Lokales

Wenn die Illusion der Ernüchterung weicht . . .

Von Biogas und Monstermaschinen – Erfahrungen eines Städters vom idyllischen Leben auf dem Lande

Kirchheim. Kürzlich stand in einer bedeutenden Zeitung „Der Bayer an sich will seine Ruhe“. Nur der Bajuware? Seine Ruhe haben will auch der Schwabe. Im Allgemeinen. Vor allem verstädterte Schwaben im mittleren Alter träumen nicht selten vom Leben auf dem Lande. Kein Autolärm, keine vorbeidonnernden lCEs, keine Lkw, kein Düsenkrach, keine Autokorsos, keine Hektik, kein Stress.

Deshalb machte sich denn auch der monetär gerade etwas flüssigere Ballungsräumler daran, seinen Lebenstraum zu erfüllen. Seine Idee vom Leben auf dem Lande wollte er im oberschwäbischen Süden verwirklichen, dem Paradies schlechthin. Land so weit das Auge blicket, sanfte Hügel, knuffige Seen, dunkle Wälder. Natur pur, lauter freundliche Menschen und das Schwäbische Meer einen Katzensprung entfernt.

Die mit der Besten und Schönsten aller „besseren Hälften“ in Augenschein genommenen Bauernhöfe und Bruchbuden erwiesen sich jedoch für den Städter vom bloßen Ansehen entweder für Muskelkraft und Portemonnaie als um ein Vielfaches zu überdimensioniert oder für die Abrissbirne bestimmt. Die Illusion vom Landleben erhielt den ersten Kratzer.

Doch was soll‘s? Die Restillusion war noch groß genug, um nicht aufzugeben. Und siehe da, wer lange sucht, wird doch noch fündig. Ein schnuckliges Häusle am Rande eines Weilers, dort, wo das Württembergische ins Badische übergeht, machte das Rennen. Endlich konnte der Traum vom Leben auf dem Lande beginnen, zumal das Häusle in einem Garten steht, für den allein im Mittleren Neckarraum eine Summe veranschlagt würde, für die man im Oberschwäbischen glatt zwei Häusle bekäme.

Doch gleich am ersten Urlaubstag erhielt der wieder etwas aufpolierte Rest der Illusion vom idyllischen, ruhigen Landleben in aller Herrgottsfrühe seinen nächsten Kratzer. Durchs offene Schlafzimmerfenster des Häusles drang ein Geräusch, das zunächst nicht zu identifizieren war, aber dennoch den gesunden Schlaf auf dem Lande jäh beendete. Des Rätsels Lösung entpuppte sich als die Melkanlage des Nachbarbauern.

Oha, geht das jetzt jeden Morgen so? Nein, die Melkanlage währte nur drei Jahre, dann wurde die Milchviehwirtschaft dank Omira so unwirtschaftlich, dass der Nachbar die Melkmaschine kurzerhand abstellte und die Kühe verkaufte. Der Vorteil dieser wohlüberlegten Handlung machte sich nicht nur im Schlafverhalten der Städter bemerkbar, sondern auch in deren geruchsempfindlichen Nasen. Die Dunglege quer vor dem Häusle hatte nämlich nicht mehr das gewohnte Volumen, und das wiederum wirkte sich irgendwie auf die Anzahl der Fliegen in der Küche reduzierend aus.

Wer jetzt allerdings denkt, der geruchs- und lärmempfindsame Mensch aus dem Mittleren Neckarraum hätte nun die Freuden des Landlebens so richtig genießen können, der befindet sich einmal mehr auf dem Holzweg. Genauer gesagt, direkt auf dem (Kies-)Weg zur Biogasanlage des Bauern o. M. (ohne Melkmaschine). Denn verständlicherweise muss der Landwirt von etwas leben. Und was wird subventioniert und propagiert? Die grüne Energie. Auch im schwarzen Oberschwaben. Also wurde aus dem Nachbarn ein Energie-Landwirt.

