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Wider den tierischen GenussINFO

Immer mehr Menschen aus der Region leben vegan – Verein in Kirchheim gegründet

Vor ein paar Jahren galten Veganer noch als absolute Exoten. Mittlerweile jedoch verzichten immer mehr Menschen auf tierische Produkte. In den Großstädten ist ein regelrechter Boom zu verzeichnen. Auch nach Kirchheim ist die vegane Welle nun geschwappt.

Wollen der Bevölkerung in Kirchheim die vegane Lebensweise näherbringen: Holger Schulz und Daniel Hughes (von links). Stammtisch
Wollen der Bevölkerung in Kirchheim die vegane Lebensweise näherbringen: Holger Schulz und Daniel Hughes (von links). Stammtisch-Teilnehmerin Linda Maurer (rechts) verzichtet seit sechs Jahren auf tierische Produkte.Foto: bil

Kirchheim. Holger Schulz bekommt strahlende Augen, als er die kleine Schokotorte auf dem Tisch in der Kirchheimer Wunderbar sieht. „Hmm, lecker“, lobt der Erste Vorsitzende des neu gegründeten Kirchheimer Vereins Veganes Leben und beißt herzhaft in ein Kuchenstück – für ihn ein Genuss ohne Reue. Denn der Kuchen unterscheidet sich von anderen Torten. In ihm stecken ausschließlich rein pflanzliche Zutaten: Haselnüsse, Mehl, Rapsöl, Hafersahne und Ei-Ersatz.

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Vor gut einem Jahr traf Holger Schulz die Entscheidung, fortan vegan zu leben. Ebenso wie der Kirchheimer Musiker Daniel Hughes, Zweiter Vorsitzender des Vereins, und seine Frau Maria. „Angefangen hatte es im April vergangenen Jahres, als ich beschloss, in der Fastenzeit ganz auf tierisch Produkte zu verzichten“, erzählt Maria Hughes, die ursprünglich aus Kalifornien stammt. Nach Ende der Fastenzeit stand für die junge Mutter jedoch fest: „Ich mache weiter.“ Und nicht nur das: Auch ihr Mann Daniel, Gitarrist und Sänger der Bands „Folxton“ und „Django‘s Tiger“, schloss sich seiner Frau an. „Ausschlaggebend waren für uns ganz klar ethische Gründe“, erzählt Daniel Hughes. Er und Holger Schulz berichten von quälender Massentierhaltung, von Kälbchen, denen die Milch genommen und von australischen Schafen, denen beim Scheren ein Stück Fleisch abgeschnitten wird. „Milch zu trinken ist einfach unnatürlich“, legt Holger Schulz seine Meinung dar. „Es gibt schließlich kein erwachsenes Tier, das Milch trinkt“, sagt der 41-Jährige. Nicht von ungefähr komme auch die Tatsache, dass viele Menschen eine Laktoseintoleranz haben.

Als sich Holger Schulz und Daniel Hughes in diesem Frühjahr nach vielen Jahren wiedertrafen, entdeckten sie, dass sie beide vegan leben. Schnell war der Entschluss gefasst, einen offenen veganen Stammtisch einzurichten, um mehr Menschen aus Kirchheim und Umgebung kennenzulernen, die sich für ein Leben ohne tierische Produkte entschieden haben.

In der Wunderbar treffen sich die Teilnehmer seither an jeden zweiten Samstag im Monat: „Wir tauschen Rezepte aus und geben uns gegenseitig Tipps“, erzählt Holger Schulz. Und nicht nur das: Jedes Mal steht der Tisch voll mit veganen Köstlichkeiten, die die Teilnehmer oft selbst zubereitet haben. „Für uns ist es eine Chance, Gleichgesinnte zu treffen und neue Freundschaften zu knüpfen“, sagt Daniel Hughes. Nicht nur einmal musste er erleben, dass eine neue Freundschaft schnell wieder zerbrach, als er seinen veganen Lebensstil offenbarte. „Da gibt es leider immer noch große Vorurteile“, weiß der 26-Jährige.

Zu kämpfen haben Veganer auch bei anderen Dingen: „Es gibt zum Beispiel kein veganes Restaurant in Kirchheim“, sagt Holger Schulz. Und auch der Einkauf gestaltet sich komplizierter als bei anderen: „In vielen Produkten sind unnötigerweise Milchzucker oder Butterreinfett enthalten.“ Da allerdings hat sich in den vergangenen Jahren schon einiges getan, wie Stammtisch-Teilnehmerin Linda Maurer aus eigener Erfahrung weiß. Sie lebt bereits seit sechs Jahren rein vegan: „In dieser Zeit sind unglaublich viele vegane Produkte neu auf den Markt gekommen, und es ist wesentlich leichter geworden, sich so zu ernähren“, freut sie sich.

