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„Wir machen wieder ein Experiment“

Christa Schnitzler aus Owen ist Anwärterin auf den Ehrenamtspreis zum Thema „Bildung“

Naturwissenschaften sind viel zu abstrakt. Und deshalb sind sie auch langweilig und uninteressant. Gegen dieses weit verbreitete Vorurteil kämpft Christa Schnitzler an, und zwar so früh wie möglich: im Kindergarten. Mit „Chemie und Physik im Kindergarten“ gehört die Owenerin zu den Anwärtern auf den Ehrenamtspreis.

Kindergarten Bahnhofstra§e in Owen - Christa Schnitzler macht chemische Versuche mit Kindergartenkindern (Ehrenamtspreis)
Kindergarten Bahnhofstra§e in Owen - Christa Schnitzler macht chemische Versuche mit Kindergartenkindern (Ehrenamtspreis)

Owen. Erwartungsfroh drängen sich acht Kinder in den Raum, in dem Christa Schnitzler schon am Vorbereiten ist. Sie wissen Bescheid, was sie da erwartet. „Das ist lustig“, ruft eins der Kinder aus dem Owener Kindergarten Bahnhofstraße, und schon geht‘s los. Auch wenn es jedes Mal andere naturwissenschaftliche Versuche sind, gibt es feste Regeln und gleichbleibende Rituale. „Wir machen heute wieder . . .“, beginnt die pensionierte Chemielehrerin einen Satz, den die Kinder lautstark vollenden: „. . . ein Experiment“.

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Die Versuchsgeräte, die Christa Schnitzler verwendet, sind den Kindern bekannt. Die gibt es bei ihnen zuhause auch: Vasen, Gläser, Flaschen, Wasser, Tinte, Trichter, Wasserkocher, Thermoskannen. Und selbst die Chemikalien kennen die Kinder schon längst, denn ihre „Chemielehrerin“ verwendet auch hier Alltägliches: Salz, Essig oder Backpulver. Die Kinder dürfen alles anfassen und erzählen, was sie beobachten.

Heute wird das kleine offene Fläschchen mit dem heißen Wasser-Tinten-Gemisch in die große Vase mit kaltem Wasser gesenkt. Aber vorher dürfen sich die Kinder noch durch Anfassen davon überzeugen, dass das Wasser wirklich heiß und kalt ist. Beim eigentlichen Versuch beobachten die Kleinen zuerst ein optisches Phänomen: „Die Flasche wird größer.“ Als dann aber das gefärbte Wasser sofort nach oben zu strömen beginnt, kommt auch prompt die passende Reaktion aus Kindermund: „Wie ‘n Vulkan.“ Passend ist das deshalb, weil Christa Schnitzler das Experiment unter dem Titel „Vulkanversuch“ abgelegt hat.

Dabei geht es aber gar nicht um den Vulkan, sondern um eine ganz andere Erkenntnis, die sich nach einiger Zeit wieder durch Sehen und Befühlen gewinnen lässt. Der entsprechende Merksatz, den alle im Chor sprechen und durch eine Handbewegung noch zusätzlich verdeutlichen, lautet: „Wenn man Kaltes mit Warmem vermischt, dann geht das Warme immer nach oben.“

Und auch zum zweiten Experiment des Tages gehört ein Merksatz: „Luft wirkt isolierend.“ Dass „isolierend“ auch durch „schützend“ ersetzt werden kann, erwähnt die ehrenamtliche Versuchsleiterin beiläufig auch noch. Wichtig ist aber, dass wieder alle Kinder die Erfahrung selbst machen können. Christa Schnitzler hat zu diesem Zweck eine Thermoskanne mitgebracht, die sie sich einmal von oben nach unten hat durchschneiden lassen. In der einen Hälfte ist die Innenhülle erhalten geblieben, in der anderen wurde sie entfernt.

Der Rest ist ganz einfach: Heißes Wasser in beide Schalen gießen, die Kinder Wasser und Metall berühren lassen, und schon gibt es wieder ein Kind, das weiß, dass die Luft im Zwischenraum die entscheidende Rolle spielt. Ein Junge stellt sogar einen viel weitergehenden Bezug dar und erzählt begeistert: „Wir bauen gerade ein Haus, und da haben wir Steine mit Luft drin.“ Nach einer solchen Aussage hat Christa Schnitzler alles erreicht, was sie an einem Vormittag im Kindergarten überhaupt nur erreichen kann. Ihr Anliegen ist es nämlich, die Experimente nicht nur vorzuführen, sondern auch zu besprechen. Sie will Naturwissenschaften vermitteln, und zwar so, dass die Kinder auch daran interessiert sind.

Die anschaulichen Experimente macht sie, um das Interesse zu wecken. Sie sind also kein Selbstzweck. Deshalb arbeitet Christa Schnitzler auch nur mit älteren Kindergartenkindern. Die ganz Kleinen seien noch zu jung, um die Erklärungen zu verstehen. „Die sagen dann zu mir: ,Du kannst ja zaubern‘.“ Und genau das wäre falsch. Denn der Naturwissenschaftlerin geht es nicht darum, den Kindern Tricks vorzuführen, um hinterher bei ihnen toll dazustehen.

Begonnen hat Christa Schnitzler mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit vor acht Jahren in Aachen, wo sie hauptberuflich an einer Berufsschule unterrichtet hat. Immer wieder musste sie dabei feststellen, dass selbst volljährige Schüler von einfachsten naturwissenschaftlichen Zusammenhängen oftmals keine Ahnung hatten. Das wollte Christa Schnitzler von Grund auf ändern, und deshalb hat sie in Aachen Kontakt zu Kindergärten aufgenommen.

Als die Pensionärin vor einem Jahr mit ihrem Mann nach Owen gezogen ist, hat sie sich gleich wieder in einem Kindergarten vorgestellt. Freuen würde sie sich, wenn sie Nachahmer findet: Menschen, die Kinder mit einfachen, aber spannenden Experimenten aus der Erfahrungswelt der Kleinen für die Naturwissenschaften begeistern können.

Christa Schnitzler hat auch schon Angebote erhalten, Schulungen und Fortbildungen für Erzieherinnen anzubieten. Aber das würde für sie zu viel Organisation und zu viel Verantwortung bedeuten. Stattdessen hilft sie eher mal im kleineren Rahmen aus: „Wenn angehende Erzieherinnen so eine Art Lehrprobe machen müssen, dann sind sie dankbar für Hinweise. Und da ist es mir auch wichtig, dass ich helfen kann.“