pm. Mit einem KI-gestützten Bilderkennungsverfahren mischt Optocycle seit zwei Jahren den Markt für mineralisches Bauschuttrecycling auf. Rund 30 Kunden bundesweit hat der 2022 in Tübingen gegründete Dienstleister bereits von seinem Kamerasystem überzeugt. Mit dem erforderlichen Know-how, damit die Kamera „intelligent“ genug wird, füttert Anwender Feess das „künstliche Auge“. Dadurch entwickelt sich die Bilderkennung ständig weiter und steht damit weiteren Nutzern bundesweit zur Verfügung. Die Folge: Optocycle-Gründer Max Gerken verdreifacht 2026 wohl seinen Umsatz.
Geologe liefert das Fachwissen
In Eberhard Fritz, Stoffstrommanager bei Feess, fand Gerken 2022 seinen kongenialen Sparringspartner. Der Geologe führte den Gründer in die Details der Branche ein und fütterte dessen Datenbank mit allerlei Materialien, die sich im Bauschutt befinden. Diese wurden aus allen Richtungen fotografiert und klassifiziert, damit das Archiv der KI lernt, die unterschiedlichen Stoffe samt deren Beschaffenheit, Körnung, Kantenlänge oder Verschmutzungsgrad zu identifizieren.
Echtzeit-Analyse auf der Lkw-Waage
Bald darauf wurde die erste Kamera über der Lkw-Waage installiert, die am Eingang zum Wertstoffhof alle Trucks passieren. In Echtzeit werden die Bilder seither auf den Server in Tübingen überspielt und ausgewertet. Parallel macht der Wiegemeister von seinem Prüfstand aus über dem Lkw eine Sichtkontrolle. Seit März 2025 fungiert eine neue Kamera, die noch präzisere Aufnahmen liefert und von einem Scheinwerfer unterstützt wird, um beispielsweise auch in der Dämmerung präzise Bilder zu liefern.
Technik schlägt menschliche Fehler
Gerken erklärt: „Wir haben der Bilderkennung zum Beispiel auch beigebracht, wie sich die Optik der Materialien verändert, wenn sie nass sind, die Sonne draufknallt oder der Lkw auf der Waage im Schatten steht.“ Seither ersetzt die Kamera die optische Kontrolle des Wiegemeisters und kategorisiert Körnungen bis zu 0,2 Millimeter.
Das hat noch einen weiteren Vorteil: Da Feess aktuell sechs Wertstoffhöfe betreibt, kann die Technik künftig die Sichtprüfung standardisieren. Denn die Erfahrung lehrt: Vor allem unerfahrene oder konfliktscheue Prüfer weichen um bis zu 20 Prozent in ihrer Einschätzung voneinander ab. Bis Ende 2026 erwartet Gerken, dass europaweit mehr als 100 seiner Systeme auf Wertstoffhöfen im Einsatz sind.
Vision vom digitalen Lieferschein
Noch vergeben bei Feess Menschen die errechneten Artikelnummern für die einzelnen Chargen. Perspektivisch könnte aber auch dieser Schritt digitalisiert werden. Feess-Mann Fritz, den die Technik zu neuen Visionen bei der Automatisierung und Präzisierung inspiriert, bringt damit auch Gerken in der Vielfalt seiner Anwendungen weiter. Der Geologe blickt voraus: „Im Idealfall setzen wir die Kameras bereits auf der Abbruch-Baustelle beim Beladen der Lkw ein. Die KI sagt dem Fahrer auf Basis seines Ladeguts, wohin er zum Entladen fahren muss, und erstellt direkt den digitalen Lieferschein.“
Gigantischer Wachstumsmarkt voraus
Angesichts von 230 Millionen Tonnen mineralischen Bauschutts – von Beton über Ziegel bis hin zu Keramik und Fliesen –, die allein in Deutschland pro Jahr anfallen, sehen die Gesellschafter von Optocycle einen gigantischen Wachstumsmarkt vor sich. Das entspricht gut der Hälfte des gesamten Entsorgungsvolumens und passt perfekt in das zirkuläre Trendthema „Urban Mining“, das Gebäude als Materiallager begreift. Diese Bestände werden schon heute auf digitalen Plattformen wie Madaster oder Concular erfasst und können bei Neubauten via BIM auch in deren Materiallisten hinterlegt werden. Zu diesen Volumina kommen Kies, Sand und Lehm aus Erdaushub hinzu.
Erste Tests mit Bioabfall
Parallel testen die Tübinger, die reichlich staatliche Förder- und Forschungsmittel erhalten haben, bereits eine erste Anwendung bei der Annahme von Biowertstoffen in Aufbereitungsanlagen für Bioabfälle. Mitbewerber sehen die Gründer in diesem Markt der Stoffstromannahme bislang nicht. Diese konzentrierten sich bisher alle auf das Identifizieren von Störstoffen innerhalb von Sortieranlagen. Eine solche Anwendung realisiert Feess in naher Zukunft auch bei sich in Kirchheim/Teck – gemeinsam mit Optocycle. Denn seit zwei Jahren ist hier eine gigantische Sortieranlage in Betrieb, über die künftig idealerweise alle mineralischen Abbruchabfälle, also der klassische Bauschutt, laufen sollen. Fritz betont: „Sortenreinheit in der Anlieferung ist dann gar nicht mehr das zentrale Thema.“
Deutliche Qualitäts- und Kostenersparnis
Zugleich beobachtet der Stoffstrommanager seit zehn Jahren in der Branche eine steigende Sensibilität für das Thema des sortenreinen Fraktionierens beim Rückbau, um Kreisläufe zu schließen und Entsorgungskosten massiv zu reduzieren. In der KI-gestützten Kameratechnik seines Dienstleisters sieht er eine Qualitätsverbesserung um 20 Prozent gegenüber dem menschlichen Auge – und eine Kostenersparnis bzw. die Perspektive höherer Erlöse.


