Kirchheim. Vor 113 Jahren wurde er am 10. Februar in Augsburg geboren und Generationen von Schülern wissen aus eigener Erfahrung, dass letztlich kein Weg an dem Vielschreiber Bertolt Brecht vorbeiführt – zumindest nicht für künftige Abiturienten. Das Interesse an dem berühmten Begründer des epischen Theaters steigt also mit zunehmendem Alter kontinuierlich an, denn auf der gefürchteten Liste der für die Abi-Prüfung relevanten „Sternchenthemen“ scheint er schon über Generationen hinweg immer wieder fest gebucht zu sein.
Dass eine Begegnung mit Brecht schon in frühen Jahren ein ganz besonderes Vergnügen sein kann, erlebten gestern Vormittag Schülerinnen und Schüler einer fünften und sechsten Klasse des Ludwig-Uhland-Gymnasiums gemeinsam mit Fünft- und Sechstklässlern der Bissinger Grund- und Hauptschule bei einer Veranstaltung im Rahmen der Kinder- und Jugendtheatertage „Szenenwechsel“ im voll ausgebuchten Vortragssaal der Kirchheimer Stadtbücherei.
Mit der Diplom-Schauspielerin, Sprecherin und Sprecherzieherin Karla Andrä und dem Gitarristen und Trompeter Josef Holzhauser, der sie als Komponist und Arrangeur tatkräftig unterstützte, waren zwei ausgewiesene Experten zu Gast, die es ausgezeichnet verstanden, die Besucher nicht nur sofort in ihren Bann zu ziehen, sondern auch uneingeschränkt für Bertolt Brecht zu begeistern. Obwohl der vor allem von reiferen Menschen – meist erst nach überwundenen Abitursnöten – sehr ernst genommen und zunehmend gerne rezipiert wird, ist er kaum für seine großartige Überzeugung bekannt, die da lautet „Kinder können denken“.
Weil das so ist, hat er für sie auch viele Gedichte geschrieben – solche und solche . . . Wie großartig unterschiedlich die von ihm dabei gewählte intellektuelle Eintauchtiefe variiert wird, konnten die beiden auch privat sehr eng verbundenen Gründer des Augsburger Fakstheaters gestern nachhaltig und sehr professionell unter Beweis stellen. Dass sie mit ihrem furiosen Auftritt zugleich Werbung in eigener Sache machen konnten, war ihnen zu gönnen.
Bei ihrem bevorstehenden nächsten Kirchheimer Auftritt im Rahmen des Sommerprogramms der Stadtbücherei werden „fakserprobte“ und offensichtlich sehr begeisterte Kinder garantiert ihren erziehungsberechtigten Erwachsenen zu Haue wohlwollend empfehlen, diesen Pflichttermin für Literaturbegeisterte auf keinen Fall zu verpassen . . .
Mit Gedichten, die nicht immer und sofort an den hochgeachteten Verursacher schwerwiegender Prüfungsherausforderungen denken ließen, eroberte das Fakstheater-Duo sein Publikum im Sturm. Vom anfänglichen Vorausraten des zu erwartenden Reimwortes steuerten die Theaterleute ihr mitdenkendes Publikum unmerklich immer tiefer in gesellschaftspolitische Zusammenhänge hinein, die eigentlich ja nicht mehr in ganz unproblematische Nonsensgedichte gepackt werden können. Mit ihrer kindgerechten Poesieauswahl machten sie damit nicht nur Lust auf Erwachsenen oft nur schwer vermittelbare Lyrik, sondern auch auf grundsätzlich ebenfalls nicht leicht konsumierbare Fabeln und Parabeln, Aphorismen und letztendlich auch wieder unendlich viele lustige Wortspiele ohne tiefen Sinn.
Die drei ohne Quotenfrau auskommenden Lehrer beeindruckte das gemischte Doppel mit dem Talent, die ihnen anvertrauten Schutzbefohlenen aus dem Stand ein Gedicht nicht nur auswendig lernen, sondern sofort auch begeistert gemeinsam singen zu lassen. Die ununterbrochen Faxen machenden Repräsentanten des Fakstheaters waren ihrerseits aber auch sehr beeindruckt, wie gut die drei Herren Lehrer ihre „mitgebrachte Meute“ auf Brecht‘ sches Theater vorbereitet hatten.
Sie wussten genau, was ein Gedicht ist und gaben so viel kluge und passende Antworten, dass der Fortgang der kurzweiligen Handlung nicht unnötig blockiert wurde. Schließlich galt es, auf den Inhalt der Gedichte zu achten, um zu lernen, welch verheerende Folgen es haben kann, wenn man seine Ohren nicht putzt. Wer will schon mit einem aus dem ungewaschenen Ohr wachsenden Pflaumenbaum gemeinsam im Schulhof eingepflanzt werden? Da ist auch der mögliche Zusatzverdienst durch Obstverkäufe kein richtiger Trost.
Versöhnlicher ging es da schon bei Onkel Edes gepflegtem Schnurrbart zu. Der hat zwar nur „fünf Haar“, doch „dass ihm keins verloren geht, hat jedes einen Namen, klar .“
