Der katholische Pfarrer Anselm Jopp hat seinen Ruhestand am Neujahrstag in Kirchheim begonnen
„Die Gemeinde hat mich bekehrt“

Am Silvestertag 2012 feierte Pfarrer Anselm Jopp seine letzte Eucharistiefeier in der katholischen Kirchengemeinde Frickenhausen/Großbettlingen. Ein einschneidender Abschied für den 80-jährigen Priester, der über fünf Jahrzehnte Pfarrer der Kirchengemeinde Frickenhausen war. Seinen letzten Lebensabschnitt wird der ehemalige Esslinger Kreisdekan nun in Kirchheim verbringen.

Kirchheim. Als Jopp einst im Jahr 1962 nach Frickenhausen kam, war er der erste katholische Priester nach der Reformation. Erst mit den Heimatvertriebenen kehrte rund ums Neuffener Tal wieder katholisches Leben ein. Diesen ersten Tag in der Diaspora des Septembers 1962 wird er nie vergessen: „Es war trostlos. Kein Mensch hatte mich hier erwartet. Ich stieg aus meinem VW Käfer in der Hauptstraße in Frickenhausen aus und fragte mich durch, bis ich auf den ersten Katholiken traf. Schließlich landete ich beim Pfarrer von Nürtingen, der mich mürrisch empfing und mich als seinen Vikar einsetzen wollte. Da musste ich zum ersten Mal widersprechen“.

Innerkirchlich Widerspruch zu leisten, das sollte zu Jopps lebensbegleitender Aufgabe werden. Wenige Jahre nach der Ankunft in Fricken­hausen schrieb er einen verzweifelten Brief an die Kirchenleitung in Rottenburg und fragte: „Wozu habe ich zwei Kirchen gebaut, wenn rund 80 Prozent der nach dem Krieg getrauten Katholiken nach den geltenden Moralregeln nicht zur Kommunion gehen dürfen?“ Er habe nie eine Antwort erhalten, sagt Anselm Jopp. „Meine Gemeinde hat mir die Antwort gegeben. Sie hat mich bekehrt. Nicht das Kirchenrecht ist mein Leitbuch, sondern die Bibel mit ihrer ermutigenden und befreienden Botschaft. Wir gehören alle an den einen Tisch des Herrn“, so Jopp, der über 40  Jahre lang niemandem die Hostie verweigerte und eucharistische Gastfreundschaft lebte. Die nötige Plattform, um auf seine Überzeugungen aufmerksam zu machen, gab ihm später als Dekan von Nürtingen seine Teilnahme an der Diözesansynode 1985/86, die er heute als sein „Lebensereignis“ bezeichnet.

Hinzustehen, wenn man anderer Überzeugung ist, das hatte Jopp schon in der Kindheit in seinem Heimatdorf Wellendingen erlebt; sein Vater war ein engagierter Katholik, der sich öffentlich gegen das Naziregime aussprach und seine beiden Söhne sonntags in die Kirche und nicht zur Hitlerjugend schickte. „Diese Gottesdienste haben meinen Glauben stark gemacht“, sagt der 80-Jährige rückblickend. Seit seinen Kindertagen hat Anselm Jopp nur ein einziges Mal krankheitsbedingt eine sonntägliche Eucharistiefeier versäumt. Es sei für ihn daher selbstverständlich, dass dies auch im Ruhestand in Kirchheim so bleiben soll. „Das Evangelium ist meine Quelle der Kraft“, so Jopp.

Nun ist der in Rottweil geborene Jopp in Ötlingen eingetroffen und ist damit einer von fünf katholischen Ruhestandspfarrern, die heute im Bereich der Seelsorgeeinheit Kirchheim leben, vier davon in der Gemeinde Sankt Ulrich, einer in Maria Königin.

Nach 50 Jahren soll für Jopp und seine Pfarrhausfrau Kirchheim zur neuen Heimat werden. Über seine Zeit in Frickenhausen und Großbett­lingen sagt er: „Das ist Heimat, die ich im Herzen mitnehme“. Sein Augenmerk gilt jetzt vornehmlich der Lektüre: Er möchte sich Zeit nehmen, um sich mit geistlichen Schriften zu befassen, mit Schriften zum Gottesbild in Beziehung zu den Naturwissenschaften. „Und ich werde weiterhin über Lösungen für die bedrängenden Fragen kirchlichen Lebens nachden­ken“, sagt Jopp. Dabei werde er wie schon Zeit seines Lebens das Wohl der Glaubenden im Auge haben und nicht das Wohlwollen der Amtsträger. Dass Jopp sich noch einmal mit Aufsätzen und Schriften zu Wort melden wird, schließt er nicht aus.