Die Kindertagesstätte der Traub‘schen Stiftung in Kirchheim feiert am Wochenende ihr 125-jähriges Bestehen
Der Stifter mahnt, „nur mit Liebe zu erziehen“

Nicht jeder Kindergarten kann ein solches Jubiläum feiern: Der Kindergarten der Traub’schen Stiftung blickt auf 125 Jahre zurück. Am Wochenende wird deshalb kräftig gefeiert am Gaiserplatz, zwischen Hindenburg- und Dettinger Straße.

Kirchheim. Am Anfang stand ein begüterter Kirchheimer namens Ernst Traub, der im Dezember 1887, im Alter von 46 Jahren, den Kindergarten eröffnete. Die Einrichtung war zunächst als „Obere Kinderschule“ oder auch „Kleinkinderschule der Vorstadt“ bekannt und war erst der zweite Kindergarten in Kirchheim. Die „Untere Kinderschule“ war bereits 1838 auf Anregung von Herzogin Henriette gegründet worden.

Ernst Traub war sicher ein ebenso wohltätiger Mensch wie die Herzogin. Allerdings warb er nicht um Spenden, sondern spendete lieber selbst, und zwar aus seinem stattlichen Vermögen, das er als Kaufmannssohn geerbt hatte. Das Vermögen versetzte ihn in die Lage, als Privatier zu leben. Selbst als Kaufmann tätig zu werden, war ihm wegen eines „Nervenleidens“ nicht möglich. Dieses Leiden wird im Zusammenhang mit Ernst Traub zwar immer wieder erwähnt, aber nie näher diagnostiziert.

Daniela Bleher, Pfarrerin der Christuskirche und kraft Amtes Vorsitzende der Traub‘schen Stiftung, spricht von der „psychischen Belastbarkeit“, an der es Ernst Traub wohl mangelte. Das gilt sowohl für den Kaufmannsberuf als auch für eine Tätigkeit in der Mission, wie sie dem Kirchheimer Wohltäter in jungen Jahren einmal vorgeschwebt haben mag. Er hat sich dann, Daniela Bleher zufolge, überlegt, christliche Lehren auch in Kirchheim weitergeben zu können, ohne deswegen in die Welt hinausziehen zu müssen.

So kam es zur Kindergartengründung unter dem Leitmotiv, das auch in der Festschrift „100 Jahre Christuskirche“ aus dem Jahr 2009 überliefert ist: Ernst Traub war es darum gegangen, „doch gewiss den Kindern den Heiland recht lieb zu machen“. An der christlichen Grundausrichtung des Kindergartens hat sich bis heute nichts geändert. – Und auch eine Bemerkung zur 40-Jahr-Feier des Kindergartens, die im Teckboten vom 17. Oktober 1927 zu finden ist, klingt – von der Sprache abgesehen – in weiten Teilen überraschend zeitgemäß: „Der Wert der Kinderschule, der früher unterschätzt wurde, zeigt sich darin, daß die noch weichen Kindergemüter an Ordnung gewöhnt, in ihrem geistigen Erwachen gefördert, die Zaghaften ermutigt, die Kecken zurückgedämmt werden.“

Dieses 40. Jubiläum seines „Kinderschüles“ hat Ernst Traub längst schon nicht mehr miterlebt. Bereits im Juli 1905 war er mit 63 Jahren gestorben. In seinem Testament hatte er aber die Gründung einer Stiftung für den Kindergarten verfügt. Ernst Traubs Neffe, der Tübinger Landrichter Dr. Hermann Ammon, hat bereits 14 Tage nach dem Tod des Onkels die „untertänigste Bitte“ um Einrichtung der „Oberen Kinderschulstiftung“ an „Seine Majestät den König“ geschickt.

