Lokales

Zweigpraxis als Chance für Weilheim

Ein Augenarzt steht ganz oben auf der Prioritätenliste von Bewohnern und Stadtverwaltung

Seit Jahren wünschen sich Bewohner und Stadtverwaltung, dass Weilheim einen Augenarzt bekommt. Besonders für ältere Menschen, Familien und chronisch Kranke sind kurze Wege wichtig. Trotz guter Rahmenbedingungen ist dieser Wunsch bislang aber nicht in Erfüllung gegangen. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

Eine Reihe von Vorsorgeleistungen - wie hier die Untersuchung des Augenhintergrunds - gibt es in Weilheim auch im Brillengeschäf
Eine Reihe von Vorsorgeleistungen - wie hier die Untersuchung des Augenhintergrunds - gibt es in Weilheim auch im Brillengeschäft. Dennoch: Einen Augenarzt ersetzen können die Optiker nicht. Nur ein Mediziner darf diagnostizieren und Krankheiten behandeln.Foto: Deniz Calagan

Weilheim. Der Wunsch nach einer Augenarztpraxis in Weilheim ist groß – wie groß, zeigte eine Bevölkerungsbefragung im Rahmen des Strategischen Entwicklungskonzepts 2010. „Damals haben wir nachgehakt, welche Dienstleistung am meisten fehlt“, blickt Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle zurück. Die Antwort war eindeutig. „Mit Abstand am häufigsten genannt wurde der Augenarzt.“

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Der Grund dafür liegt aus Sicht von Johannes Züfle auf der Hand: „Die Augen untersuchen zu lassen, ist etwas anderes als das Blut oder die Lunge. Oft muss getropft werden, und die Patienten können nicht mehr Auto fahren.“ Dazu kommt, dass insbesondere ältere Menschen und Patienten mit chronischen Erkrankungen öfter zum Augenarzt müssen. „Für diejenigen, die nicht so mobil sind, ist es nach Kirchheim ein weiter Weg“, weiß der Schultes um die Prob­leme der Bürger Bescheid.

Trotz intensiver Bemühungen hat Weilheim aber immer noch keine Augenarztpraxis – und das, obwohl die Rahmenbedingungen für die Ansiedlung nach Einschätzung des Rathauschefs so gut sind wie noch nie zuvor. So sind im neuen „Haus der Gesundheit“ in der Oberen Grabenstraße nicht nur Praxisräume frei. „Es gibt dort unter dem gleichen Dach auch eine Allgemeinarztpraxis und einen Optiker“, sagt Johannes Züfle.

Dass ein Augenarzt in Weilheim fehlt, stellt auch Optiker Siegbert Otto jeden Tag aufs Neue fest. „Die Versorgung ist schlecht“, weiß er aus Gesprächen mit seinen Kunden. „Auf Termine müssen die Patienten monatelang warten, und dann sitzen sie noch stundenlang im Wartezimmer“, gibt er die Klagen wieder. Die Folge: „Die Leute schlampern bei der Vorsorge.“ Um die Engpässe abzudecken, ist Siegbert Otto in die Bresche gesprungen und bietet in seinem Geschäft seit seinem Umzug ins Haus der Gesundheit neue Leistungen an: „Wir können den Augenhintergrund untersuchen und den Augendruck messen“, nennt er Beispiele. Dennoch: „Einen Augenarzt können wir nicht ersetzen“, betont er.

Einfach so eine Praxis eröffnen, das geht bei Ärzten nicht. Um sich niederzulassen, brauchen sie nämlich einen Kassensitz – und der wiederum ist schwer zu bekommen. „Im Moment ist es im Landkreis Esslingen nicht möglich, eine Augenarztpraxis neu zu eröffnen“, informiert Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Es gelte eine Zulassungssperre.

Wie viele Ärzte sich in einem Landkreis niederlassen dürfen, regelt nämlich die gesetzlich verankerte Bedarfsplanung. Sie gibt an, bei welchem Arzt-Patienten-Verhältnis ein Landkreis als ausreichend versorgt gilt und setzt eine Grenze. „So wollte man eine Ärzteschwemme ver­hin­dern“, geht Kai Sonntag auf den Hintergrund der Systematik ein, die vor rund 20 Jahren von der damaligen Bundesregierung eingeführt wurde.

Für den Landkreis Esslingen bedeutet das konkret: Nur wenn ein Augenarzt seine Praxis schließt, kann ein neuer aufmachen. Erschwert wird das Ganze noch dadurch, dass Weilheim bis jetzt noch ein weißer Fleck auf der augenärztlichen Landkarte ist. Und der Umzug einer Praxis – zum Beispiel von Esslingen nach Weilheim – muss zusätzlich von einem unabhängigen Zulassungsausschuss genehmigt werden. „Es darf in Esslingen dadurch keine Unterversorgung entstehen und in Weilheim keine Überversorgung“, erläutert Kai Sonntag. Zudem stelle sich die Frage der Wirtschaftlichkeit: „Ist Weilheim überhaupt so groß, dass es einen Augenarzt tragen könnte?“ Dabei gelte im Landkreis Esslingen die Faustregel, dass ein Augenarzt einen Einzugskreis von 20 400 Einwohnern benötige.

In diesem Punkt sieht Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle kein Problem: „Allein der Verwaltungsraum Weilheim hat 19 000 Einwohner“, legt er dar. „Rechnet man Aichelberg und Zell dazu, sind es schon rund 24 000.“ Die Erfahrung zeige zudem, dass auch Bewohner Jesingens und Naberns zum Einkaufen nach Weilheim kämen.

Eine Chance für Weilheim liegt aus Sicht von Johannes Züfle vor allem in der Option, dass ein niedergelassener Augenarzt eine Zweigstelle in Weilheim aufmacht. Das ist auch laut Kassenärztlicher Vereinigung eine realistische Möglichkeit. Denn wenn ein Arzt aus Kirchheim oder Esslingen eine Zweitpraxis in Weilheim eröffnen würde, bräuchte er keinen weiteren Kassensitz. „Er könnte sogar einen zusätzlichen Arzt anstellen“, verdeutlicht Kai Sonntag. Wege gibt es also – allein der Wille fehlt noch. „Im Moment scheitert es daran, dass kein Arzt Interesse hat“, sagt Johannes Züfle. Das, so hofft er, wird sich in absehbarer Zeit ändern.