Lokales

Widerstand als Leistungssport

Karl-Heinz Frey bekommt Staufermedaille für seine Verdienste um die heimische Natur

Seit 40 Jahren bereits setzt sich Karl-Heinz Frey für den Schutz der Natur ein. Nun wurde ihm dafür eine besondere Auszeichnung zuteil: Am Montag wurde ihm in feierlichem Rahmen in der Seegrasspinnerei die Staufermedaille des Landes verliehen.

Aus den Händen von Umweltminister Franz Untersteller erhielt Karl-Heinz Frey die Staufermedaille. Foto: Barbara Gosson
Aus den Händen von Umweltminister Franz Untersteller erhielt Karl-Heinz Frey die Staufermedaille. Foto: Barbara Gosson

Nürtingen. Zur Verleihung waren viele Freunde und Weggefährten gekommen. Oberbürgermeister Otmar Heirich ließ sich wenig überraschend von Dieter Braunmüller, dem Fraktionsvorsitzenden der Nürtinger Liste/Grüne, vertreten. Der betonte, im eigenen Namen und als Freund Freys zu sprechen. Mit Akribie, Mut, Korrektheit und körperlichem Einsatz habe sich Frey für verschiedenste Projekte eingesetzt: „Wir sind stolz auf dich.“

Als musikalischen Beitrag hatte sich Frey Revolutionslieder aus der Zeit um 1848 gewünscht, zum Beispiel „Die Gedanken sind frei“ oder „Trotz alledem“, gespielt von einer Band rund um Uli Welsner.

Umweltminister Franz Untersteller, der Frey schon lange kennt, hielt die Laudatio. Der Geehrte sei ein besonderer Streiter für den Naturschutz, für den diplomatischen Dienst reiche es allerdings nicht. Die Staufermedaille als Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg für besondere Verdienste um das Gemeinwohl sei durchaus auf Karl-Heinz Frey zugeschnitten. In der Zeit der Staufer wurden viele Impulse gesetzt, die bis heute nachwirken, man denke nur an die Gründung von Städten. Solche Impulse setze auch Frey für die Zukunft.

Mit seiner Arbeit setzt er sich für Schnecken und Muscheln ein, Kleintiere, die keine Lobby haben, ohne die die Welt jedoch bald in organischen Abfällen versinken würde. Untersteller erinnerte an einige von Freys Projekten, zum Beispiel die Kartierung von Orchideen bei Isny, die zur Ausweisung eines Naturschutzgebietes führte.

Auch hier in der Gegend kann man viele Spuren seines Wirkens entdecken, zum Beispiel im Bauernwald bei Oberensingen, wo er die Gunst der Stunde nach dem Orkan „Lothar“ nutzte und kostenneutral im Zuge der Aufräumarbeiten und der Wiederherstellung der Waldwege Tümpel anlegte, die nun Heimat für zahlreiche sonst seltene Amphibien und Ringelnattern sind.

Langen Atem benötigte das Projekt, Schwarzpappeln am Neckar wieder anzusiedeln. Die letzten dieser für die Forstwirtschaft uninteressanten Bäume hat Frey aufgespürt, vermehrt und die Stecklinge großziehen lassen. Dank ihm wachsen an Neckar und Donau wieder ein paar Hundert dieser knorrigen Bäume. „Ohne ihn gäbe es am Neckar keine Schwarzpappeln mehr“, stellte Untersteller fest.

Frey hat nicht nur einen langen Atem, er ist auch streitbar, zum Beispiel wenn aus Versehen eine der letzten Feuchtwiesen in Nürtingen trockengelegt wird: „Das führte bei ihm – vorsichtig gesagt – zu Widerstand.“ Mit Erfolg, nun wollen die Behörden wenigstens das Monitoring verbessern.

Nach dem Motto „Nur was man kennt, schätzt und schützt man“ bietet Karl-Heinz Frey Streuobstprojekte für Kinder an, nicht zu vergessen sei sein Engagement für die Teufelsbrücke.

Sogar in Kroatien war er aktiv und hat durch seine Kartierung verhindert, dass ein ökologisch wertvolles Gebiet zerstört wird. „Um die Natur zu bewahren, scheut er keine Mühe und keine Auseinandersetzung, ganz nach dem Motto ,Viel Feind, viel Ehr‘“, so Untersteller, als er Frey mit Grüßen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann Urkunde und Staufermedaille in Silber überreichte. „Hoffentlich setzen Sie sich in Zukunft auch so ein – aber ein wenig Diplomatie würde dabei nicht schaden“, gab Untersteller Frey mit auf den Weg.

Der so Gewürdigte hat nicht vor, diesen Ratschlag zu beherzigen: „Der heutige Tag ist für die Bestrebungen, die Umwelt nicht ganz dem Profitstreben zu opfern, ein freudiger Anlass“, so Frey, der die Ehrung an alle Umweltaktivisten weitergab, die ihn durch die Jahre begleitet haben.

Trotz seiner vielen Jahre (Frey ist Jahrgang 1944) sei er noch ein ganz passabler Sportler, der 25 Meter in 21 Sekunden schwimmt und 3 000 Meter in 18 Minuten läuft. Doch von allen Sportarten sei die Auseinandersetzung mit Verwaltungen die mit der höchsten Beanspruchung. Während selbst die Strapazen nach einem Ironman oder nach der Besteigung eines Achttausenders nach kurzer Zeit vergessen seien, dauere das Ringen mit einer Verwaltung Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Und der Gegner sei nicht die Natur oder der eigene Körper, sondern eine Phalanx von gut dotierten, von ihrer Unverzichtbarkeit überzeugten Mitspielern, die obendrein noch ungleiche Spielregeln geschaffen hätten. „Für mich ist das die ultimative Sportart, sie fordert das Gehirn und die Ausdauer in einer kaum bekannten Weise.“

Ihm sei vergönnt, Veränderungen in der Umwelt seit vielen Jahren beobachten zu können: 40 Jahre davon aktiv im Naturschutz; noch tiefere Einblicke verliehen ihm die floristischen Kartierungen, die er seit sieben Jahren für das Stuttgarter Naturkundemuseum macht. Gegenüber seiner Jugend im zerbombten Stuttgart sei die heutige Tier- und Pflanzenwelt armselig. Die größte Vielfalt finde sich in Gärtnereien, während es draußen kaum noch Frühblüher gebe. Im gleichen Maße wie die fremden Pflanzen, die Neophyten, zunehmen, verschwinden die heimischen Gewächse, hat Frey beobachtet. Jüngstes Beispiel sei die Bedrohung des Unterensinger Baggersees durch die südamerikanische Ludwigia.

Die Rote Liste sei längst nicht mehr aktuell, vieles, was dort als bedroht gilt, sei längst verschwunden, und bedroht sei mittlerweile, was die Liste noch als vorhanden bezeichnet. Frey hatte noch vieles zu berichten vom Kampf um die Schwarzpappeln, um die Aufnahme der Streuobstgürtel ins Biosphärengebiet, um den Lebensraum von Schnecken und Muscheln. „Wenn ich alles erzählen würde, wären wir noch morgen früh da.“ Freys Selbstverständnis lautet: „Ich kann die Umwelt nicht schützen, darum bin ich kein Umweltschützer, sondern Umweltaktivist.“

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