50 000 Mark aus dem Vermögen Ernst Traubs sind in die Stiftung geflossen, um „sein Lebenswerk zu erhalten“, wie es der Neffe ausdrückt. Oft seien es „über 250 Kinder“, die „gleichzeitig der Aufsicht der angestellten 2 Kinderlehrerinnen unterstehen“. Die große Frequenz sei außerdem „der beste Beweis dafür, daß die fernere Erhaltung der Schule einem Wunsche und Bedürfnis der beteiligten Einwohner der hiesigen Stadt entspricht“. Dann führt Hermann Ammon dem König, Wilhelm II. von Württemberg, gegenüber aus, dass der Stifter Ernst Traub „die Freude gehabt, die Kinder der oberen Kinderschule Eurer Majestät anläßlich der Eröffnung der Bahn nach Oberlenningen auf der Vorstadthaltestelle vorstellen zu dürfen“.

Ein König, dem Kindergartenkinder vorgestellt werden, ist 125 Jahre nach der Gründung nicht mehr vorstellbar – so wenig wie eine Betreuungsquote von zwei Erzieherinnen für über 250 Kinder. Auch damalige Erziehungsmethoden werden heute nicht mehr angewandt. Aber selbst an diesem Punkt zeigt sich in der späteren Erinnerung von Schwester Katharine Kirschmann, wie modern Ernst Traub bereits zu Kaisers und Königs Zeiten dachte: „Fast täglich ermahnte er die Schwester, die Kinder nur mit Liebe zu erziehen und doch ja keine Strafe anzuwenden, aber so gerne die Schwester sonst den Willen des Hausvaters ehrte, diesen Wunsch konnte sie eben doch nicht ganz erfüllen, da manchmal die Rute doch gute Dienste tut bei Kindern. Es brauchte lange, bis Herr Traub das einsehen lernte.“

Schläge sind schon längst nicht mehr das pädagogische Prinzip, nach dem die Kinder heute erzogen werden, und die Anzahl der Kinder, die die Traub‘sche Kindertagesstätte derzeit besuchen, liegt bei 35, wie die Leiterin Petra Wolf berichtet. Zehn dieser Kinder sind jünger als drei Jahre, die jüngsten kommen schon mit zehn Monaten in den Kindergarten. Das Gelände des Kindergartens ist immer noch dasselbe wie 1887. Allerdings steht keines der ursprünglichen Gebäude mehr. Die Christuskirche – 1909 als Vorstadtkirche auf dem Gelände eingeweiht, das Ernst Traub dafür zur Verfügung gestellt hatte – ist jünger als der Kindergarten. Und der älteste Kindergartenbau, der heute noch in Betrieb ist, feiert dieses Jahr ein vergleichsweise bescheidenes Jubiläum: Er wird erst 50 Jahre alt.

Eines aber ist heute so aktuell wie zu Zeiten Ernst Traubs. Pfarrerin Daniela Bleher „übersetzt“ das Anliegen des Stifters für die heutige Zeit: „Bildung soll nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein, sondern von der intellektuellen Neugier der zu Bildenden.“

Zum Jubiläum des Traub‘schen Kindergartens gibt es am morgigen Donnerstag zwei Vorführungen des Phoenix-Figurentheaters für Kinder ab 4 Jahren. Um 15 Uhr sowie um 17 Uhr beginnen die Aufführungen von „Das Schneemädchen“, die durch viele Betriebe aus der Nachbarschaft des Kindergartens finanziell unterstützt werden. Karten gibt es im Vorverkauf im „Queens“ und bei der Buchhandlung Bandle.

Info

Am Samstag, 1. Dezember, veranstalten der Kindergarten und die Christuskirchengemeinde von 14 bis 19 Uhr einen großen Adventsmarkt rund um die Kirche. Am Sonntag, 2. Dezember, beginnt um 10.30 Uhr ein Festgottesdienst in der Christuskirche mit anschließendem Mittagessen. Thema des Gottesdiensts ist der „gute Hirte“, der auch für Ernst Traub immer ein wichtiges Thema gewesen war. In der Kirche gibt es die Ausstellung „125 Jahre Obere Kinderschule“.