Kirchheim. Fünf Mal ist der Filmemacher Fabian Daub zum Drehen ins Karpatendorf Rosia Montana gereist, hat insgesamt zwei Monate in Rumänien verbracht. Der Goldabbau bedroht das Dorf. Im Dokumentarfilm „Rosia Montana – Dorf
Peter Dietrich
am Abgrund“ zeigt Daub den Kampf der Bewohner und lässt eindrückliche Bilder sprechen.
Weil es im Central noch keine digitale Projektion gibt, fand die Kirchheimer Premiere im kleineren Tyroler statt. Die Vorstellung war ausverkauft, einige Zuschauer verfolgten den Film auf dem großen Fernsehbildschirm im Foyer. Nach der Vorführung stellte sich der in Kirchheim aufgewachsene Fabian Daub den Fragen. Wie er selbst zum Goldabbau stehe, wollte ein Zuschauer wissen. Die Frage war ein Beleg dafür, wie vielseitig Daub die Auseinandersetzung um das umstrittenste Bergdorf Europas dargestellt hat, ohne einseitig Position zu beziehen. Entschiedene Gegner des Projekts, die ihr Dorf nur tot verlassen würden, kommen im Film genauso zu Wort wie Befürworter, Umgesiedelte und der Pressesprecher der Rosia Montana Gold Corporation (RMGC) – alle mit deutschen Untertiteln.
Der Film kommt völlig ohne Sprecher aus, in ihm sprechen nur die betroffenen Menschen. Teils auch völlig ohne Worte, nur mit Bildern aus ihrem Alltag. Bei aller Objektivität ist Daubs Sympathie für das 3 000-Seelen-Dorf und seine Bewohner deutlich zu spüren. Doch es gehe nicht nur um die Menschen, sagt Daub, auch um die hohen Umweltrisiken. Zur Gewinnung des Goldes wird hochgiftiges Zyanid eingesetzt, jährlich rund 5 000 Tonnen. Ob die Schlacke, die in einem großen See gesammelt werden soll, dort sicher ist, darüber wird gestritten. Der Untergrund sei teils löchrig wie ein Sieb, sagen Kritiker des Bergbauprojekts, das Gift könne ins Grundwasser gelangen. Im Januar 2000 kam es in einem Bergbaugebiet an der ungarisch-rumänischen Grenze zu einem Dammbruch, 100 000 Liter zyanidverseuchtes Wasser flossen in die Donau und Tzisa. Mehr als 300 Tonnen Fische und Flusstiere starben.
„Man könnte Gold auch anders abbauen, aber das ist nicht so profitabel“, sagte Daub. Ein EU-weites Verbot der Goldgewinnung mit Zyanid sei bisher an Lobbygruppen gescheitert. Es geht rund um Rosia Montana wirklich um das ganz große Geld: Der Ertrag beliefe sich auf rund 400 Tonnen Gold und 1 600 Tonnen Silber. Der Wert des gesamten Goldes wird derzeit auf 35 Milliarden US-Dollar geschätzt. Abgebaut würde etwa 17 Jahre lang.
Die RMGC hat bereits 300 Millionen US-Dollar in die Projektentwicklung investiert. Sie will den Dorfkern erhalten, Schule, Rathaus und 50 Häuser sanieren. Aber 100 Meter vom Abbaugebiet entfernt, sagen Dorfbewohner, könne keiner leben. Die Einschüchterungen erinnern die Menschen an die Methoden der berüchtigten Securitate vor 1989. Läden wurden geschlossen, es gibt kaum medizinische Versorgung, der Strom fällt öfter mal aus, die Post braucht lange.
Wenn Pfarrer Arpad Paiffy die Messe liest, tut er das manchmal vor der leeren Kirche. Der Konzern habe viel Hass gestreut, sagt der Pfarrer. Er kennt 120 Leute, die nach ihrem Wegzug innerhalb von ein bis zwei Jahren gestorben sind. Der Riss geht quer durch die Familien: Die Jüngeren wollen weg, die Älteren bleiben. Es gibt kaum Arbeitsplätze. Projektgegner wollen das Gebiet mit Tourismus und Bio-Landwirtschaft entwickeln. „Ich kann jedem empfehlen, mal hinzufahren“, sagt Daub, „es ist gar nicht so teuer.“
Es ist ein Kampf wie David gegen Goliath. Im Dorf verfallen viele Häuser, es sieht aus wie nach dem Krieg in der Nähe von Sarajewo. Die Protestbewegung organisiert das Heufest, dieses bringt junge Leute ins Dorf. Dafür sponsert die RMGC das Marienfest. Der Bürgermeister ist für das Projekt und hofft, dass sich der Konzern an die Gesetze halten wird. Die Konstruktion des kanadisch-rumänischen Goldschürfkonzerns, an dem der rumänische Staat mit 19 Prozent beteiligt ist, ist verschachtelt. Raunen im Kino, als der Begriff „Cayman Islands“ fällt. Um dem Konzern die Arbeit zu erleichtern, sollte das Bergbaugesetz geändert werden. Durch den massiven Streit zwischen dem konservativen Präsidenten, einem Projektbefürworter, und der sozialliberalen Regierung, liegt das Gesetz aber noch im Senat. „Es könnte verabschiedet werden, ich glaube es aber nicht“, sagte Daub. Beim Dorf gibt es Stollen aus römischer und sogar vorrömischer Zeit. Doch die Chancen, dass Rosia Montana UNESCO-Weltkulturerbe wird, stehen laut Daub schlecht. „Der Vorschlag müsste vom Kulturministerium kommen.“
Der Film war schon in Hamburg und Berlin, aber auch in Rumänien zu sehen, mit sehr guter Resonanz. Nicht nur diese Vorführungen führten Daub erneut nach Rumänien. Auch sein nächstes Filmprojekt hat er dort geplant.
Der Film wird im Tyroler nochmals am Sonntag, 30. Dezember, um 11 Uhr und am Samstag, 5. Januar, um 18 Uhr gezeigt. Bei großer Nachfrage gibt es eine weitere Vorführung. Informationen und ein Trailer zum Film gibt es unter www.rosiamontana-thefilm.com, die Initiative „Save Rosia Montana“ ist unter www.rosiamontana.org zu finden.
