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Zum Abitur mit Alfred Ill und Josef K.

Beim Prüfungsauftakt der Doppeljahrgänge entstanden gestern in Kirchheim 519 Deutsch-Aufsätze

Jetzt sind sie dran, die Mammutjahrgänge, die durch das Zusammenfallen von G 9 und G 8 entstanden sind. Deshalb waren es insgesamt 519 Schüler, die gestern in Kirchheim zum Abiturauftakt ihre schriftliche Prüfung im Fach Deutsch hinter sich gebracht haben.

Abitur LUG
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Kirchheim. Während andernorts von Turnhallen berichtet wurde, in denen die Doppeljahrgänge ihre Deutschaufsätze zu schreiben hatten, meldeten die beiden allgemeinbildenden Gymnasien Kirchheims keine besonderen Vorkommnisse: Alle Abiturienten brüteten wie immer in „normalen“ Klassenzimmern über ihren Deutsch-Aufsätzen. Einziger Unterschied: Es waren wesentlich mehr Klassenzimmer, weil es wesentlich mehr Schüler waren als sonst. Am Ludwig-Uhland-Gymnasium sind gestern 226 Schüler zur Prüfung angetreten. Am Schlossgymnasium waren es 193.

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Dass sich die Zahl der Kirchheimer Abiturienten nicht komplett verdoppelt hat, ist darauf zurückzuführen, dass sich an den beruflichen Gymnasien nichts geändert hat. Dort gibt es kein G 8. – Doppelt so viele Prüfungsteilnehmer, das bedeutete an den betroffenen Schulen auch: doppelt so viele Klassenzimmer, doppelt so viele Aufsichtspersonen und doppelt so viele Korrektoren. Ansonsten aber ist gestern alles verlaufen wie gewohnt. Fünf Aufgaben standen zur Auswahl, an den beruflichen Gymnasien teilweise dieselben wie an den allgemeinbildenden. Und der größte „Hit“ war wieder einmal die Interpretationsaufgabe, als vermeintlich sichere Sache, bei der man eigentlich nicht völlig daneben liegen kann.

Jeweils deutlich mehr als die Hälfte der Abiturienten hat sich an drei Schulen in Kirchheim dafür entschieden, eine Szene aus Friedrich Dürrenmatts Schauspiel „Der Besuch der alten Dame“ zu interpretieren. Es ging um das Gespräch, das der Güllener Bürgermeister im dritten Akt mit Alfred Ill führt, um ihn als einen Mann mit „Ehrgefühl“ zum Selbstmord zu überreden. Das würde der vom unverhofften Aufschwung bedrohten Gemeinde immerhin das zweifelhafte Todesurteil gegen den Mitbürger ersparen.

Anschließend war die Situation Alfred Ills noch mit der einer anderen literarischen Figur zu vergleichen, mit der von Josef K. aus Franz Kafkas Romanfragment „Der Proceß“. Auch in diesem Fall wird ein dubioses Todesurteil gefällt, auf das der Prozess von Anfang an hinausläuft und das am Ende auch vollstreckt wird. In der gestrigen Abitursaufgabe ging es darum, zu untersuchen, „inwieweit Alfred Ill und Josef K. verantwortungsbewusst handeln“.

In 311 von 519 Deutsch-Aufsätzen ist gestern in Kirchheim nach der Dürrenmatt-Interpretation diese Un­tersuchung angestellt worden. Lediglich an der Max-Eyth-Schule (Technisches Gymnasium) war es gerade mal ein gutes Drittel der 33 Aufsatzschreiber, das sich der „Interpretation zur Pflichtlektüre“ gewidmet hatte. Nebenan in der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule (Wirtschaftsgymnasium) waren es dagegen mehr als zwei Drittel von 67 Prüfungsteilnehmern im Fach Deutsch, die sich mit Dürrenmatt und Kafka befassten.

