Lokales

Wer schluckt die „bitteren Pillen“?

Kirchheim muss entscheiden, welche Schulstandorte als Gemeinschaftsschulen erhalten bleiben

Die Frage, wie es mit den wei­terführenden Schulen in Kirchheim weitergeht, hat die Gemüter im Gemeinderat erhitzt. Dabei gab es eigentlich gar keine wirkliche Entscheidung zu treffen. Die schwierigsten Entscheidungen stehen erst noch an – im Lauf der nächsten zwei Jahre.

Schulfruchtprogramm an der Freihof-GrundschuleGrundschule - Schule - SchYler
Schulfruchtprogramm an der Freihof-GrundschuleGrundschule - Schule - SchYler

Kirchheim. Klare Fakten gibt es zwar bei der Kirchheimer Schulentwicklungsplanung. Vor allem gehört dazu die Tatsache, dass für das aktuelle Schuljahr 2012/2013 nur noch 50 Kinder für die fünften Klassen an den drei verbliebenen Werkrealschulen angemeldet wurden. Aber alles andere ist noch ziemlich unklar – vor allem die Frage, wie die Stadt angesichts solcher Zahlen mit ihren weiterführenden Schulen weitermachen will. Die beiden Gymnasien – Schloss- und Ludwig-Uhland-Gymnasium – bleiben wohl noch lange außen vor. Immerhin geht die Stadtverwaltung davon aus, dass ungefähr die Hälfte aller Grundschulabgänger aufs Gymnasium wechselt.

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Was aber geschieht mit der anderen Hälfte? Bisher gab es für sie zwei Realschulen – die Freihof- und die Teck-Realschule – sowie vier Hauptschulen, von denen wiederum drei sich mit dem Etikett „Werkrealschule“ schmücken: die Alleenschule, die Raunerschule und die Schule in Jesingen. Die Eduard-Mörike-Schule in Ötlingen ist eine reine Hauptschule geblieben, ohne zur Werkrealschule zu mutieren. Zum zweiten Mal schon gibt es nun in Ötlingen keine neue fünfte Klasse, sodass die Eduard-Mörike-Schule als Hauptschule ganz klar ein Auslaufmodell ist. Auch in Jesingen werden Klassenstufen bereits übergreifend unterrichtet, weil es nicht mehr genügend Anmeldungen für die fünften Klassen gibt. Und selbst Alleenschule und Raunerschule sind weit entfernt von der eigentlich geplanten Zweizügigkeit.

Nun versuchen die bisherigen Haupt- oder Werkrealschulen, durch das Modell „Gemeinschaftsschule“ attraktiver zu werden und sich für die Zukunft zu rüsten. In der Kirchheimer Schulentwicklungsplanung war aber bereits nach einem Vortrag, den Dr. Joachim Friedrichsdorf von der Tübinger Geschwister-Scholl-Schule in Kirchheim gehalten hatte, deutlich geworden, dass die Akzeptanz einer Gemeinschaftsschule wesentlich davon abhängt, ob sich auch „höhere“ Schularten daran beteiligen oder nicht. Und inzwischen haben auch die beiden Kirchheimer Realschulen angedeutet, dass sie sich in Richtung Gemeinschaftsschule entwickeln könnten.

Für die Stadt Kirchheim als Schulträger bedeutet das, dass sie nun außer über zwei Gymnasien noch über sechs Standorte verfügt, an denen sich jeweils eine Gemeinschaftsschule etablieren könnte. Dass sechs Standorte wesentlich mehr sind als nötig, das ist eine der Aussagen, die dem Gemeinderat als Ergebnis der kooperativen Schulentwicklungsplanung vorgelegt wurden.

Andere Aussagen werden noch ein wenig deutlicher: Demnach soll es ab dem Schuljahr 2015/2016 nur noch ein zweigliedriges Schulsystem in Kirchheim geben – mit den beiden Gymnasien und mit vier Gemeinschaftsschulen. Jede Gemeinschaftsschule soll mindestens zweizügig sein. Insgesamt soll es an den vier Gemeinschaftsschulen neun bis zehn Züge geben, mit ungefähr 25 Schülern pro Klasse.

Die deutlichste Aussage der Tischvorlage – die immerhin mit „Empfehlungen der Schulentwicklungsplanung 2012“ überschrieben war – nannte sogar die Namen der künftigen Gemeinschaftsschulen: „Die Teck- und die Freihof-Realschule sowie die Rauner- und Alleen-Werkrealschule werden ab dem Schuljahr 2015/2016 als Gemeinschaftsschulen in Kirchheim unter Teck geführt.“

An genau diesem Punkt entzündete sich der Disput im Kirchheimer Gemeinderat, weil die Redner darin nach und nach immer stärker eine Vorfestlegung erkannten, die sie so nicht stehenlassen wollten und die sie auch nicht als Ergebnis der Schulentwicklungssitzung aus der Vorwoche akzeptieren konnten. Nach langer Debatte einigten sich die Ratsmitglieder mit der Verwaltung auf das, was allen nach ihren Redebeiträgen immer schon klar war: Es wird weiterhin transparent und ergebnisoffen diskutiert. Vorfestlegungen für einzelne Schulen oder Standorte gibt es noch nicht. Es ist sogar denkbar, dass Schulen ihren Standort noch wechseln, bevor sie zur Gemeinschaftsschule werden.

