Schlierbach. Länger schon suchen Gemeinderat und Verwaltung nach Lösungen, wie das Problem in den Griff zu bekommen wäre. Letztendlich ist die Gemeinde an die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen herangetreten und ist auf offene Ohren gestoßen: Zwei Studentinnen haben sich im Rahmen ihrer Bachelor-Abschlussarbeit des Sees und des Schlierbachs angenommen und Maßnahmen zur Renaturierung aufgezeigt. Dazu hat sich das Projekt „Schlierbach“ quasi im Vorbeigehen ausgeweitet: Eine weitere Studentengruppe von Professor Dr. Christian Küpfer hat das Schlierbacher Innenentwicklungspotenzial unter die Lupe genommen, eine andere Gruppe das Thema „Ökokonto“ für Schlierbach näher beleuchtet.
„Ausgangspunkt war der See“, rekapitulierte Bürgermeister Paul Schmid bei der öffentlichen Vorstellung der Untersuchungsergebnisse der Studenten im Bürgersaal. Viel wurde an dem Schlierbacher Markenzeichen in den letzten Jahrzehnten herumoperiert, wie Schmid erläuterte. Zuletzt wurde der See in den 70er-Jahren aufgefüllt und die Wassertiefe auf rund 80 Zentimeter verringert: Grund war eine Kuh, die im See ertrunken war.
Die Nebenwirkungen der letzten See-OP sind in jedem Sommer spür- und vor allem riechbar: In dem flachen Gewässer vermehren sich die Algen explosionsartig und in der Folge beginnt der See zu stinken. Claudia Fritz, die gemeinsam mit einer Kommilitonin den Komplex „Ortssee und Fließgewässer“ untersucht hat, schlug deshalb in ihrer Vorstellung als erste Maßnahme eine Vertiefung des Sees vor. Der See sollte außerdem zum Spielplatz hin etwas vergrößert werden. Da das Wasser sehr nitrat- und damit nährstoffhaltig ist, regt sie weitere Maßnahmen wie eine Pflanzenkläranlage an, um die Wasserqualität zu verbessern und so das Algenwachstum und in der Folge die Geruchsbelästigung einzudämmen.
Auch der Schlierbach als ortsprägendes Fließgewässer sollte nach Ansicht von Claudia Fritz wieder aufgewertet werden. So präsentierte sie als Erstmaßnahmen den Ansatz, den dominierenden Uferverbau mit glatten Strukturen zugunsten einer standortgerechten Vegetation und noch zu entwickelnden Gewässerrandstreifen rückzubauen.
Unter Umständen könnten solche Maßnahmen Punkte auf einem sogenannten Ökokonto der Gemeinde Schlierbach bringen, wie Cornelia Seitz bei der Vorstellung ihrer Untersuchung deutlich machte. Das Ökokonto ist ein Instrument zur Planung und Erfassung von ökologischen Ausgleichsmaßnahmen, wie sie bei baulichen Eingriffen in die Natur – etwa durch Neubaugebiete – gesetzlich vorgeschrieben sind. Der Trick: Ausgleichsmaßnahmen werden bereits im Vorgriff auf Projekte umgesetzt und in Form von Punkten auf dem Ökokonto gutgeschrieben. Die Punkte werden angespart und auch verzinst.
Die möglichen Ausgleichsmaßnahmen sind vielfältiger Natur: Das reicht von der Ergänzung der Streuobstbestände über die Anlage von Feldhecken bis hin zur Gewässerrenaturierung, wie Cornelia Seitz erklärte. Werden dann tatsächlich für ein Bauprojekt Ausgleichsmaßnahmen fällig, kann zunächst das Guthaben des Ökokontos eingebracht werden. Cornelia Seitz hat gemeinsam mit einer weiteren Studentin große Teile der Schlierbacher Gemarkung untersucht und erfasst, wo die Gemeinde ihr Ökokonto auffüllen könnte. Positives Nebenergebnis: Tatsächlich ist ein Großteil der Schlierbacher Gemarkung laut Cornelia Seitz ökologisch intakt.
Mit den innerörtlichen Entwicklungspotenzialen Schlierbachs hat sich ein weiterer Student in seiner Abschlussarbeit befasst. Da dieser mittlerweile wieder in Köln lebt, hatte sich Prof. Dr. Christian Küpfer bereit erklärt, die Ergebnisse der Arbeit selbst vorzustellen. Flächenwachstum sei für Gemeinden nicht mehr unbegrenzt möglich, so Küpfer. Höhere Kosten für den Unterhalt der ausufernden Infrastruktur wie Straßen und Kanäle seien für die Gemeinden nicht mehr bezahlbar. Ein Übriges bewirke der demografische Wandel: Ältere zögen wieder bevorzugt in die Ortsmitte, da dort die Wege nicht so weit seien. Gleichzeitig habe sich die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in den letzten Jahren vervielfacht.
Für Schlierbach wurde deshalb in der vorgestellten Abschlussarbeit eine Flächenanalyse durchgeführt, wobei gezielt nach potenziellen Bauflächen im Ortskern und nach aktuellen oder absehbaren Leerständen in der vorhandenen Bausubstanz gesucht wurde. Rund 25 Flächen mit einer Ausdehnung von etwa 2 Hektar wurden so innerhalb Schlierbachs identifiziert, die sich für eine gezielte Innenentwicklung anbieten würden.
„Was die Orte ausmacht, sind die Ortskerne“, so Küpfer. Deshalb müssten die Gemeinden alles daransetzen, die Innenentwicklung voranzutreiben. „Wenn die Ortskerne ausbluten, verlieren wir bald auch unsere Kultur“, mahnte der Professor.