Die „Analyse und Erörterung“, die nur an den allgemeinbildenden Gymnasien im Angebot war, fand am Schloss- sowie am Ludwig-Uhland-Gymnasium zusammengezählt 86 Anhänger. Das mag am Thema gelegen haben, denn in dem Zeitungstext, der zu analysieren war, ging es um aktuelle Themen wie Doping und Aufputschmittel. Nicht nur Sportler versuchen, der Natur durch künstliche Mittel nachzuhelfen, um bessere Leistungen erbringen zu können oder besser auszusehen. Das Problem ziehe sich vielmehr durch die gesamte Gesellschaft, heißt es im Text.

Was ebenfalls die gesamte Gesellschaft betrifft, das ist das Thema „Liebe“ – seit jeher das zentrale Thema der Lyrik. Immerhin 75 Abiturienten wagten sich gestern an den vier Kirchheimer Gymnasien an den Vergleich der beiden Gedichte „Ein Beispiel von ewiger Liebe“ von Erich Kästner und „Nur nicht“ von Erich Fried. In beiden Gedichten, die leicht verständlich sind, geht es im Grunde genommen um dasselbe Thema, nur aus völlig unterschiedlichen Perspektiven heraus betrachtet.

Das Thema ist die Liebe des Lebens. Kästner schreibt von einer möglichen Liebe zwischen „Ich“ und „Du“, die vor allem deshalb nicht verwirklicht werden kann, weil sich beide nur einen flüchtigen Augenblick lang begegnen. Beide schauen sich an, während ein Bus durch einen Ort im Taunus fährt. Das „Ich“ sitzt im Bus, das „Du“ steht am Gartenrand. Es hätte die ewige Liebe sein können, und es ist sogar die ewige Liebe, weil sie sich nicht der Realität beweisen muss. – Umgekehrt ist es bei Erich Fried tatsächlich die ganz reale Liebe des Lebens. Aber gerade weil diese Beziehung dauerhaft in der Wirklichkeit besteht, kommt das „Ich“ zu der nüchternen Erkenntnis, dass das Leben einfacher sein könnte ohne das „Du“. Trotzdem bekennt sich das „Ich“ nachhaltig zum „Du“, indem es zur verlockenden Möglichkeit eines vermeintlich leichteren Lebens ohne das „Du“ eindeutig Stellung bezieht: „Es wäre nur nicht mein Leben.“

Vernachlässigbar war mit insgesamt sechs Aufsätzen die Resonanz auf die literarische Erörterung zu einer Aussage von Susan Sontag, die in der Erkenntnis gipfelt: „Seriöse Schriftsteller ... regen unsere Phantasie an. Ihre Geschichten erweitern und vertiefen unser Mitgefühl. Sie bilden unsere moralische Urteilskraft aus.“ Was lässt sich dagegen auch sagen? Jeder denkbare Widerspruch wäre mit einem Hinweis auf die fehlende Definition von „seriös“ erledigt. Höchstens an dieser fehlenden Definition lässt sich herumkritteln.

Die gestaltende Interpretation bleibt wohl grundsätzlich eine unbeliebte Aufgabe: 16 Abiturienten der allgemeinbildenden Gymnasien un­ternahmen den Versuch, einen Dialog zwischen dem Kurfürsten von Brandenburg und Martin Luther zu schreiben, der nach der Hinrichtung von Michael Kohlhaas hätte stattfinden sollen. – An den beruflichen Gymnasien gab es noch zwei gesonderte Aufgaben: Neun Aufsatzschreiber entschieden sich für die Analyse eines Zeitungstexts, und 16 schrieben einen Essay zum Thema „Werkstatt Zukunft – Hinterm Horizont geht‘s weiter“.

Am aktuellen Horizont der Abiturienten an den allgemeinbildenden Schulen zeichnet sich für den heutigen Dienstag die Matheprüfung ab, gefolgt von Englisch, Französisch und weiteren Kernfächern. An den beruflichen Gymnasien ist es umgekehrt. Dort soll die Mathematik erst am Freitag auf die Fremdsprachen folgen.