.“

Dass die Siebtklässler der Teckschule dabei auf einem guten Weg sind, beweisen die kleinen Pappkärtchen an der Wand im Klassenzimmer, auf denen sie ihre Gedanken niedergeschrieben haben: So wünschen sich die Kinder, „dass die Schüler nicht mehr im Klassenzimmer rumrennen, dass es ruhiger ist, dass die Klasse besser zusammenhält, dass mich niemand ärgert“ – oder einfach nur „mehr Nettigkeit“.