Nicole Mohn
Weilheim. Zunächst markierten die jungen Musiker, derzeit rund 70 aus den verschiedensten Ecken des Kreises, schon mit dem Eröffnungsstück „Excelsior“ des Komponisten Rob Goorhuis, wie hoch die Latte in der voll besetzten Halle gelegt werden würde. Das Pflichtstück des hochklassigen Musikpreises der Stadt Brühl, wo das KJO mit seinem Dirigenten und musikalischen Leiter Wolfgang Wössner 2011 den zweiten Platz belegte, erfordert einiges an Können und Technik. Wohlgesetzte Akzente des angewachsenen Schlagwerkes sowie die kleinen Soloparts für Oboe (bravourös: Lisa Speidel) und Klarinette (Erik Gebauer) forderten Konzentration und Präzision. Die verschiedenen Stimmungen boten dem Orchester Gelegenheit, sowohl in den leisen, sanften Passagen als auch bei starken Blech-Anteilen zu glänzen.
Immer wieder gab Wössner seinen Musikern Gelegenheit, sich als Solisten zu beweisen. Beim „Karneval von Venedig“ standen zwei aus der Riege der Trompeter ganz vorne. Das bekannte Stück von Jean B. Arban, bei dessen Namen die Augen der Bläser meist zu strahlen beginnen, steckt voller technischer Finesse und kniffliger Variationen. Simone Seybold und Stefan Koch zeigten als Solisten, dass das KJO hochklassig besetzt ist und begeisterten mit ihrer Interpretation.
Sagen aus der Schweiz hat Etienne Crausaz in „Tales and Legends“ zu musikalischen Bildern verarbeitet. Die ausdrucksstarken Kompositionen im Arrangement von Donald Hunsberger wandelten die Musiker gekonnt um, sodass beim Publikum während des Stückes ein wahrer Film im Kopf ablief. Dunkel und düster war der erste Satz, der die Geschichte der Hexe Catillon erzählt. Als letzte Frau kam sie im ehemaligen Kanton Gruyére 1731 auf den Scheiterhaufen. Narrenschellen, freche Sprünge und Kapriolen dagegen schlägt die Musik im zweiten Satz, der dem Hofnarr Chalamala huldigt. Prächtig, prunkvoll mit Fanfaren und höfischen Tänzen ist die Szenerie des dritten Satzes, der das verschwenderische Leben und den Untergang des Grafen Michael beschreibt.
Spiellaune und Lust spürt man, wenn das KJO den „Superman March“, die legendäre Filmmusik von John Williams zum Klassiker aus dem Jahre 1978 anstimmt. Stolz tönt das Blech, jubeln die Flöten dem Helden zu. Und lustvoll ist auch der Ausflug in die goldenen Zwanziger mit dem Medley aus bekannten Stummfilmen und alten Broadway-Musicals, das sozusagen zu den Wurzeln der modernen U-Musik führt. Reizvoll ist hier vor allem der „Piccalilli Rag“, der flott und unbeschwert daherkommt.
Das KJO erwies dann dem Mann die Ehre, der sie in den vergangenen neun Jahren in musikalische Höhen gebracht hatte: Wolfgang Wössner. Denn für den engagierten Dirigenten war es das letzte gemeinsame Konzert mit dem Auswahlorchester des Blasmusikverbandes Esslingen. Ihm zu Ehren stand sein Arrangement zum Musical-Erfolg „Tanz der Vampire“ auf dem Programm. Dies zelebrierten die Musiker mit Wössner am Dirigentenpult hingebungsvoll.
Dann war sie da – die Stunde des Abschieds. So manche jungen Männer und Frauen konnten die Tränen nur schlecht zurückhalten. „Sie haben das KJO in den Olymp der Musikwettbewerbe geführt“, würdigte Verbandspräsident Markus Grübel den scheidenden musikalischen Leiter. Mit Wössner hatte das Orchester das Schlagwerk ausgebaut, auch das Bariton-Saxofon wurde gefördert. Dank der guten Verbindungen des Dirigenten durfte das Nachwuchsorchester außerdem selbst mit Komponisten arbeiten und bekam Arrangements aus Wössners Feder frisch vom Druck.
Der Abschied erfolge schweren Herzens, beteuerte Wössner. Der Familie wegen tritt der Stadtmusikdirektor von Villingen-Schwenningen kürzer und trennt sich vom KJO. „Ein Orchester auf diesem Level zu halten, erfordert nicht nur Probenarbeit, sondern auch viel Vorbereitungszeit“, betonte er.
Ohne Sponsoren freilich würde sich auch das KJO in vielen Bereichen der Förderung schwertun. Der Konzertabend war deshalb zugleich ein Dankeschön an die Energieversorgung Baden-Württemberg, die das Auswahlorchester sowohl im vergangenen Jahr als auch 2012 finanziell unterstützte beziehungsweise unterstützt. Mit den Geldern, so Grübel, kaufe das KJO vor allem seltene und dadurch meist teure Instrumente. „Aus dem normalen Etat wäre das kaum möglich“, unterstrich der Präsident.
Mit dem Abschied Wössners wird beim KJO ein Schnitt gemacht. Auch etliche der Musiker werden aus Altersgründen das Ensemble verlassen. Im Herbst, so Vizepräsident Walter Glaser, soll es dann mit dem neuen musikalischen Leiter weitergehen. „Derzeit läuft das Auswahlverfahren.“
Zuvor aber zog das KJO noch mal alle Register und begeisterte mit dem Medley aus „Tanz der Vampire“ und mit den Zugaben. Dabei nahmen die Musiker ihrem Dirigenten sozusagen den Stab aus der Hand und intonierten, sehr zu seiner Verblüffung, Grönemeyers „Mambo“ mit Trillerpfeifen und sattem Sambabeat. Anschließend wollte niemand die Bühne verlassen und damit den letzten Schritt zum Abschied vollziehen. Deshalb bat das KJO als Sahnehäubchen noch einmal zum „Tanz der Vampire“.
