Kirchheim. Man kann einen großen Raum optimalerweise mit Licht füllen. Noch effektiver ist die Füllung
Ralf Sach
mit Luft. Und wenn diese Luft dann noch so wunderschön anrührend klingt wie beim Konzert der Stadtkapelle in der Martinskirche am vergangenen Sonntag, dann bleiben für Fans kirchlicher Musik kaum Wünsche unerfüllt.
„Stadtkapelle hilft Martin“ war die Abendmusik augenblinzelnd angekündigt, denn eigentlich war es ja der Namensgeber von Kirchheims ältestem Gebäude, der wegen seiner Hilfsbereitschaft zum Heiligen erkoren wurde. Aber auch ihm konnte geholfen werden. Zunächst einmal durch einen stolzen Betrag, den die zahlreichen „Krankenbesucher“ nach der grandiosen Musikdarbietung zusammentrugen.
Viel höher ist allerdings sicher der Effekt öffentlicher Wahrnehmung anzusetzen, den die Martinskirche unbedingt benötigt, um die Postkarten Kirchheims auch in Zukunft schmücken zu können. Und vor allem, um helfend und stärkend für die Bürger dieser Stadt aktiv bleiben zu können, denn das Ausmaß der Dachschäden ist immer wieder frappierend, wie eine Fotodokumentation im Innern des Kirchenraums fotografisch belegt.
Die Kirchheimer Stadtkapelle und die Martinskirchenmusik blicken auf einen gemeinsamen Ursprung – das städtische „Collegium Musicum“, 1682 erstmals erwähnt – zurück. Und es war, als wollten dies vor allem die Bläser unmissverständlich unterstreichen, indem sie im „Gloriosa“ des japanischen Komponisten Yasuhido Ite ihre Instrumente absetzten und sonor das gregorianische „Oratorio“ sangen.
Die mittelalterliche Atmosphäre aus jener Zeit, in der der gotische Hochchor der Martinskirche errichtet wurde, provozierte Gänsehaut und zeigte andererseits auch, dass diese Musikepoche in der aktuellen klassischen Musik wieder eine wichtige Rolle spielt. Und dass Ito sein mittlerweile auf der ganzen Welt verbreitetes Werk bewusst nicht als „geistliche Komposition“ verstanden wissen wollte, dokumentiert eindrücklich die Durchlässigkeit sinnloser Unterscheidungen in „kirchliche“ und „nichtkirchliche Musik“.
Das fanfarenartige „Pian e Forte“ des italienischen Renaissance-Komponisten Giovanni Gabrieli zur Eröffnung wiederum offenbarte die andere Seite der Medaille: Ein „sacrales Werck“, wie der Komponist selber betont, im Klanggewand des „weltlichen“ Madrigals. Die erstmals in diesem Stück vorgeschriebene Terrassendynamik wurde von einem Blechbläserensemble der Stadtkapelle beeindruckend sensibel in die Kirchenraumakustik entlassen. In Präzision und Intonation blieben keine Wünsche offen, was durch wohlige Seufzer aus dem Publikum unterstrichen wurde.
Der „Weltgeist“ wird in Hermann Hesses bekanntem Gedicht „Stufen“ als Ursache dafür angesehen, dass jedem Anfang „ein Zauber inne wohne“. Wieder ein sehr doppeldeutiges Bild. Der 1959 geborene Komponist Jacob de Haan malte in seinem dieses Gedicht einkleidenden Tongemälde einen Weltgeist, der als Stimme der Seele von der jungen Mezzosopranistin Anna-Maria Wilke in berührender Anmut verkörpert wurde. Ihre vibratoreine und klare Stimme bedurfte keiner kraftvollen Lautstärke, um sich vor einem voll besetzten symphonischen Blasorchester Gehör zu verschaffen.
Beinahe unbekümmert spann sie endlos lange Melodiefäden, die vom Klangteppich des Orchesters behutsam getragen wurden, und es machte dabei immer wieder Spaß, dem Leiter der Stadtkapelle, Marc Lange, beim feinsinnigen Zusammenführen dieser beiden Klangkörper zuzuschauen.
In seiner Ouvertüre „Mountainroads“ für Saxofonquartett verquickte der amerikanische Komponist David Maslanka rhythmische Musik der heutigen Zeit mit Kanons von Johann Sebastian Bach, in dem er den Urtypus universeller Musik sah. Die Bergstraße schien tatsächlich mit der Musik Bachs einen ordnenden Rahmen zu erhalten, und das Saxofonquartett der Stadtkapelle nahm hochvirtuos vorweg, womit dieser faszinierende Abend feierlich ausklang: Bachs populäre Choralbearbeitung über „Jesus bleibet meine Freude“.
Die Stadtkapelle teilte ihren Mantel für die Kirche des Heiligen Martin. Mögen noch viele ihrem tatkräftigen und erfolgreichen Beispiel folgen.
