Gemeinde Dettingen bedankt sich bei Ehrenamtlichen – Vortrag von Matthias Berg
Der Klügere gibt nicht auf

„Dettingen sagt Danke“: So war eine Veranstaltung überschrieben, mit der die Schlossberggemeinde alle ehrenamtlich Tätigen im Ort für ihren Einsatz belohnte. Im Mittelpunkt des unterhaltsamen Abends stand ein Vortrag des Landrats-Vize Matthias Berg, der auf humorvolle Art von seinem Leben und seinen „Kraftquellen“ erzählte.

Dettingen. Rund 260 Besucher kamen am Donnerstagabend zur ersten „Dankveranstaltung“ dieser Art der Gemeinde Dettingen in die Schlossberghalle. Die Verwaltung will künftig alle zwei Jahre die ehrenamtlich Tätigen im Ort zu einem kurzweiligen Abend mit unterschiedlichem Programm einladen, sagte Bürgermeister Rainer Haußmann. Der Gemeinde sei es sehr wichtig, den Menschen, die ihre Zeit und Kraft ehrenamtlich für das Wohl Dettingens einsetzen, Anerkennung entgegenzubringen. Die Idee zu der etwas anderen „Dankveranstaltung“ ohne Ehrungen oder Preisverleihungen entstand auch im Rahmen der Bürgerbefragung zum Thema Ehrenamt, die in den Sommermonaten in Dettingen über die Bühne gegangen war.

„Sie wollen also einen unterhaltsamen Abend erleben?“, fragte Matthias Berg, Erster Landesbeamter im Kreis Esslingen, zu Beginn seines Vortrags, um sogleich hinzuzufügen: „In welchem Zustand muss eine Gemeinde sein, wenn sie dafür auf einen Beamten zugreifen muss?“ Nun ja, immerhin habe er das passende Hemd angezogen, ergänzte Berg grinsend – „kleinkariert“.

Matthias Berg nimmt sich gerne selbst auf die Schippe. Er ist humorvoll und kann die Menschen zum Lachen bringen – aber auch zum Nachdenken. Das hat der stellvertretende Landrat des Kreises Esslingen, der Jurist, Profi-Hornist sowie der erfolgreiche Behindertensportler und Inhaber von zwei Weltrekorden im Weit- und Hochsprung an diesem Abend eindrücklich bewiesen.

Wie schafft ein Mensch, der conterganbehindert ist und mit stark verkürzten Armen auf die Welt kam, eine solche Karriere? „Es klingt so, als hätte ich alles locker aus dem Ärmel geschüttelt“, sagte Berg. Doch dem sei nicht so gewesen. „Ich hatte auch meine Krisen. Und oft tauchte die Frage auf ,Warum gerade ich‘?‘“, erzählte der 51-Jährige.

In den ersten zehn Jahren seines Lebens hatten Matthias Berg allerdings nie solche Gedanken umgetrieben. Aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, erlebte er eine „super Kindheit“. Seine Eltern hatten ihn überall hin mitgenommen; die Menschen sollten sich daran gewöhnen, dass ihr Sohn an jeder Hand drei Finger und kurze Arme hat. Und das funktionierte: Der junge Matthias Berg war voll integriert, seine Behinderung war kein Problem. Doch dann zog die Familie nach Trossingen. Und Matthias Berg musste plötzlich mit einer „Dreifach-Behinderung“ leben: „Rote Haare, kurze Arme und kein Schwabe.“ Worte wie „Krüppel“ wurden dem Jungen hinterhergerufen, „das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“

Die Folge war, dass sich Matthias Berg zurückzog, sich versteckte und sogar sein geliebtes Horn ein ganzes Jahr lang in die Ecke legte. Doch seinen Eltern gelang es schließlich, ihren Sohn wieder ans Musizieren heranzuführen. Regelmäßig fuhr er dann mit der Bahn zum Musikunterricht nach Freiburg. „Im Zug lief es immer nach demselben Muster ab: Die Leute haben auf meine Hände geschaut – und weggeguckt. Ein Gespräch kam nicht zustande.“ Bis auf das eine Mal, als ihm eine Frau begegnete, die ihm in die Augen blickte und lächelte. Für Matthias Berg war das ein Schlüsselerlebnis: Fortan lächelte er die Menschen an – und sie lächelten zurück. Es kam zu Gesprächen, und plötzlich wurde alles einfacher. „Es war für mich eine wichtige Erfahrung: Ich bin nicht das Opfer, das warten muss, sondern ich kann und muss selbst den ersten Schritt machen.“

Nach dem Abitur studierte Berg Musik und Jura und war parallel dazu Mitglied der Nationalmannschaften in der Leichtathletik und im alpinen Skilauf. „Es hat mich einige schlaflose Nächte gekostet, weil ich dachte, ich muss irgendetwas aufgeben“, berichtete Berg von seinem Zeitdilemma, das sich alsbald eingestellt hatte. Doch Berg lernte, sich zu organisieren und zu disziplinieren – und schließlich alles erfolgreich unter einen Hut zu bringen. Und nicht nur das: Er lernte, Menschen zu begegnen, die ihn wegen seiner Behinderung beleidigten – und zwar mit Humor.

Fünf „Entscheidungen“ dienen dem heutigen Familienvater, der momentan ein Buch über sein Leben und seine Motivation schreibt, als seine ganz persönliche Kraftquelle: „Ich packe es an“, „Ich übernehme Verantwortung“, „Ich konzentriere mich auf das, was ich kann, und nicht auf mein Defizit“, „Ich behandle andere so, wie ich selbst behandelt werden möchte“ und „Ich bin diszipliniert“. „Und das alles zusammen ist die Überschrift des heutigen Abends: Ich bin dabei!“, sagte Matthias Berg zu den Ehrenamtlichen. Wer anderen Zeit und Freude schenke, der beschenke sich selbst. „Geben gibt“, betonte der Landrats-Vize und hatte noch einen weiteren Tipp parat: „Der Klügere gibt in manchen Situationen nach – aber nicht auf.“

Nach dem Vortrag, der die Zuhörer begeisterte und bewegte, ließen die Ehrenamtlichen den Abend bei Häppchen und Gesprächen ausklingen. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von der Göppinger Band „AL-Inclusive“.