Firmen nutzen Bildungspartnerschaften, Ausbildungsmessen, BORS und BOGY, um Azubis an Land zu ziehen
Der Weg zur Lehrstelle führt oft über Praktika

Mit dem Thema „Fachkräfte­nachwuchs sichern. Moderne Unternehmen – gute Azubis“ befassten sich im Stadtkino auf Einladung der Kirchheimer Initiative für Ausbildung (KIA) Firmenvertreter, Jugendliche und Verantwortliche von Institutionen, die mit potenziellen Azubis zu tun haben.

Kirchheim. „Es geht nicht nur darum, die besten zu bekommen, wir müssen alle Jugendlichen zu Unternehmen bringen“, betonte Maike Riesenberg, Wirtschaftsförderin der Stadt Kirchheim. Deutlich wurde im Verlauf des Abends, dass der Weg zu einem Ausbildungsvertrag häufig über Praktika führt. „Die Schüler lernen Berufe kennen, die Unternehmen potenzielle Azubis“, umriss Bettina Schmauder, Moderatorin und Vertreterin des BDS, die Win-win-Situation.

Vier Geschäftsführer beziehungsweise Firmeninhaber stellten in Impulsreferaten vor, worauf sie bei Azubis Wert legen und wie sie sie an Land ziehen. Mit 28 Auszubildenden bei 217 Mitarbeitern hat das Autohaus Karl Russ an seinen Standorten Dettingen, Nürtingen, Esslingen und Ostfildern eine recht hohe Quote. „Gute Azubis zu bekommen ist schwierig geworden“, gab der Geschäftsführende Gesellschafter, Stefan Russ, zu. Jährlich schnuppern 30 bis 40 Praktikanten in das Unternehmen hinein, das sich bei Ausbildungsmessen präsentiert und eine Bildungspartnerschaft mit der Teck-Realschule unterhält. Auch werde darauf geachtet, was jemand in seiner Freizeit mache. Wer Leiter einer Jugendfeuerwehr sei, habe auch in einem Betrieb Führungsqualitäten. Azubis bekämen die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten. Wichtig sei ihm jedoch auch, die jungen Leute für Aufgaben in der Gesellschaft vorzubereiten. Beispielhaft nannte Russ die Dettinger Aktion „Dabei“, bei der es um die Bewirtschaftung von Grünflächen im Ort gehe. Inzwischen sei das Unternehmen davon abgekommen, Abiturienten einzustellen. „Wir müssen auch Menschen ausbilden, die bei uns bleiben“, argumentierte Russ.

Thomas Hartmann gewinnt die Azubis für seine Fachwerkstätte für Malerei und Innenausstattung in Holzmaden inzwischen „fast zu 100 Prozent“ über Praktika. Aus der Erfahrung mit unmotivierten Azubis, die ursprünglich eine ganze andere Ausbildung anstrebten, habe er den Schluss gezogen, in die Qualität der jungen Leute zu investieren. Er versuche, Praktikanten ein möglichst breites Spektrum des Berufs zu zeigen. „Bei uns geht es darum, Kundenwünsche zuverlässig umzusetzen“, so Hartmann. Deshalb schaue er mehr auf gute Umgangsformen als auf Noten. Bei ersten Gesprächen sitze mindestens ein Elternteil mit am Tisch.

Wert auf eine besondere Firmenkultur legt Matthias Bankwitz, Geschäftsführender Gesellschafter eines Kirchheimer Architekturbüros. Ausgebildet werden in dem 24-köpfigen Team Kaufleute für Bürokommunikation sowie Bauzeichner. Ein spezielles Ideenmanagement und eine Jahreszielplanung mit allen „Mitspielern“ gehörten genauso zu den Elementen, die die Atmosphäre in dem Betrieb prägten wie gemeinsame Wanderungen, Skiausfahrten, Tischkickerturniere und ein dekorierter Schreibtisch am ersten Arbeitstag.

Hans-Peter Hug-Reitberger, Geschäftsführer von bofrost mit Sitz in Nürtingen, hat – anders als seine Vorredner – offenbar eher Schwierigkeiten, Ausbildungsstellen zu besetzen. „Die Lehrberufe Servicefahrer und Lagerist sucht keiner.“ Als Branche, die im Direktvertrieb arbeite, brauche es Mitarbeiter, die bei Menschen in Privathaushalten punkten könnten. Gute Erfahrungen habe er unter anderem bei der Ausbildung einer behinderten Frau gemacht. „Für mich steht der Mensch im Vordergrund“, so Hug-Reitberger.

Wolfgang Schinko, Vertreter der Jugendagentur und Leiter des Kommunikationszentrums für interkulturelle Zusammenarbeit (KiZ), hat vorwiegend mit Hauptschülern, vereinzelt auch mit Förder- und Realschülern zu tun. Er versuchte zu umreißen, wie die jungen Leute „ticken“: Mit cooler Baseballkappe und Piercings heben sie sich schon äußerlich von Jugendlichen ab, die vor 25 Jahren Ausbildungsplätze suchten. Sie engagierten sich weniger, würden oft in schwierigen Verhältnissen bei Müttern aufwachsen, die die Familie mit mehreren Teilzeitjobs durchfütterten. Chillen, Computerspiele, Frust und Langeweile kennzeichneten die Freizeit. Schinko regte an, individuelle Filme von Betrieben aus Kirchheim und der Umgebung zu erstellen, um den Jugendlichen zu zeigen, wie der jeweilige Berufsalltag aussieht. Firmenchefs sollten sich nicht scheuen, von den Heranwachsenden die im Betrieb geltenden Regeln einzufordern.

„Wir haben viele junge Leute, die trotz offener Stellen auf dem Arbeitsmarkt sitzenbleiben“, so umriss Marianne Erdrich-Sommer, Leiterin der Kirchheimer Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule, das Problem. Moderator Volker Seitz von der Göppinger Agentur für Arbeit wies in diesem Zusammenhang auf ausbildungsbegleitende Hilfen hin. Er warb dafür, auch schwächere Jugendliche einzustellen. „Wenn Sie sehen, einer hat zwar schlechte Noten, aber er ist freundlich, pünktlich und langt gut hin, geben Sie ihm eine Chance.“ Auch die 16-jährige Jugendrätin Vanessa Bruna appellierte an die Firmenvertreter, Schüler mit einer Vier in einem Kernfach nicht einfach abzustempeln.

Anders als gemutmaßt, lassen sich nicht alle Jugendlichen von langen Anfahrtswegen zur Berufsschule schrecken. Der 19-jährige Wendelin Mok, der eine Ausbildung zum Zweiradmechaniker, Fachrichtung Fahrradtechnik, absolviert, ist ein Beispiel dafür: „Ab dem zweiten Lehrjahr sind das bei mir 250 Kilometer.“