Nürtingen. „Mir macht es nichts aus, dass mich meine Mentorin unterrichtet. Mir ist es fast schon lieb, weil sie mich ein Stückchen kennt“, sagt Martin Sailer aus Aichtal-Grötzingen. „Zwei Stunden pro Woche ist sie im Lehrerzimmer, da kann ich ohne Anmeldung reinschneien.“ Manches, was die Mentoren ansprechen, sei „im ersten Moment schon ein bisschen unangenehm“, räumt Martin Sailer ein. „Aber im Nachhinein fühlt man sich besser.“ Der Mentor sei wie ein Coach.
„Ich hätte niemals gedacht, dass es mir so viel bringt“, sagt auch Nina Garnjost aus Kirchheim. Ihre Mentorin habe meist schon am selben Tag Zeit. „Bei uns kann ein Gespräch eineinhalb Stunden gehen.“ Es gebe keinen Druck. „Wenn ich nichts Privates von mir erzählen wollte, würde mich keiner dazu zwingen.“ Der Mentor schaffe den Zugang zu anderen Lehrern, den man selbst nicht finde. „Dadurch kommt es erst gar nicht zu so extremen Fällen, wie ich sie von Freunden auf anderen Schulen mitbekomme“, fügt Nina Garnjost hinzu.
Die Sechstklässlerin Emely Theres Keilich findet es am wichtigsten, „dass die Mentoren einen aufbauen“. Dies würde sie woanders „ganz arg vermissen“. Für die Siebtklässlerin Fee Hermann ist die Persönlichkeit entscheidend. „Man geht nicht zu einem Lehrer, den man nicht mag.“ Ihre Mentorin hat ihr dabei geholfen, in manchen Fächern nicht aufzugeben. Der Neuntklässler Clemens Seethaler aus Weilheim berichtet indes von einer weiteren Aufgabe der Mentoren: „Sie sagen zu anderen Schülern: Kümmere dich mal um den Schüler, dem es nicht so gut geht.“ Dies geschehe natürlich nur nach vorheriger Rücksprache.
Lehrerin Dr. Christine Väterlein sieht in den Mentoren „Bezugspersonen, bei denen die Fäden zusammenlaufen“. Sie macht die Arbeit als Mentorin sehr gerne. „Bei mir häufen sich die Jungs. Von einem weiß ich vom Privatleben nichts, bei einem anderen bin ich Ersatzmama. Das hängt von den Bedürfnissen des Schülers ab.“ Bei manchen sei es wichtig, den Druck zu nehmen, wieder andere benötigten hingegen einen freundlichen Schubs. Die Aufgaben der Mentoren reichten von Hausaufgaben kontrollieren bis hin zu Gesprächen über die Familie führen – „je nachdem, wo der Hund begraben liegt“.
Doch lange nicht jeder eigne sich als Mentor, fügt Lehrer Prof. Jürgen Wolff hinzu. „Wir haben eine Gruppe, aus der die Schüler frei wählen können.“ Auch bei Wolff ist die Begleitung der Schüler sehr individuell: „Fünf meiner Schüler brauchen regelmäßig längere Gespräche, andere nur fünf Minuten. Ein Teil der Kommunikation läuft über das Internet.“ Wolff findet es „erstaunlich, wie aufrichtig und offen die Schüler bei den Gesprächen sind“. Dies sei ein Vertrauensbeweis für die Mentoren. Auch sein Kollege Timo Günther lobt „die Bereitschaft der Schüler, sich zu öffnen und selbstkritisch zu reflektieren“.
Für Schulleiterin Isolde Schnabel ist das Mentorensystem etwas sehr Schönes, bei dem man viel zurückbekomme. Sie unterstreicht: „Für jemanden, der gerne Pädagoge ist, ist das die Krönung.“ pd