Ob sich das wohl für unseren Bauern rentiert?, fragte sich der Städter nachdenklich, als er beobachtete, dass sein armer Nachbar den ganzen Tag wie festgebunden auf seinem Trecker saß und vom Hof am Häusle vorbei zum Fahrsilo fuhr, vom Fahrsilo zur Biogasanlage, von der Biogasanlage zum Fahrsilo, vom Fahrsilo zur Biogasanlage . . . undsoweiterundsofort. (Er fährt übrigens heute noch. Von wegen freier Landmann.)

Das ist Landleben pur, dessen orgiastische Steigerung der Ballungsräumler zur Erntezeit erleben darf. Dann donnern bei Kaiserwetter Monstermaschinen am Häusle vorbei, dass es ängstlich erzittert. Tag und Nacht. Denn die regenfreie Zeit muss genutzt und den oberschwäbischen Monokulturmaislandschaften der Garaus gemacht werden, um die Fahrsilos zu füttern und daraus wiederum die Biogasanlage zu versorgen. Die muss laufen. Jahraus, jahrein. So entsteht Strom und Wärme – und manchmal, wenn der Städter auf seiner Gartenterrasse am Häusle Kaffee trinkt, glaubt er auch einen leichten Duft von Biogas wahrzunehmen. Oder ist‘s Silage beziehungsweise deren Sickerwasser? So richtig kann er das nie unterscheiden. Doch eines weiß er genau, danach kann er nämlich die Uhr stellen – immer samstagnachmittags brettert der Nachbar mit dem Güllefass im Kingsize-Format am Garten vorbei. Dann vereint sich der Geruch aus der Dunglegengrube mit dem Aroma des frisch gebrauten Filterkaffees zu einem unnachahmlichen Dufterlebnis.

Bei all dieser angekratzten ländlichen Idylle sollte doch jeder denken, der Lack ist ab und der Traum ausgeträumt. Sicher, die Realität stellte im Laufe der Zeit der Illusion die Ernüchterung beiseite. Kein Mensch ist eine Insel, und auf dem Land ist die Zeit nicht stehen geblieben. Auch in oberschwäbischen Weilern kennt man Internet und Photovoltaik. Das ändert aber nichts daran, dass man dort den Wert des sozialen Miteinanders in der Dorfgemeinschaft noch hochhält. Darauf sollte sich der Einsamkeit suchende Städter einstellen. Hier als Außenstehender aufge­nommen zu werden, ist an einige unausgesprochene Bedingungen geknüpft. Es ist kein Fehler, gewisse Dinge wie das Autokennzeichen „ES“ den neuen Nachbarn erst einmal zu erklären. „Nein, nein, wir sind keine ‚Schtuagattr‘, ganz sicher nicht. Der Kreis Esslingen liegt nur ganz zufällig in der Nähe.“ Einfach offen auf die Menschen zugehen und ihnen sagen, woher man kommt, was man hier will – und wichtig –, dass man schaffig und sparsam, aber nicht geizig, ist. Und dies im Laufe der nächsten Jahre auch beweisen. Gelegenheiten dazu gibt es beim Umbau des alten Häusles, bei den Nachbarn am Haus sowie bei Familienfesten, Fasnet und Funkensonntag genügend.

Eine solche Offenheit beugt üblem Klatsch und Tratsch vor und schafft Vertrauen. Dann entsorgt der Nachbar Altbauer auch den Hausmüll und gießt die Blumen des Neuzugangs, seine Enkel mähen dessen Rasen, der Waldarbeiter, der am Ortseingang wohnt, sägt auf Wunsch den hohlen Walnussbaum um, und des Energie-Landwirts Jüngster bringt frische Eier von seinen glücklichen Hühnern und karrt in der kalten Jahreszeit mit dem Schubkarren auf die passende Länge zugesägte Holzscheite für den Ofen im Häusle heran. Auch das ist Leben auf dem Lande. Es ist nie nur das eine (Landfrust) oder nur das andere (Landlust).

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