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Wenn die Praxis zur Nagelprobe wird

Podiumsdiskussion in der Kirchheimer Zeltkirche zum Thema „Christliche Werte und Politik“

„Lassen sich christliche Werte in praktische Politik umsetzen?“ Diese Frage zu beantworten versucht haben bei einer Podiumsdiskussion in der Zeltkirche auf dem Ötlinger Sportgelände Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, Pfarrer und MdB Pascal Kober, FDP, MdL Andreas Schwarz, Grüne, und Pfarrer Wilfried Veeser, CDU Kirchheim.

Gewissen und Politik: Auf dem diskutierten (v.l.n.r.) Wilfried Veeser, Andreas Schwarz, Pascal Kober und Angelika Matt-Heidecker
Gewissen und Politik: Auf dem diskutierten (v.l.n.r.) Wilfried Veeser, Andreas Schwarz, Pascal Kober und Angelika Matt-Heidecker. Die Runde leitete Christoph Zehendner Mitte).Foto: Jörg Bächle

Richard Umstadt

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Kirchheim. Wie unterschiedlich die Wege des Herrn trotz eines gemeinsamen Alten und Neuen Testaments sein können, wurde einmal mehr bei der Podiumsdiskussion deutlich, die der Theologe, Journalist und Liedermacher Christoph Zehendner mit Humor und dem nötigen Gespür für Schwachstellen souverän leitete.

Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, SPD, sah in der sozialen Gerechtigkeit, dem Eintreten und der Verantwortung Schwächeren gegenüber sowie der allgemeinen Wertschätzung der Menschen christliche Werte, die ihr ihre Großmutter vermittelte – „eine tief gläubige Frau, die aber weit links der SPD stand“.

Pascal Kober, Hartz-IV Spezialist und mit 135 Bundestagsreden einer der fleißigsten Politiker, möchte von der biblischen Frage „Kain, wo ist dein Bruder?“ abgeleitet etwas für seine „Nächsten“ tun. Auch sein Bild der Sozialpolitik wird von der Bibel geprägt. Dabei will der FDP-Pfarrer die Sozialhilfeempfänger weniger in einer Opferrolle sehen, sondern „ich möchte die Menschen ermutigen, ihr Leben in die Hand zu nehmen“, wie der Gelähmte im Markus Evangelium, der nach seiner Heilung von Jesus aufgefordert wurde: „Nimm dein Bett und wandle.“

An dieser Stelle der Diskussion konnte der Grüne Landtagsabgeordnete Andreas Schwarz nicht mehr an sich halten. „Von wegen ermutigender Sozialstaat“, brach es aus ihm heraus. „Die FDP im Landtag blockiert die Zuschüsse für die Schulsozialarbeit, sie blockiert das Tariftreuegesetz und sie blockiert die Zuschüsse für die Gemeinden zum Ausbau der Kinderbetreuung. Also, immer wenn es um Chancengerechtigkeit geht, blockieren die Liberalen.“

Schwarz hatte in seinem Eingangsstatement darauf hingewiesen, dass laut Artikel 38 Grundgesetz und Artikel 27 der Landesverfassung ein Abgeordneter nur seinem Gewissen verpflichtet ist. Eine „klassische Gewissensentscheidung“ habe er aber in seiner 14-jährigen Gemeinderatstätigkeit und seiner zweijährigen Landtagsarbeit nicht treffen müssen.

„Freiheit und Selbstbestimmung der Bürger“ waren für den CDU-Gemeinderat und Pfarrer Wilfried Veeser wichtig, weshalb er schon sein Gewissen befragen würde, wenn er als Stadtrat etwa zwischen Eigenwohl und Gemeinwohl abzuwägen habe. Als Christ sah er sich in der Pflicht, Schwache zu tragen, „aber nur, wenn ich auch die nötigen Ressourcen, also die Finanzmittel, dazu habe“, fügte er ganz pragmatisch hinzu. „Hier kommen auch Werte wie Fleiß und Tüchtigkeit in den Blickpunkt“.

Langzeitarbeitslose wollte Pfarrer Pascal Kober unterstützen und ermutigen, damit sie wieder in Lohn und Brot kommen. Er verwarf als FDP-Politiker aber die Mindestlohnforderung der SPD, Grünen und auch von Teilen der CDU als arbeitsplatzschädlich. „Das würde einen Teil der Menschen wieder vom Arbeitsmarkt ausschließen.“ Kober wollte es vielmehr schaffen, dass Menschen in Arbeit kommen. „Arbeit zu haben ist besser als keine Arbeit“, meinte er auf die Frage des Moderators nach dem Maßstab seiner Entscheidungen.

Angelika Matt-Heidecker bezeichnete es als „menschenverachtend“, wenn Frauen und Männer acht Stunden am Tag arbeiten und ihr Leben damit nicht finanzieren können. Und sie prangerte die Altersarmut bei Frauen an, die ihr Leben lang arbeiteten und von dem bisschen Rente nicht leben können. Kinder, die ohne Frühstück in die Schule kommen, könnten sich ihre Eltern nicht aussuchen. Deshalb ging es ihr um soziale Gerechtigkeit und Verantwortung für den Nächsten in der Kommunalpolitik. „Das hat mit Gewissen nichts zu tun, sondern mit meiner Grundeinstellung.“

Wilfried Veeser richtet sich in seinen Entscheidungen, wie er sagte, an den Fragen aus „dient das, was wir machen, den Menschen und fördert es sie? Welche Ressourcen werden verbraucht und wie nachhaltig ist es, was wir entscheiden?“ Für den Grünen Andreas Schwarz ist der Maßstab seines Handelns, Verantwortung für die zu übernehmen, die keine Lobby haben, wie zum Beispiel für Natur und Kreatur. „In der Bibel ist von der Bewahrung der Schöpfung die Rede.“

In der Endrunde der Diskussion wollte Christoph Zehendner wissen: „Was hätten Sie gerne, dass man in der Rückschau über Sie sagt?“ Für Pfarrer Pascal Kober wäre das Wichtigste, dass Menschen über ihn sagen, es sei ihm um die Sache gegangen, und „dass ich Menschen zusammenführen konnte“. Angelika Matt-Heidecker wollte „Spuren der Achtung, Menschlichkeit und Wärme“ hinterlassen. Wenn jemand im Rückblick über Andreas Schwarz sagen würde, „Herr Schwarz, sie waren sachkundig, sind glaubwürdig geblieben und haben sich nicht verbiegen lassen, so würde mir das gefallen“, meinte der Grüne Kirchheimer Landtagsabgeordnete. Pfarrer Wilfried Veeser wäre es wichtig, Hoffnung über die sichtbare Wirklichkeit hinaus geweckt und zwischen Kirche und Kommune ein gutes Verhältnis geschaffen zu haben.