Lokales

„Wer nichts arbeitet, fühlt sich nutzlos“

Das Tageszentrum des Reha-Vereins wird von der Teckboten-Weihnachtsaktion unterstützt

Das Tageszentrum des Reha-Vereins in Kirchheim ist seit 1979 eine offene Kontakt- und Anlaufstelle für psychisch kranke Menschen. Weil aufgrund der Zunahme solcher Erkrankungen immer mehr Besucher ins Tageszentrum kommen, musste die Einrichtung in größere Räume umziehen. Finanziell unterstützt wird sie dabei von der Teckboten-Weihnachtsaktion.

In der kleinen Werkstatt des Tageszentrums fertigt eine Besucherin mithilfe des Druckluftschraubers Klemmen. Mübin Agakay (links
In der kleinen Werkstatt des Tageszentrums fertigt eine Besucherin mithilfe des Druckluftschraubers Klemmen. Mübin Agakay (links) sieht ihr dabei über die Schulter.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Martina Weber (Name geändert) beherrscht die Handgriffe im Schlaf. Zuerst schraubt sie die Klemmen von Hand lose zusammen, dann legt sie zehn Stück vor sich hin und dreht sie mithilfe eines Pressluftschraubers fest. So geht das heute noch den halben Tag, von 8.30 bis 14 Uhr. Was manchen Menschen vielleicht eintönig vorkommen könnte, stört die psychisch kranke Frau nicht. „Die Arbeit macht Spaß“, sagt sie.

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Im Arbeitsbereich des neuen Tageszentrums in der Gerberstraße haben die Mitarbeiter viel mehr Luft zum Atmen als vorher. „In unseren alten Räumen in der Paradiesstraße war es deutlich beengter“, sagt Standortleiterin Christiane Schumann. Leiser ist es außerdem, dank dem neuen Flüster-Kompressor, mit dem Martina Weber die Klemmen montiert. Sein Brummen ist im Arbeitsraum kaum hörbar. Und das ist auch gut so. „Psychisch kranke Menschen haben häufig keine Filter, ihnen wird es schnell zu laut“, sagt Christiane Schumann. Deshalb entsteht nebenan ein weiterer Arbeitsraum mit Einzelarbeitsplätzen für Menschen, denen es im großen Werkstattraum zu trubelig ist.

Schizophrenie, Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen – die Liste der psychischen Erkrankungen, die die Besucher vorweisen können, ist lang. Im Tageszentrum des Reha-Vereins, das seit 1979 existiert, haben sie eine offene Anlaufstelle. „Nach einem Psychiatrieaufenthalt wissen viele nicht, wie es weitergehen soll. Wenn man zum Beispiel in einer Werkstatt für seelisch behinderte Menschen arbeiten will, muss man einen Antrag stellen“, erklärt Christiane Schumann. In das Tageszentrum könne man hingegen ohne Antrag oder Kostenzusage kommen. Besucher können sich stundenweise im Arbeitsbereich betätigen, in der Küche mithelfen, zum Mittagstisch kommen oder Ergotherapie erhalten. Alles nach Absprache natürlich.

In den neuen Räumen des Reha-Vereins sind die Spuren des Umzugs überall zu sehen. In den Fluren stapeln sich Kartons. In den Wänden stecken Nägel, daran aber keine Bilder. In der Arbeitsfläche der neuen Küche klafft eine große Lücke, der zweite Herd wurde noch nicht geliefert. Ohne die Teckboten-Weihnachtsaktion könnte sich der Verein vieles nicht leisten: Die neue Küche, den Flüster-Kompressor für die kleine Werkstatt, eine Sitzgruppe im Aufenthaltsbereich, ergonomische Arbeitstische und Stühle, eine neue Waschmaschine. „Wenn noch was übrig bleibt, fällt uns schon etwas ein. Unser Dienstwagen ist 20 Jahre alt und macht komische Geräusche“, sagt Christiane Schumann und lacht.

Im Arbeitsbereich klackern die Schrauben. Bald ist Mittag. Seine Mitarbeiter kämen gerne zur Arbeit, sagt Arbeitserzieher, Mübin Agakay, die meisten von ihnen jeden Tag. Auch Christiane Schumann sieht, wie wichtig die Arbeit für die Besucher des Tageszentrums ist. „Es ist wichtig, dem Tag Struktur zu geben, damit man nicht in seinen eigenen vier Wänden versumpft.“ Mindestens ebenso wichtig sei es jedoch, dass die Beschäftigung sinnvoll sei. „Wenn jemand nichts arbeitet, fühlt er sich nutzlos. Das geht auch unseren Besuchern so“, sagt sie. Es sei ihnen wichtig, dass die Schrauben, die sie montierten, zu einem bestimmten Termin gebraucht werden und nicht etwa anschließend im Müll landen. Außerdem werden die Mitarbeiter für ihre Arbeit entlohnt. Bis zu 100 Euro pro Monat können sie sich beim Reha-Verein dazuverdienen. „Viele unserer Besucher leben von Grundsicherung oder erhalten Erwerbsminderungsrente. Da machen 100 Euro einen großen Unterschied“, sagt Christiane Schumann.

Die Arbeit in der kleinen Werkstatt des Tageszentrums ist für einige auch eine Art Training. „Manche haben das Ziel, in einer richtigen Werkstatt für seelisch behinderte Menschen zu arbeiten“, erklärt Christiane Schumann. Anders als beim Reha-Verein ist dort jedoch Voraussetzung, dass man täglich sechs Stunden arbeiten kann. Deshalb würden sie ihr Arbeitspensum Schritt für Schritt steigern, bis sie irgendwann dazu in der Lage seien.

In den alten Räumen des Reha-Vereins stehen aktuell Umbauten an. Während in den neuen Räumen keine Wohngruppen mehr untergebracht sind, werden die Kapazitäten am alten Standort ausgebaut. Dass Wohnen und Arbeiten nun getrennt sind, hat für Christiane Schumann auch Vorteile. „Wir wollen ja einen möglichst normalen Tagesablauf schaffen. Normal heißt, sich anzuziehen und zur Arbeit zu gehen. Und nicht in Pantoffeln ein Stockwerk runterzuschlappen“. Positiv findet sie jedoch auch, dass Betreutes Wohnen und Tagesstätte nicht weit voneinander entfernt sind. „Viele Besucher fürchten sich vor öffentlichen Verkehrsmitteln“, sagt sie. Deshalb ist es gut, dass die Tagesstätte ist, wo sie ist: Mittendrin in Kirchheim.