Jetzt möchte der junge Verein mit seinen derzeit 13 Teilnehmern noch mehr an die Öffentlichkeit gehen, um der Bevölkerung die vegane Lebensweise näherzubringen. „Wir planen Aktionen, zum Beispiel einen Stand beim Haft- und Hokafest.“ Geben wird es dort übrigens nicht nur vegane Brownies und Schokolade, sondern auch Gulasch und Currywurst – selbstverständlich vollkommen ohne tierische Produkte.

Vegane Kuchen, Cremes und Pralinen gehören auch bei Sarah Zimmermann zum Alltag – von Berufs wegen. Die 26-Jährige, die ursprünglich aus Kirchheim stammt, arbeitet in der Patisserie eines veganen Restaurants in Berlin. In der Hauptstadt erfährt der Veganismus einen regelrechten Boom. „Gerade haben wieder ein neues Restaurant, ein veganer Supermarkt und ein veganes Schuhgeschäft eröffnet – alle nebeneinander“, verdeutlicht die Wahl-Berlinerin. Auch das Restaurant Kopps, in dem die 26-Jährige arbeitet, ist gut besucht. „Vegan zu essen liegt eben im Trend“, sagt sie. Offenbar nicht nur bei Veganern: „90 Prozent unserer Gäste sind Nicht-Veganer“, schätzt Sarah Zimmermann. Die lassen sich pflanzliches Cordon-Bleu und Barbecue-Salat, vegane Cocktails, Weine und Süßspeisen trotzdem schmecken. „Es ist anders, aber es ist gut“, resümiert die gelernte Köchin. „Und eigentlich lassen sich alle tierischen Produkte leicht ersetzen – bis auf Eischnee.“ Zur veganen Küche ist Sarah Zimmermann über ihre Schwester gekommen, die seit Jahren vegan lebt. „Ich selbst bin aber eigentlich nur Vegetarierin“, gesteht sie. „Ab und zu esse ich nämlich auch mal ein Stück Käse oder Milchschokolade.“

Nicht nur in Berlin, auch in Kirchheim bekennen sich immer mehr Menschen zum Veganismus: „In unserer Stufe leben mittlerweile zehn Schüler vegan“, erzählt Sophie Schädel, Abiturientin am Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium. Etwa doppelt so viel seien es an der ganzen Schule. Seit vier Monaten lebt die 18-Jährige nun ohne Fleisch. Ausschlaggebend war für sie der Umweltschutz. „Die Erzeugung von Fleisch und Milchprodukten ist schädlich fürs Klima“, sagt sie. Ein Übriges taten dann Videos von Tierschutzorganisationen.

„Zuerst dachte ich, dass ich auf ganz viel verzichten muss“, gesteht Sophie Schädel. Tatsächlich arrangierte sich die Schülerin aber schnell. „Ich habe mittlerweile herausgefunden, wo es vegane Brezeln gibt, und in der Mensa frage ich nach und esse notfalls nur Suppe und Salat.“ Auf die Spitze treiben will Sophie Schädel das Ganze nicht. „Wenn wir mal in ein Restaurant gehen, esse ich eben ein vegetarisches Gericht oder bestelle meine Pizza ohne Käse“, sagt sie.

Tatsächlich gibt es auch unter den Veganern unterschiedliche Überzeugungen, wie die Vorsitzenden des Vereins Veganes Leben wissen. Lederschuhe und Wollprodukte sind für beide in Zukunft tabu – zumindest weitgehend. „Wenn ich weiß, dass ein Schaf ein schönes Leben auf der Alb hat und garantiert nicht geschlachtet wird, dann wäre Wolle auch okay“, sagt Holger Schulz. Ebenso wie Honig aus bienenfreundlicher Imkerei.

Tatsächlich kennt er aber auch Veganer mit viel extremeren Ansichten: „Manche sind ganz gegen Haustierhaltung“, weiß er und fügt hinzu: „Man muss aufpassen, dass es nicht religiös wird.“

Der Verein Veganes Leben ist am Samstag und Sonntag mit einem Stand beim Kirchheimer Haft- ond Hokafest in der Marktstraße vertreten und bietet dort veganes Essen an. Alle, die sich für den veganen Lebensstil interessieren, können auch an jedem zweiten und vierten Samstag im Monat um 18 Uhr zum veganen Stammtisch in der Wunderbar kommen.