Lokales

Willkommen in der „Arche“

Sechste Kirchheimer Vesperkirche eröffnet – Mehr als 200 ehrenamtliche Mitarbeiter und Spender

Dem einen gefallen moderne Kirchen wie die Thomaskirche gut, dem anderen sind dagegen altehrwürdige Gemäuer lieber. Wie unbestritten praktisch und flexibel so ein moderner Bau jedoch ist, zeigt sich wieder bei der Kirchheimer Vesperkirche. Sie wurde gestern mit einem Gottesdienst eröffnet.

„Gemeinsam an einem Tisch“: Unter diesem Motto steht die Thomaskirche in der Kirchheimer Aichelbergstraße wieder zwei Wochen lan
„Gemeinsam an einem Tisch“: Unter diesem Motto steht die Thomaskirche in der Kirchheimer Aichelbergstraße wieder zwei Wochen lang als großer Speisesaal zum gemeinschaftlichen Essen zur Verfügung, aber auch für Gespräche und Begegnungen.Foto: Genio Silviani

Kirchheim. In der Thomaskirche stehen keine Bänke im Weg. „Gemeinsam an einem Tisch“, dieses Motto der Vesperkirche galt auch schon für die Sitzordnung beim Gottesdienst. Von jedem der vielen Tische gingen Menschen nach vorne, um an den Altarkerzen ein Licht zu entzünden und zu ihrem Tisch zu tragen. Für Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands Esslingen, war die Eröffnung ein sehr freudiger Akt. Er brachte Grüße aus Nürtingen mit, dort wurde gestern die Lutherkirche ebenfalls zur Vesperkirche.

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Die Thomaskirche in Kirchheim ist nun für zwei Wochen ein Ort der Begegnung. Die beiden Organisatoren, der Kreisdiakonieverband und die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Kirchheim, zählen auf mehr als 200 ehrenamtliche Mitarbeiter und Spender. Das mehrgängige Menü wird ganz entspannt am Tisch serviert, wie in einem Gasthaus. So war es auch gestern. Nur den Kuchen holten die Gäste selbst. „Den Kuchen gibt es morgen“, meinte eine Mitarbeiterin lachend, als die Schlange an der Kuchentheke kurzzeitig sehr lange war.

Wie hatte Margret Oberle, Diakoniepfarrerin des Kirchenbezirks, in ihrer Predigt gesagt? An Spitzentagen könne es in der „Arche Thomaskirche“ etwas eng werden, so wie damals in Noahs Arche auch. Viele diakonische Einrichtungen würden den Namen von Noahs Schiffskasten tragen, die bekannteste wohl die von Bernd Siggelkow in Berlin gegründete Einrichtung für Kinder. Sie habe inzwischen 18 Standorte in Deutschland. In Notzingen betreibe ein Verein eine Arche mit therapeutischem Wohnen.

Der Mensch und eine Vesperkirche, so Margret Oberle weiter, bräuchten mehr als Essen und eine freundliche Bewirtung. „Wir brauchen Gottes Wort des Zuspruchs und Anspruchs.“ Die Geschichte von Noahs Arche erinnere daran, dass das menschliche Leben stets bedroht sei, ob durch eigene Sünde oder äußere Katastrophen. „Persönliche Sintflutgeschichten, in denen einem alles davonschwimmt, könnte wohl jeder erzählen.“ Wenn bei der Erzählung in der Bibel stehe, dass Gott der Menschen und der Schöpfung „gedachte“, sei damit nicht nur Erinnern gemeint: „Er hat gehandelt, damit sich die Dinge zum Besseren wenden.“

Um das Handeln, in und außerhalb der Vesperkirche, ging es auch in den Fürbitten. Eberhard Haußmann bat Gott um „Aufmerksamkeit für das, was im Argen liegt, um mutige Schritte und Feingefühl.“ Letzteres beweisen die Organisatoren der Vesperkirche in kleinen Details: Wenn einer der Bedienung seinen Essensgutschein abgibt, sieht diese nicht, ob der Gast dafür mühsam 1,50 Euro zusammengekratzt oder großzügig 20 Euro gespendet hat. Am Tisch der Vesperkirche sind alle gleich.

Für die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes sorgte als Gast der große Gospelchor der Neuapostolischen Kirche, geleitet von Martina Sturm. Er fühlte sich in modernen deutschsprachigen Kirchenliedern genauso zuhause wie in englischen Gospels. Von allen gemeinsam gesungen wurde der heimliche Vesperkirchenhit „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht“, der sich auf das „Rosenwunder“ der heiligen Elisabeth von Thüringen bezieht.

Bei der Vesperkirche sind alle willkommen, ob als Gast oder als Mitarbeiter. Nur ein Mitwirkender hätte ein sofortiges Hausverbot verdient. Es ist das Mikrofon, das mit seinem Kratzen und Krachen immer wieder störte. Ein Spender für eine neue Mikroanlage, seufzte Eberhard Haußmann folglich, wäre nicht schlecht.

 

Die Vesperkirche in der Aichelbergstraße 585 hat bis Sonntag, 16. Februar, täglich von 11.30 bis 14.30 Uhr geöffnet. Das Essen wird ab 12 Uhr serviert.