Der Kirchheimer Unternehmer Dr. Lars Lehner gehört zu den 60 „Übermorgenmachern“ im Land
Ein Preis für den „Pflanzenversteher“

Als einer von 60 „Übermorgenmachern“ in Baden-Württemberg ist Dr. Lars Lehner aus Kirchheim ausgezeichnet worden. Den Preis hat er für sein Projekt „Der Pflanzensensor – für mehr Ertrag und Umweltschutz in Landwirtschaft und Gartenbau“ erhalten.

Kirchheim. Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer freute sich bei der Preisverleihung in der Aula des Schlossgymnasiums besonders darüber, „dass ein Käpsele aus unserer Stadt etwas Brauchbares erfunden hat“. Zum Stichwort „übermorgen“ sagte er noch zu Lars Lehner, im Hinblick auf dessen Entwicklung: „Pflanzen und Menschen auf der ganzen Welt werden es Ihnen hoffentlich übermorgen danken.“

Was genau Lars Lehner entwickelt hat, erläuterte Ministerialdirektor Helmfried Meinel vom baden-württembergischen Umweltministerium. Er bezeichnete Lars Lehner als „Pflanzenversteher“, der anhand von Sensoren elektrische Signale der Pflanzen erfasst und deshalb genau weiß, „wie es den Pflanzen geht“. Das sei aber nicht nur „nice to have“, also so etwas wie Forschung zum Selbstzweck, sondern es könne von großer Bedeutung für die Landwirtschaft und den Gartenbau sein.

Auch der Ministerialdirektor freute sich über den Preis, den er an den „Übermorgenmacher“ Lars Lehner übergeben konnte. Denn gerade als Vertreter des Umweltministeriums war es ihm wichtig, „einen Bürger unseres Landes zu ehren, der verantwortungsbewusst mit der Natur und den Ressourcen unserer Erde umgeht“. Verbunden mit der Auszeichnung war aber auch die Zusage, dass Lars Lehner seine Forschungen in der Wilhelma betreiben kann, die mit ihrer Artenvielfalt die besten Voraussetzungen bietet, um die elektrophysiologischen Vorgänge besser zu verstehen, die sich im Inneren der Pflanzen abspielen.

Dr. Lars Lehner selbst bedankte sich in seiner einstigen Schule für den Preis, der für sein mittelständisches Unternehmen mit Sitz im Kirchheimer Kruichling von großer Bedeutung sei. Die Firma Lehner Sensor-Systeme stellt eigentlich Sensoren für Druckmaschinen her, erschließt sich aber mit der Biotechnologie gerade ein zusätzliches und ganz neues Gebiet. „E-Plant“ heißt das neue System, das Lehner entwickelt hat. „Wir machen eine Art Pflanzen-EKG“, sagte der Geschäftsführer, als er das Prinzip von E-Plant vorstellte.

„Wir wollten eigentlich wissen, woher die Pflanze weiß, dass es Tag oder Nacht ist, dass sie also von der Fotosynthese auf Atmung umstellen muss.“ Eine Antwort auf die Ausgangsfrage war folgende: „Die Pflanze ist in sich verschaltet.“ Elektrische Signale geben Informationen weiter. Die Sensoren messen diese Informationen. Das heißt, eigentlich messen sie, dass ein Signal gegeben wird, dass es also in der Pflanze „klick“ macht. Welcher Ausschlag für welche Information steht, das herauszufinden ist die Aufgabe weiterer Forschungen – so auch in der Wilhelma, wo Lars Lehner längst schon aktiv ist mit seinen E-Plant-Sensoren. Zunächst geht es darum, eine immer umfangreichere Datenbank aufzubauen, um genau verstehen zu können, was eine bestimmten Pflanze mit einem bestimmten Signal „sagen“ möchte.

Die Pflanzen reagieren auf Umwelteinflüsse. Diese Einflüsse können so normal sein wie der Tag-und- Nacht-Wechsel. Es kann sich aber auch darum handeln, dass die Pflanze zu viel oder zu wenig Wasser bekommt, dass sie mit Schädlingsbefall zu kämpfen hat oder von Pestiziden bedroht wird. Ebenfalls durch elektrische Signale gibt die Pflanze den Befehl weiter, Blüten hervorzubringen. Und selbst der Zustand der Reife lässt sich Lars Lehner zufolge durch das E-Plant-System exakt bestimmen – etwa bei Weintrauben.

Wozu aber soll das alles gut sein, abgesehen davon, dass es sich hier um faszinierende und spannende Wissenschaft handelt? Nun, E-Plant kann sich zu einem wegweisenden System in der Landwirtschaft und im Gartenbau entwickeln. Wer die Pflanze so versteht, dass er weiß, was sie braucht, kann Wasser, Düngemittel, Pestizide exakt dosieren, kann zum richtigen Zeitpunkt ernten oder auch den Schädlingsbefall viel früher erkennen. Die entsprechenden Signale sendet die Pflanze aus, lange bevor der Schädlingsbefall für das menschliche Auge sichtbar wird.

Die Sensoren schlagen Alarm, sobald ein außergewöhnliches Ereignis eintritt. Landwirte oder Gärtner können somit einen Hilferuf ihrer Pflanzen per Handy empfangen – rund um die Uhr. Dadurch lassen sich die Pflanzen optimal betreuen, und der Verbrauch an Wasser und Schutzmitteln beschränkt sich auf das notwendige Minimum. Außerdem sei es möglich, einer Pflanze Impulse von außen zu geben. So könne man beispielsweise dafür sorgen, dass eine Pflanze im Gewächshaus eine zusätzliche Blüte- und Reifephase pro Jahr einlegt. Durch diese Elektrostimulation könnten die Erträge der Pflanzen entsprechend steigen.

Noch ist der flächendeckende und vor allem weltweite E-Plant-Einsatz Zukunftsmusik. Aber gerade deswegen ist Lars Lehner ja als „Übermorgenmacher“ ausgezeichnet worden. Und deswegen wünschte ihm Ministerialdirektor Meinel, dass seinen Forschungen und Entwicklungen spätestens übermorgen wirtschaftlicher Erfolg beschieden sein möge.