Trialog zwischen Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen, Fachkräften und interessierten Bürgern im Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Linde
„Der Seele tut es gut, wenn man sich austauschen kann“

Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Menschen, die beruflich in der Psychiatrie tätig sind, an einen Tisch zu bringen, dies ist das Ziel des ersten „Trialogs“, der jetzt im Mehrgenerationenhaus Linde stattfand. Die Veranstaltung, initiiert durch die Kirchheimer Selbsthilfegruppe für psychisch kranke Menschen, stieß auf reges Interesse.

Kirchheim. Im Mittelpunkt standen persönliche Erfahrungen Betroffener. Doch auch die gesellschaftliche Bedeutung gelebter Inklusion sowie das Ziel, ein menschliches Bild psychischer Erkrankungen zu fördern, bestimmten die Veranstaltung.

„Der Seele tut es gut, wenn man sich miteinander austauschen kann“, freute sich Sozialamtsleiter Roland Böhringer, der im Namen der Stadt Kirchheim anwesend war, über die Gesprächsrunde. Dass die Versorgung psychisch Kranker immer wohn­ortnäher werde, sei zu begrüßen. Laut politischer Willensbekundung stehe eindeutig fest: „Kirchheim soll eine inklusive Stadt werden.“

Froh darüber, dass sich etwas bewegt, zeigte sich auch Eberhard Haußmann, Geschäftsführer beim Kreisdiakonieverband Esslingen. 


Möglicherweise habe man sich zu lange auf den Errungenschaften der 70er-Jahre für die Versorgung psychiatrischer Patienten ausgeruht. „Danke für diesen Aufbruch!“, meinte Haußmann an die Selbsthilfegruppe gerichtet, für die Petra Besemer das Wort ergriff.

„Das Gespräch ist der Königsweg, um herauszukriegen, wo‘s klemmt“, bestätigte Pfarrer Jochen Maier von der Martinskirche die Bedeutung des Austauschs innerhalb der Selbsthilfegruppe und auch darüber hinaus. Man wende sich dem anderen zu und bringe sich selbst ein. In dem Wissen, wie wertvoll Selbsthilfe sein kann, unterstützen auch einige Krankenkassen Eigeninitiativen aus den Reihen Betroffener. Katja Schön vom Sozialen Dienst der AOK Neckar-Fils unterstrich die Bereitschaft der AOK, der Selbsthilfegruppe bei Bedarf Hilfestellung zu leisten und bei Problemen zu vermitteln.

Den Nutzen der Selbsthilfegruppe, nämlich sich anderen zuzuwenden und gleichzeitig sich selbst einzubringen, vermittelte bestens Rainer Höflacher vom Landesverband Psychiatrie-Erfahrener. Er hielt den Hauptvortrag. Es ging darin um die Situation Betroffener zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und dem Bedürfnis nach Schutz beziehungsweise auch um die Stärkung der Rechte von Betroffenen.

„Selbstbestimmung ist in unserer Kultur Voraussetzung für Lebensglück“, postulierte Höflacher und


ging zunächst auf mögliche Hindernisse für Selbstbestimmung ein. Vor allem von Mitarbeitern in der Psychiatrie, die meinen, selbst zu wissen, was für den Patienten richtig sei, fühlten sich Psychiatrie-Erfahrene häufig gegängelt. Sie wünschen sich mehr sprechende Psychiatrie, aber auch gewaltfreie Psychiatrie.

Themen wie Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung sind besonders heikel. Als Psychiatrie-Erfahrener fand Höflacher durchaus Punkte, die für Zwangsbehandlungen sprechen. Dazu zähle zum Beispiel die Tatsache, dass die Zwangsbehandlung letztlich Leiden ersparen könne oder auch Dritte schütze. Auf der anderen Seite sah er jedoch die Verletzung der Menschenrechte. Manche sagten sogar, Zwangsbehandlung sei Folter. Das Pro und Kontra bewegt sich zwischen den beiden extremen Polen, ob gewaltfreie Psychiatrie möglich sei oder aber als Illusion und Utopie gelte.

Mehr Personal gilt als wichtige Voraussetzung dafür, Zwang und Gewalt verhindern zu können. Betroffene wünschen sich möglichst eine Eins-zu-eins-Begleitung und auf jeden Fall eine bessere ambulante Versorgung und Betreuung.

Dieser Grundgedanke gehört zur eigentlichen Idee des Trialogs, wie die Selbsthilfegruppe mit einem Flyer klarmachte. Viele Patienten können genauso gut und billiger zu Hause betreut werden, heißt es darin. „Dabei muss auch die Gesellschaft umdenken. Kranke, die bisher in Kliniken verschwinden, würden wieder sichtbar“, so die Argumentation weiter.

Auf allgemeines Verständnis für die Vielfalt der Menschen arbeitet der Trialog hin. Das zeigte sich auch in der anschließenden Diskussion mit Dr. Thomas von Cube, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Nürtingen. Für einen stilvollen Rahmen sorgten musikalische Einlagen aus den Reihen der Selbsthilfegruppe.

Wer mit der Freizeit- und Selbsthilfegruppe für psychisch kranke Menschen und deren Angehörige Kontakt aufnehmen will, kann sich an folgende E-Mail-Adresse wenden: SHG-Gruppe-Kirchheim@gmx.eu.