Rudolf Guckelsberger präsentiert mit John Grishams „Das Fest“ eine ungewöhnliche Weihnachtsgeschichte
Dieses Jahr fällt das Fest der Liebe einfach flach . . .

Kirchheim. Die vorweihnachtlichen Besuche von Rundfunkprofi Rudolf Guckelsberger in der Weilheimer Stadtbücherei im Kapuzinerhaus


haben schon Tradition. Der Zeitpunkt war zudem perfekt getimt, denn er lag haargenau im Zenit der wohl heißesten Phase des vorweihnachtlichen „Wettrüstens“.

Kein Baum, Strauch oder Hauserker ist zu dieser Zeit des Jahres sicher vor dekorativen bunten Lichterketten und -schläuchen, und kein Dachfenster vor einem davor herumbaumelnden Weihnachtsmann. Während es bald schon überall gleißend glitzert, werden schon jetzt Radiohörer von der traditionsgemäß von der Gruppe „Wham“ mit „Last Christmas“ angeführten Flut inflationär versendeter und unsterblich gewordener Weihnachstweisen traktiert, denen man auch im Supermarkt oder in der Waschstraße nicht mehr entkommt.

„Religiöse Feste haben viel mit Ritualen und Traditionen zu tun“, stellte Rudolf Guckelsberger daher auch einleitend fest, und betonte: „Insbesondere rund um das Weihnachtsfest hat sich im Laufe der Jahrhunderte eine Vielzahl von Bräuchen und mehr oder minder fest gefügten Regeln entwickelt.“ Auch wenn sie sich individuell deutlich unterscheiden mögen, seien sie vor allem dazu da – und dabei wurde er in gespielter Ernsthaftigkeit deutlich lauter – gefälligst auch befolgt zu werden. Damit war erahnbar, wohin die höchst vergnügliche Reise gehen wird.

Vor ihm, auf dem mit weihnachtlichen Dekorationen herausgeputzten Rednertischchen, lag aber kein Band aus der mittlerweile gut sortierten Reihe von Büchern von und für bekennende Weihnachtshasser, sondern ein unscheinbares und eher unverdächtiges Bändchen mit dem an Neutralität nicht zu überbietenden und nichts von seinem fast demagogischen Inhalt preisgebenden Titel „Das Fest“.

„Skipping Christmas“ ist eigentlich eher ein Geheimtipp, der mit seinem schlichten deutschen Titel seine durchaus aus dem Rahmen fallende Originalität weit unter Wert verkauft. Den für diese ungewöhnliche Arbeit verantwortlich zeichnenden amerikanischen Bestsellerautor kennen alle, seine Weihnachtsgeschichte wohl vergleichsweise wenige. Das hat sich – zumindest in Weilheim – inzwischen geändert.

Die begeisterten Besucher der Lesung wissen nach einer erfolgreich durchlebten und durchlachten Lesung, dass der Autor von Titeln wie „Die Firma“, „Die Jury“ oder „Die Akte“ nicht nur ein Gespür für spannende Kriminalgeschichten, sondern auch viel Humor hat. In „Das Fest“ stellt John Grisham sich nämlich die ungeheuerliche Frage, wie es denn wäre, Weihnachten einfach einmal ausfallen zu lassen . . .

Wenn die Geschichte eines so wagemutigen Experiments dann aber einem Diplom-Theologen, Diplom-Sprecher und Sprechererzieher anvertraut wird, kann das ja eigentlich nur gut gehen – und uneingeschränktes Vergnügen bereiten.

Nora und Luther Krank wagen – von Rudolf Guckelsbergers szenischer Lesung professionell in Szene gesetzt – jedenfalls voll zögerlicher Entschlossenheit die mutige Probe aufs Exempel. Den mindestens einjährigen Aufenthalt ihrer Tochter Blair im peruanischen Dschungel wollen sie nutzen, dem anstren­genden und teuren Weihnachtswahn einmal den Rücken zu kehren. Statt lieblose aber ohnehin ja eh ungelesene Weihnachtskarten zu verschicken, wollen sie lieber ihre Freunde und Bekannten mit Grüßen aus der Karibik überraschen.

Das klingt zwar teuer und erweckt möglicherweise auch Neidgefühle – Buchhalter Luther hat aber gewissenhaft errechnet, dass sie damit im Vergleich zum vorangegangenen Weihnachtsfest stolze 3 000 Dollar sparen und endlich auch einmal etwas für sich selbst tun würden.

Als typische Mittelklasse-Familie in einem typischen Einfamilienhaus in einer typisch amerikanischen Kleinstadt lebend, unterliegen die Kranks aber strengen Regeln, die unter dem Stichwort „Sozialkontrolle“ auch direkt auf das pietistisch geprägte Schwabenland übertragen werden könnten.

Trotz sensibel eingeleiteter Rückzugsmaßnahmen gelten Nora und Luther plötzlich „als Spielverderber, Geizkragen und asoziale Egoisten“ und werden für ihr unerhörtes Verhalten genauso konsequent und unbarmherzig mit kollektiver Ächtung bestraft. Wie sie sich immer neu motivieren, die vielfältigen Anfechtungen ihres freiwillig beschlossenen Weihnachtsentzugs zu meistern, wurde von Rudolf Guckelsberger mit zunehmender Dramatik überzeugend vermittelt.

Besonders spannend war freilich, was genau sich am 24. Dezember ereignete. Morgens um 7 Uhr war die Welt am Heiligen Abend jedenfalls noch (fast) völlig in Ordnung – und der Flug zur Kreuzfahrt in der Karibik nur noch wenige Stunden entfernt. Was dann geschah, überraschte das Publikum und die von blinder Entschlossenheit zusammengeschweißten Weihnachtsverweigerer gleichermaßen.

Wer die vorweihnachtliche szenische Lesung mir Rudolf Guckelsberger in der anheimelnden Atmosphäre unter dem Dach der Weilheimer Stadtbücherei im Kapuzinerhaus verpasst hat, kann alles auf knapp über 200 Seiten nachlesen. Das Buch wird allerdings in absehbarer Zeit sicher oft ausgeliehen sein. Es eignet sich ja aber auch ganz gut als nettes, kleines Weihnachtsgeschenk – falls man dieses Ritual nicht einfach einmal ein Jahr aussetzen möchte . . .