Lokales

Wilde Krieger und ein leuchtender Wald

Am Heidengraben findet im September ein internationales Keltenfest statt

Die Kelten sind los in diesem Jahr in ganz Baden-Württemberg. Dieser geheimnisvolle Volksstamm hatte auf der Vorderen Alb rund um den Burrenhof seine größte, befestigte Siedlung in Mitteleuropa, und deshalb findet beim Flugplatz in Hülben ein großes Keltenfest statt.

Wehe wenn sie losgelassen: Verschiedene Keltengruppen geben beim Keltenfest Einblick in die Lebensweise dieses Volksstammes. Mut
Wehe wenn sie losgelassen: Verschiedene Keltengruppen geben beim Keltenfest Einblick in die Lebensweise dieses Volksstammes. Mutige Krieger, die sich ins Kampfgetümmel werfen, dürfen dabei nicht fehlen. Foto: privat

Region. Wilde Krieger, versierte Handwerker, talentierte Barden, Bronzegießer, Köche und viele weitere Akteure werden das verträumte Wieseneck, das umsäumt von Hangschluchtenwäldern ist, zum Schauplatz gelebter Geschichte machen: Beim Keltenfest am 22. und 23. September wird hinter dem Hülbener Flugplatz die Zeit um 2500 Jahre zurückgedreht und ein buntes Völkchen wird längst vergangene Zeiten wieder aufleben lassen. Die Besucher sehen Krieger und einfache Dorfleute. Da es in Europa eine richtige Keltenszene gibt, können die Gäste Blechschmieden und Kupfergießern über die Schulter schauen und deren kunstvolle Schalen, Teller und Münzen auf dem Markt bewundern. Bewusst haben die Veranstalter den Termin so spät im Jahr gewählt. Zum einen gibt es zu dieser Jahreszeit keine Kollision mit dem Vogelschutz, zum andern wird es früher dunkel – so können der illuminierte Wald, die bengalischen Feuer und das große keltische Höhenfeuer so richtig zur Geltung kommen.

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„Wir werden mit unserem Keltendorf keinem wissenschaftlichen Anspruch gerecht und wollen das auch gar nicht. Aber wir wollen so nah wie möglich an der Wirklichkeit dran sein“, sagt Jürgen Wünsche von MPS, der Gesellschaft für Marketing und Presseservice, die unter anderem auch die Organisation der Horber Ritterspiele oder die Flammenden Sterne in Ostfildern in Händen hält. Es soll vor allem ein schönes Familienfest werden, bei dem der didaktische Anspruch aber nicht zu kurz kommen soll. „Mittelaltermärkte gibt es viele, bislang aber noch kein Keltenfest – und diese Lücke wollen wir schließen“, sagt Jürgen Wünsche, der dieses Fest gerne als Premiere für viele weitere in den kommenden Jahren sehen würde.

Zu den Veranstaltern zählen zudem FAKT (Förderverein für Archäologie, Kultur und Tourismus) mit Sitz in Erkenbrechtsweiler und die drei Albgemeinden Erkenbrechtsweiler, Grabenstetten und Hülben. Auf Markung dieser drei Gemeinden liegt das größte Oppidum der Kelten in Mitteleuropa. Vor drei Jahren haben sich die Kommunen deshalb zusammengeschlossen, um gemeinsam den Heidengraben auf der Vorderen Alb als Leuchtturmprojekt im Biosphärengebiet Schwäbische Alb fest zu verankern. Kurz darauf hat sich der Verein FAKT gegründet, um genau diesem Anspruch gerecht zu werden. Vieles haben die Vereinsmitglieder in dieser kurzen Zeit schon auf die Beine gestellt. Ein Vorzeigeprojekt ist die Kinderuni, die im vergangenen Herbst erstmals in Zusammenarbeit mit der Universität Tübingen und der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen ihre Pforten öffnete und den Wissensdurst von rund 950 Kindern stillte. In diesem Frühjahr geht es am 25. April mit dem Thema „Warum speien Vulkane Feuer?“ weiter. Drei weitere Vorlesungen werden folgen.

„Für die Region ist das Keltenfest ein herausragendes Ereignis“, sagt Siegmund Ganser, Bürgermeister in Hülben. Er selbst lerne nahezu jeden Tag Neues über die Kelten. „Sie waren unsere Vorfahren, und kaum jemand weiß über sie Bescheid“, bedauert er. Dies soll sich nun mit dem Fest ändern. Bei der Bevölkerung wollen er und seine Mitstreiter ein Bewusstsein für die Kelten schaffen. Die haben sozusagen direkt vor der Haustür gelebt und sind doch bei vielen völlig in Vergessenheit geraten – und das trotz so deutlicher Hinweise, wie sie in den Namen Grabenstetten und Burrenhof zum Ausdruck kommen. Die „Burren“ sind Grabhügel, und die langen Erdwälle des Heidengrabens sind heute noch deutlich in der Landschaft der Vorderen Alb zu erkennen. „Wir leisten mit dem Fest Pionierarbeit“, ist Siegmund Ganser überzeugt. Er hofft auf großes überregionales Interesse, Jürgen Wünsche wird konkreter und nennt 10 000 Besucher als Hausnummer. Die kommen allesamt mit dem Auto, da die Vordere Alb nicht mit einem dichten Nahverkehrskonzept gesegnet ist. Darauf sind die Veranstalter eingestellt. Auf dem Flugplatz der Fliegergruppe Hülben stehen über 3 000 Parkplätze zur Verfügung.

Auch die Gemeinde Lenningen ist in das Keltenfest eingebunden. In der leer stehenden Grundschule in Hochwang findet vom 1. Juli bis 26. August die Sonderausstellung „Kalats, Kelten, Tiguriner – Archäologie am Heidengraben“ statt. Sie bietet Einblicke in die reiche keltische Geschichte der Vorderen Alb im Zeitraum vom 8. bis ins 1. Jahrhundert vor Christus. Im Mittelpunkt stehen in Hochwang der Heidengraben als größte keltische Wallanlage Europas mit seinen Siedlungen, und die ältere, sogenannte Grabhügelnekropole beim Burrenhof, umrahmt von weiteren bedeutenden Fundplätzen. Die Funde spiegeln die Bedeutung der Anlagen und der Lebenswelt der einstigen Bewohner wider, sie zeigen faszinierende Kunst, technisches Know-how und weitreichende Handelsbeziehungen. Mitmachstationen und eigene Kindertafeln sind ebenfalls Bestandteil der Ausstellung.

Das Landesamt für Denkmalpflege hat das Keltenjahr 2012 ausgerufen. „Die Welt der Kelten“ lautet der Titel der großen Landesausstellung in Stuttgart, die im September eröffnet wird und sich der Bedeutung dieser Kultur als eine der prägenden Kräfte der europäischen Geschichte widmet. Zu sehen sind im Alten Schloss und im Kunstgebäude Stuttgart Exponate aus Museen von ganz Europa.

Die Ausstellung wirft ihre langen Schatten weit voraus, denn im ganzen Land bieten Gemeinden, Vereine, Museen und sonstige Institutionen die unterschiedlichsten Veran­staltungen an. Den Beginn auf der Vorderen Alb macht schon am Dienstag, 27. März, der Vortrag „Ein Ring für die Götter? Der Silberring von Trichtingen“. Er findet um 19 Uhr im Sportheim in Grabenstetten statt. Bis Jahresende folgen weitere Abende, die sich um Kelten, Heidengraben und Archäologie drehen.