Landestheater Burghofbühne Dinslaken präsentierte in der Stadthalle Hans Weingartners Sensationserfolg
„Die fetten Jahre sind vorbei . . .“

Kirchheim. Sich mit Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ zu messen, ist mutig. Im Sommer 2003 gedreht, sorgte sein mit viel Furor gedrehter Streifen für Furore. Weit 


entfernt vom Mainstream wurde er bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes für die „Goldene Palme“ nominiert, begeisterte neben Juroren auch ein Millionenpublikum und wurde zum Kultfilm.

Dass der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnende Hans Weingartner nicht nur einen Nerv, sondern auch den richtigen Ton getroffen hat, blitzte beim Gastspiel des Landestheaters Burghofbühne immer wieder durch. Aus dem großen Schatten des mit dem „Deutschen Filmpreis in Silber“ ausgezeichneten Geniestreich des meisterhaft umgesetzten und zweifellos gerade für die Theaterbühne geeigneten Stoffes kam die Adaption der Burghofbühne aber nie richtig heraus.

Hans Weingartners kongenial besetztes Original setzt sich in oft komödiantischer Leichtigkeit und doch passendem Ernst konsum- und kapitalismuskritisch, vor allem aber lebensklug mit der bundesrepublikanischen Selbstzufriedenheit der Wirtschaftswunderjahre auseinander. Er blickt dabei nicht nur in die wunden Seelen der legendären Alt-68er, sondern kennt ihre oft erstaunlichen Biografien. Die daraus abgeleitete Skepsis beeinflusst auch sein Bild der engagiert für ihre Überzeugungen von einer besseren Welt kämpfenden Nachfolgegeneration.

Mit den gesellschaftlichen Zuständen von damals wie heute gleichermaßen unzufrieden, schafft er eine theaterkompatible fiktive Welt voll vermeintlicher Gegensätze und Widersprüche, in der entschlossene Aktivisten der Jetztzeit gewaltarm, aber einfallsreich den Palästen den Krieg ansagen und den Hütten wohligen Frieden versprechen wollen.

Lars Helmer inszeniert seine Anti-Globalisierungs-Komödie in einem praktisch nur aus Umzugskartons bestehenden, kargen Bühnenbild und sorgt – auf die Fantasie des Publikums bauend – mit viel eingespielter stimmiger Musik für die passende Atmosphäre. Er kommt damit Weingartners typischem Minimalismus geringer Budgets und kleiner Besetzungen sehr nahe. Dass er der recht werkgetreu und dialoggenau übertragenen Geschichte zuletzt auch noch ein wohlfeiles Happy End mit auf den Weg gibt, war vielleicht gut gemeint, sorgte aber für einen überraschenden und etwas unausgegoren wirkenden Schluss.

Auch Weingartners Film-Finale überrascht, denn es bestätigt zunächst gewissenhaft angefütterte Mutmaßungen, hält letztlich aber doch die zwischen den vier unterschiedlichen Akteuren aufgebaute Spannung in der Schwebe und lässt Raum für eigene Deutungen.

Jan (David Ziegelmaier) und Peter (Carsten Caniglia) bereitet es anarchistisches Vergnügen, das Leben der „verhassten Bonzen“ in Unordnung zu bringen. In Unordnung gerät aber auch ihre adrenalingesteuerte Agitation. Peters nicht nur politisch sondern auch libidinös überaus aktive Freundin Jule (Stefanie Obermaier-Staltmaier) läuft heimlich zu seinem besten Kumpel über. Aus der offenen Weltverbesserer-WG wird damit eine fast tragisch endende Dreierbeziehung, was den Kampfgeist der Truppe im ungeeignetsten Zeitpunkt entscheidend schwächt.

Um ein Zeichen gegen Materialismus, Oberflächlichkeit und Konsumwahn zu setzten, verkehren Jan und Peter schließlich nächtens in den allerbesten Kreisen. Die in Abwesenheit der wohlhabenden Besitzer besuchten Villen sind anschließend nicht wiederzuerkennen. Statt zu stehlen, toben sich die selbst ernannten „Erziehungsberechtigten“ als Installationskünstler aus, werfen Wertvolles in Toilette oder Pool, stapeln Schätze destruktiv aufeinander und versehen das Angst und Schrecken erweckende Ergebnis ihrer nächtlichen Aktionen mit Botschaften wie „Ihr habt zu viel Geld“ oder dem Hinweis darauf, dass „die fetten Jahre“ endgültig vorbei sind.

Als sie auf frischer Tat ertappt werden, eskaliert das Geschehen und mündet in eine dilettantische Entführung, die eklatante Konflikte offenbart. Manager Hardenberg (Anton Schiefer) gibt sich aber immer mehr als einstiger Bruder im Geiste zu erkennen. Auch er kämpfte früher gegen Kapital und Konsum, war Kritiker der Gesellschaft, überzeugter Revolutionär und Weltverbesserer, bevor er sich für den unaufhaltsamen Aufstieg und die Macht des Geldes entschied. Die Entführer lassen in frei, obwohl sie wissen, dass er sie verraten wird. Er dagegen ahnt nicht, dass sie dann längst mit seiner gestohlenen Jacht unterwegs sein werden, um Satellitenmasten zu kappen.