In der eigentlichen Abstimmung ging es zwar schließlich nur darum, die „Empfehlungen“ zur Kenntnis zu nehmen und in der kooperativen Schulentwicklungsplanung einen „Masterplan zur Entwicklung des Schulstandorts“ zu erarbeiten. Aber die hitzige Debatte um einzelne Wörter in einer Tischvorlage, die lediglich zur Kenntnis genommen werden soll, zeigte, wie wichtig das Thema ist und wie sehr es trotz aller Ergebnisoffenheit darauf ankommt, sich zu positionieren und mit einem bestimmten Standort nicht irgendwann als „Verlierer“ dazustehen.

Dass es „Verlierer“ geben wird, muss aber allen klar sein. Klaus Buck (CDU) stellte zum Beispiel fest: „Wir müssen auf vier Standorte reduzieren.“ Und dann fügte er hinzu: „Man könnte sich aber auch nur drei Standorte vorstellen.“ Dass sich „zwei oder drei Standorte“ nicht im Konsens aufgeben lassen, war auch für Walter Aeugle (SPD) klar. Trotzdem freute er sich über den Trend hin zur Gemeinschaftsschule, weil sie zu mehr Chancengleichheit führen würde. Für And­reas Schwarz (Grüne) ist das zweigliedrige Schulsystem sogar „der Weg der Zukunft“. Dr. Silvia Oberhauser (Frauenliste) zeigte sich dagegen ganz pragmatisch: „Die Gemeinschaftsschule folgt einer gesellschaftlichen Realität, die wir schon lange haben. Und sie ist auch eine hervorragende Alternative zu G 8.“

Bernhard Most (FDP/KiBü) wehrte sich dagegen, in der Bildungspolitik einfach die Methoden anderer Länder zu kopieren. Das zeige sich auch an den Bachelor- und Master-Studiengängen, die zu Lasten der Spitzenbildung gingen. Auch Ralf Gerber (Freie Wähler) wollte sich noch nicht vorzeitig vom dreigliedrigen System verabschieden. Rhetorisch fragte er: „Was machen Eltern, die ihr Kind dann immer noch auf einer Realschule anmelden wollen?“

Während Andreas Schwarz in der Standortfrage nur noch eine Entscheidung zwischen Eduard-Mörike-Schule und Teck-Realschule sehen wollte, weil Freihof-Realschule, Alleen- und Raunerschule ohnehin gesetzt seien, wurde Hans Kiefer (CIK) am allerdeutlichsten: „Ötlingen ist ein Opfer der politischen Entwicklung und der zurückgehenden Schülerzahlen, und auch Jesingen läuft letztlich stillschweigend aus.“ In beiden Fällen handle es sich um „bittere Pillen“ für die Befürworter der Standorte.

Aber andererseits soll die endgültige Entscheidung darüber, wer die bitteren Pillen wirklich zu schlucken hat, erst noch getroffen werden – so kooperativ und objektiv wie möglich.

Immer wartet schon der IgelKommentar

Seit Jahren schon läuft die Schulentwicklungsplanung der Realität beständig hinterher – wie der Hase dem Igel: Die Entwicklung ist immer schon da, lange bevor die Planung ihr folgen kann. Wenn nun also in Kirchheim ein Konsens besteht, dass zwei oder drei Standorte für weiterführende Schulen in den kommenden Jahren aufzugeben sind, und wenn jetzt die Diskussion beginnen soll, welche Standorte das sein könnten, dann ist es dafür eigentlich schon zu spät. Es greift nämlich viel zu kurz.

Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn die Hälfte der Schüler an die beiden Gymnasien wechselt, dann müssten für die andere Hälfte ebenfalls zwei Standorte ausreichen – zumal die Gymnasien ja noch deutlich mehr Schüler aus Nachbarkommunen aufnehmen als alle anderen weiterführenden Schulen. Die Frage müsste also lauten, welche zwei Standorte erhalten bleiben, und nicht, welche zwei Standorte aufgegeben werden sollen.

50 neue Hauptschüler in ganz Kirchheim sind – auch wenn sie offiziell als „Werkrealschüler“ bezeichnet werden – zu wenig, um ihnen weiterhin eine eigene Schulart zur Verfügung zu stellen. Auch dürften es von Schuljahr zu Schuljahr immer weniger werden. Die Zahl wird kaum konstant bei 50 bleiben.

Gemeinschaftsschule als „Rettungsanker“ für einen Schulstandort, an dem man aus lokalpatriotischen Gründen festhalten möchte: Das ist kein taugliches Modell. Bevor sich eine Gemeinschaftsschule richtig etabliert hat, vergehen etliche Jahre. Bis dahin werden die Eltern, die ihre Kinder schließlich an eine von mehreren Gemeinschaftsschulen schicken können, in der einen Gemeinschaftsschule immer noch die frühere Realschule erblicken und in der anderen die frühere Hauptschule. Die Tendenz, an welche Schule das eigene Kind gehen soll, dürfte also nicht ganz so schnell wechseln wie der Name des Schulmodells. Der Kassandraruf wird nicht jedem gefallen, aber die früheren Hauptschulen stehen schlichtweg vor dem Aus.

Noch etwas ganz anderes, was auch nicht jedem gefällt: Die Gemeinschaftsschule wird die Chancengleichheit in der Bildung nicht signifikant erhöhen.

ANDREAS VOLZ