Kirchheim. Buchstaben sprudeln und schäumen aus einer Flasche. Sie formen Säulen, Mobiles und Kugeln, die in den Schaufenstern stehen, Wände zieren oder an durchsichtigen Fäden fast schwebend mitten im Raum hängen. Die Skulptur eines
Elefantenkopfs mit Rüssel und Ohren schmückt eine Wand. Beim zweiten Blick auf diese Objekte reihen sich die Buchstaben auf ihnen aneinander und formen Worte. Hunger ist zu entziffern, Drugs (Drogen) oder Apartheid, aber auch Hope, Friendship oder Freedom – Hoffnung, Freundschaft oder Freiheit.
Es ist der Zauber dieses zweiten Blicks, der bei der Ausstellung im Kirchheimer Weltladen Aha-Erlebnisse und überraschende Eindrücke bietet – Neues auch hinsichtlich der Künstler. Keine Werke von den Arrivierten der Kunstwelt sind dort zu sehen. Schülerinnen und Schüler des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums (LUG) präsentieren sich, angeleitet von den Kunst-Lehrerinnen Nicole Baisch und Claudia Zeller-Sauter. Im Kunstunterricht von fünften, siebten und zehnten Klassen des LUG und in der Kunst-AG, in der sich Schüler aller Altersstufen in ihrer Mittagspause künstlerisch betätigen, sind die Werke entstanden.
„Listening with my eyes – hören mit meinen Augen“ heißt ein Teil der Ausstellung. Formal lehnen sich die Arbeiten an Ebon Heath an, einen jungen US-amerikanischen Grafik-Künstler und -Designer, der sich in Kunstkreisen gerade einen Namen macht mit seiner „visual poetry“, einem Spiel mit der sinnlichen Erlebbarkeit von Worten. Sie tanzen geradezu durch den Raum, befreien sich durch die unregelmäßige Anordnung der Buchstaben, wecken Assoziationen und setzen Gedankenketten in Gang. Und sie lassen das, was das Auge sieht, hörbar werden: Das Auge sieht die Worte, das Ohr vermeint ihren Widerhall zu hören. Über seine Kunst sagt Heath selbst: „Wenn Worte lebendig werden, wird es dabei nicht still zugehen. Einige mögen schreien oder flüstern, aber alle haben etwas zu sagen.“ Die Schülerinnen und Schüler des LUG greifen das in ihrer Schau mit so viel Kreativität, Fantasie und Akkuratesse auf, dass das Ergebnis einen staunen macht und hohes Lob verdient.
„Vernetzung“ ist der Oberbegriff für den anderen Teil der Ausstellung, besonders schön und eindrücklich dargestellt in einer Arbeit im Schaufenster; fragile menschliche Figuren aus Pappmaschee stehen dort, stützen sich gegenseitig, geben sich Halt, türmen sich zu einer aufwärts strebenden Pyramide. Marlene Maier und Celina Spitzenberger aus der siebten Klasse gaben den zahlreichen Anwesenden eine informative Einführung in die Ausstellung – und fanden eine charmante Erklärung für die ausgestellte Menschenpyramide: Die zeige, dass die Schüler der Kunst-AG sich bis zum Weltladen aufgebaut hätten.
Eine solche Vernetzung ist auch die Zusammenarbeit von Weltladen und Ludwig-Uhland-Gymnasium. Schon zum wiederholten Mal wird das Ladengeschäft des Eine-Welt-Vereins zur Bühne für das, was die jungen Kunstschaffenden des LUG präsentieren. Für soziale und globale Verantwortung stehen die Ausstellungsstücke, aber auch der Ausstellungsort. Auf die Arbeit im Schaufenster hob Songard Dohrn, die Vorsitzende des Kirchheimer Eine-Welt-Vereins, in ihrer Begrüßung ganz besonders ab. Sie zeige die Verbindung von Menschen zu einem Netzwerk, stehe für die Qualitäten, die auch dem Verein wichtig seien – den anderen wahrzunehmen und ihm auf Augenhöhe zu begegnen sei die Voraussetzung für faire und verantwortungsvolle Globalisierung. Eine zweite Arbeit zeigt die Umrisse von Afrika und wird in ihrer Aussage noch konkreter: „Faire Preise für harte Arbeit“ steht darauf und „Menschenrechte und Freiheit“.
Die Schüler hätten mit ihren Gedankensplittern und Textfragmenten, gefertigt aus alten Flyern des Leitbilds der Schule, „den didaktischen Wasserkopf zum Platzen gebracht“, freute sich Claudia Zeller-Sauter auch über den Ausstellungsort Weltladen, „wo ein anderer Teil der Welt und andere Geschichten einen anschauen.“
Zu sehen ist die Ausstellung während der Öffnungszeiten des Weltladens.
