Eine ausrangierte Telefonzelle lädt seit Samstag am Rossmarkt zum Schmökern ein
Ein Quadratmeter Bücherei

Eine der kleinsten Büchereien der Republik steht seit Samstag in der Innenstadt von Kirchheim. Ihre Fläche: ein Quadratmeter. Jürgen Stumpf und seine Mitstreiter vom Bürgerbüro haben sie erdacht und gebaut. Geöffnet ist die Bücherzelle rund um die Uhr.

Kirchheim. Bonn hat eins, Düsseldorf hat eins und als die Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker vor einiger Zeit in Berlin war, entdeckte sie dort auch eins: ein öffentliches und für jeden frei zugängliches Bücher-Tausch-Regal. „Was Berlin kann, können wir schon lange“, zeigte sie sich am Samstag selbstbewusst bei der Feierstunde am Rossmarkt. Dort wurde jetzt die „Kirchheimer Bücherzelle“ eröffnet, eine ausrangierte gelbe Telefonzelle, die hölzernen Regale darin gefüllt mit rund 200 Büchern ganz unterschiedlicher Stile und Themen. Die stählerne Rückwand ziert ein entspannt schmökerndes Comic-Männchen aus der Spraydose des jungen Weilheimer Graffiti-Künstlers Benjamin Seyfang, früher einmal Zivi der „Linde“, des Kirchheimer Mehrgenerationenhauses.

Ein gemeinsames Ziel haben alle, die hinter diesem neuen Projekt des Tauschrings im Bürgerbüro der Stadt stehen: Sie wollen das soziale Miteinander in der Stadt fördern. Das machte Angelika Matt-Heidecker bei der Feierstunde am Rossmarkt deutlich und das betonte auch Petra Schnitzler, die im Namen des Bürgerbüros die Gäste begrüßte und sie mit den Regeln für die Benutzung der Bücherzelle vertraut machte: Nie das letzte Buch rausnehmen, ohne ein neues dafür reinzustellen. Die Bücher, die man bringt, nicht vor andere stellen, die bereits in den Regalen stehen. Romane, Fachbücher oder Kinderbücher sind willkommen, aber keine pornografischen oder gewaltverherrlichenden Schriften.

Der eine oder die andere brachte am Samstag gleich ein Buch mit für die neue Bücherei im Kleinstformat. Auch Angelika Matt-Heidecker steuerte eins zur Eröffnung bei – Bernhard Schlinks „Liebesfluchten“ stehen jetzt nicht mehr im Bücherregal der Oberbürgermeisterin, sondern warten am Rossmarkt auf neue Leser. Diesen wünschte sie, „in unserer heutigen Zeit, die schnelllebig ist, Momente zu finden, in denen man ausruhen, ein Buch in die Hand nehmen und in eine fremde Welt eintauchen kann.“

So klein, aber fein wie die Bücherzelle selbst war auch das Rahmenprogramm, das die Tauschring-Mitglieder auf die Beine gestellt hatten. Martina Zweigle schminkte Kinder, Toni Sauer las Kurzgeschichten vor.

Die Idee zu dem Projekt schwebte der Kirchheimer Stadtverwaltung und einigen Engagierten im Bürgerbüro der Teckstadt nach den Worten der Oberbürgermeisterin schon einige Zeit vor. Jürgen Stumpf und seine Mitstreiter vom Tauschring des Bürgerbüros um Rolf Hohmeier sorgten dafür, dass aus der Idee Wirklichkeit wurde. Auch wenn erste Anfragen aus Kirchheim nach einer ausrangierten Telefonzelle bei der Telekom in Bonn wie auch in Berlin erfolglos waren. Auf eine Reaktion warteten sie vergeblich. Die Telekom gab sich schweigsam: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Auch die Suche beim Online-Auktionshaus E-Bay brachte nur bedingt Erfolg. „Da habe ich zwar eine solche Zelle gefunden. Aber um die zu ersteigern, hätte ich vorher das Okay der Stadt gebraucht“, erzählt Stumpf.

Die Macher wurden dennoch fündig – in der eigenen Nachbarschaft. Auf dem Hof einer Spedition in Dettingen standen knapp zwanzig ausrangierte Telefonzellen. Zwei dieser mehr als 250 Kilogramm schweren Zellen wuchteten die Tauschring-Mitglieder auf einen Anhänger und fuhren sie nach Kirchheim. Auf dem Hof des Bürgerbüros wurde eine davon für ihre neue Bestimmung umgebaut, mit Holzregalen ausgestattet und farbenfroh verziert. Sollte die erste Bücherzelle gut angenommen werden, will der Tauschring auch Nummer zwei aufstellen.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag war Jürgen Stumpf bis ein Uhr morgens am Rossmarkt. Vor der Bücherzelle wachte er darüber, dass diese ihre erste Nacht am neuen Platz ungestört von Randalen zum 1. Mai verbringen konnte. „Es ist alles ruhig geblieben“, sagte er gestern. Er habe sozusagen Sozialarbeit betrieben, berichtete er schmunzelnd: „Es waren einige Jugendliche am Rossmarkt unterwegs. Ich hab‘ denen die Idee vorgestellt und mit ihnen diskutiert, ob es wirklich Sinn machen würde, sie gleich wieder zu zerstören.“