Kirchheim. Friedrich Schorlemmers Vortrag in der Reihe „Werte, Ethik und erfolgreiches Wirtschaften“ der Stiftung Martinskirche war ein beständiges „Ja, aber“. So empfahl er seinen Zuhörern sinngemäß, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Sich selbst zählte er beispielsweise gerne zu den Gutmenschen und schlug verbal auf die „Zyniker“ ein, die andere verächtlich als „Gutmenschen“ bezeichnen. Andererseits ist er aber Realist und Pragmatiker genug, um immer wieder zu betonen, dass es ganz ohne Geld eben auch nicht funktioniert.
Bertolt Brechts „guter Mensch von Sezuan“ war deshalb sein Exempel für „das menschliche Dilemma schlechthin“. Ähnlich wie Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind auch Bert Brechts Figuren Shen Te und Shui Ta dieselbe Person, die sich in zwei Figuren geteilt hat: die eine grundgütig und die andere abgrundtief böse. Shen Te ist die gute Frau, die alles verschenkt, Shui Ta der skrupellose und berechnende Kaufmann, der nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Bei Brecht zumindest sind beide Aspekte wichtig, weil immer die eine Person die Fehler ausbügeln muss, die die andere begangen hat.
Insofern bleibt nur ein Mittelweg zwischen Moral und Ethik auf der einen Seite und erfolgreichem Wirtschaften auf der anderen Seite. Friedrich Schorlemmer sprach zwei extreme Gegensätze an, die er beide selbst erlebt hat: den Sozialismus und den Kapitalismus. „In der DDR wurden die Marktgesetze missachtet“, sagte er, „das sollte sich rächen.“ In der DDR sei damals ein Witz kursiert, der mit einer Frage beginnt: „Was ist der Unterschied zwischen Marx und Murks?“ Von der Antwort genügt bereits die erste Hälfte, um alles zu verstehen: „Marx ist Theorie.“
Dem Kapitalismus gegenüber hat Schorlemmer aber ebenfalls eine kritische Haltung: „Jetzt gelten nur noch die Marktgesetze, und auch das kann sich rächen.“ So habe ab 2008 das moralische Versagen der Märkte in die große Krise geführt. Die Frage sei, ob es eine „marktkonforme Demokratie“ braucht, in der alles der Wirtschaft und den Banken unterworfen ist, oder „demokratiekonforme Märkte“, die ihrerseits der Politik unterworfen sind. Ein Antwort darauf lässt sich sicher nicht finden, weil beides Vor- und Nachteile hat.
Mit dem Unterwerfen ist das ohnehin so eine Sache. „Ich will das Geld nicht verdammen. Aber wir müssen uns fragen: Wann unterwerfen wir uns dem Geld und machen es damit vom Mittel zum Zweck?“ Schon 1848 hätten Karl Marx und Friedrich Engels davor gewarnt, dass der Kapitalismus zur Ersatzreligion werde. In diesem Zusammenhang nannte Schorlemmer auch den „wunderbaren Geschichtsmythos“ vom goldenen Kalb: Da habe man alle Werte eingeschmolzen, um das daraus entstandene Monstrum anzubeten.
Und noch einen biblischen Bezug stellte der Theologe explizit zu seinem Thema her – den „starken Satz“ aus dem Neuen Testament: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Auch dazu hatte Friedrich Schorlemmer ein beeindruckendes Beispiel aus der Literatur parat: Tolstois Erzählung „Wie viel Erde braucht der Mensch?“ Als Bauer Pachom bei Sonnenuntergang sein ehrgeiziges, aber rein materielles Ziel erreicht, oder besser „erlaufen“ hat, bricht er tot zusammen. Zumindest erlebt er dadurch nicht den Niedergang alles dessen, was er errungen hat – im Gegensatz zum Fischer und siner Fru. Deren Maßlosigkeit fasste Schorlemmer in einem einzigen Satz zusammen: „Unersättlich sein macht unglücklich.“
Auf der anderen Seite stellte der Referent durchaus fest: „So manches Glück ist materieller Natur.“ Und Geld zu verdienen sei „per se nichts Anrüchiges“. Die Natur oder die Kunst seien auf gar keinen Fall nur unter Kostengesichtspunkten zu sehen und sollten allen Menschen zugute kommen. Aber ohne Geld gehe das nicht: „Trotz allem braucht man Sponsoren für eine Ausstellung.“
Zwei wichtige Kompromissformeln fand Friedrich Schorlemmer schließlich, um den Gegensatz zwischen Ethik und Erfolg zu überwinden. „Die Poesie einer Landschaft, eines Feldes muss uns so wichtig sein wie der Gewinn aus dem Kartoffelanbau“, sagte er, bevor er ganz am Ende feststellte: „Was mein Leben eigentlich ausmacht, lässt sich nicht in Geld beziffern. Aber doch ist es schön, ein bisschen Geld zu haben.“
Bleibende Werte, die über das rein Materielle hinausgehen, ließen sich ohnehin nicht ohne Geld schaffen: „Die prachtvollsten Kirchen sind gebaut worden mit den vielen Spenden der Gläubigen.“ Das gilt genauso für das Unterhalten und Sanieren der Kirchen. Und deshalb gibt es auch die Martinskirchenstiftung mitsamt ihrer Vortragsreihe: Um den Wert erhalten zu können, den dieses Gebäude für viele Menschen hat, ist die Kirchengemeinde auf viel Geld angewiesen.
