Bianca Lütz-Holoch
Kirchheim. „Jeder Mensch hat genau 24 Stunden pro Tag Zeit“, sagte Katja Popplow bei ihrem Vortrag in der Kirchheimer Schlosskapelle. Vor vollen Reihen sprach die Psychotherapeutin und bekennende Christin unter der Überschrift „Wie ver(sch)wende ich meine Zeit?“ über den Umgang mit Zeit, deren Macht, Grenzen und Endlichkeit. Dabei lieferte sie viel Wissenschaftliches und Erfahrungen aus ihrer Praxis. Sie ging auf Krankheitsbilder ein, gab Ratschläge und flocht immer wieder die Bedeutung des Glaubens ein.
Obwohl jeder täglich über gleich viel Zeit verfüge, sei die Wahrnehmung sehr subjektiv, gab Katja Popplow zu bedenken. „Kranken erscheint die Zeit oft unendlich lang, Verliebten viel zu kurz“, nannte sie Beispiele. Als Zeiträuber identifizierte sie die Aufschieberitis ebenso wie Unordnung oder die Angst, nein zu sagen. „Oftmals gerät das Zeitmanagement in Schieflage, weil ein Ja gegeben wird, das ein Nein hätte sein sollen“, so Popplow. Dahinter stecke meist die Angst, auf Kritik oder Ablehnung zu stoßen und sich unbeliebt zu machen. „Gehen Sie das Risiko ein und haben Sie den Mut, auch einmal nein zu sagen“, rief Katja Popplow ihre Zuhörer auf.
In die Abteilung „Zeitverschwendung“ ordnete die Psychotherapeutin auch all solche Phasen ein, in denen sich Menschen in negativen Gefühlen verzettelten und daran hängen blieben, etwa in unberechtigtem Jähzorn, rigiden Unversöhnlichkeiten oder Eifersucht. „Dann sollte man seinen Gedanken ein Stoppschild entgegenhalten“, empfahl die Psychotherapeutin und betonte: „Im Denken fängt alles an.“
Manche Menschen hätten einen krankhaften Umgang mit Zeit. Oftmals überdeckten starre Raster von Zeitempfinden unbewusste Unsicherheiten. Zwangsneurotikern und Perfektionisten böten starre Zeitgitter Schutz und Sicherheit. Aber: „Man muss nicht im Gefängnis der Zeit bleiben“, betonte die Psychotherapeutin und riet, an der Loslösung von Zwängen und Perfektionsdrang zu arbeiten. Wer auch mal das Nichtstun genießen könne, tue seiner Gesundheit etwas Gutes. Zudem sei es befreiend, sich vom dauernden Streben nach Perfektion zu verabschieden: „Leistung kann nicht die Grundlage für die Sinnhaftigkeit des Lebens sein“, mahnte Popplow.
„Die Zeit jagt uns in die Enge von Hektik und Stress“, sagte Popplow. Viele Menschen hätten sich dem hohen Tempo so sehr angepasst, dass sie es nur schwer hinnehmen könnten, wenn die Geschwindigkeit einmal aus ihrem Leben herausgenommen werde. „Sie reagieren zum Beispiel aggressiv, wenn sie mal warten müssen“, hatte Katja Popplow ein Beispiel parat.
Auch da gelte es, entgegenzusteuern. „Gemächlichkeit bedeutet Streicheleinheiten für die Seele“, sagte die Psychotherapeutin. Glück finden könnten Menschen auch, indem sie die Zeit ausblendeten: „Den perfekten Ausschluss von Zeit bietet das Vergessen im Spiel oder Hobby.“
„Wir leben jeden Tag und jede Stunde nur einmal“, gab die Psychotherapeutin zu bedenken und fügte hinzu: „Die Zeit hat keinen Rückwärtsgang.“ Es gelte, jeden Augenblick als einmalig und kostbar anzuerkennen und sich immer wieder auch die Vergänglichkeit ins Gedächtnis zu rufen. „Wir sollten jeden Tag so leben, als wäre es der letzte“, berief sich die Psychotherapeutin auf Dietrich Bonhoeffer.
Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker sprach von einem „herausfordernden Thema“ und legte den Wert von Zeit aus Sicht der Kommune dar. „Wir brauchen Menschen, die ihre Zeit ins gesellschaftliche Miteinander einbringen und einen Teil dieser Zeit für das Gemeinwohl und Benachteiligte abgeben“, sagte sie. Dabei erwähnte sie das Thema Nachbarschaftsfreundlichkeit und das Projekt „Beste Genesung zu Hause“, bei dem zahlreiche Ehrenamtliche allein lebenden Kranken Zeit schenken. „Zeit ist auch Humankapital“, sagte sie und betonte: „Diakonie und Kommune sind darauf angewiesen.“
Dekanin Renate Kath ging auf die Folgen der Schnelllebigkeit und der Geschwindigkeit des Lebens im 21. Jahrhundert ein. Seele und auch Körper könnten bei diesem Tempo oft nicht mithalten. Hilfreich sei es zu erkennen: „Ich bin nicht grenzenlos wichtig, weil die Welt sich auch ohne mich weiterdreht.“
„Wo bekommt man heute schon noch Zeit geschenkt?“ fragte Heiko Brendel, Erster Vorsitzender des Vereins Diakonie & Gemeinde. Der Verein fördert seit 1998 diakonische Aufgaben in Kirchheim und veranstaltet seither auch die Schlossgala, bei der aktuelle gesellschaftliche sowie diakonische Themen im Mittelpunkt stehen. Die Antwort auf seine Frage gab Heiko Brendel dann selbst: „Die Diakonische Bezirksstelle tut genau das: Sie verschenkt Zeit.“
„Dass wir so breit aufgestellt sind, haben wir unseren Ehrenamtlichen zu verdanken“, betonte Ingrid Riedl, Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle, und ließ einige der insgesamt 40 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Diakonischen Bezirksstelle und der 35 Ehrenamtlichen der AG Hospiz zu Wort kommen. Ob bei der Schuldnerberatung, der Vesperkirche, dem Buschcafé, im Diakonieladen oder bei der Sterbebegleitung tätig– allesamt legten sie eindrücklich dar, wie wertvoll es für sie ist, anderen Zeit zu schenken.