Kirchheim. Der Regierungsbeamte war stinksauer. Ein Teil der Bevölkerung war sehr reich, die Armen hingegen mussten sich immer mehr verschulden und ihre Kinder arbeiten lassen. Doch es blieb nicht bei der Wut oder leeren Worten. Der Regierungsbeamte Nehemia, so berichtet es die Bibel und erzählte es die Ulmer Prälatin Gabriele Wulz bei der 14. Schlossgala, schritt zur Tat.
Nehemia ruft die Reichen und Vornehmen zusammen und konfrontiert sie mit der Frage: „Was tut ihr da? Wollt ihr euch gegenseitig ruinieren?“ Er beruft eine große Versammlung ein, in der Verschuldete und Kreditgeber aufeinandertreffen. Nehemia fordert die Reichen zu einem Schuldenerlass auf. Er will die Rückgabe von Äckern, Weinbergen, Ölgärten und Häusern und den Erlass von Schulden an Geld, Getreide, Wein und Öl. Er trifft, so erstaunlich das ist, auf Einsicht. Die Versammlung endet mit dem geforderten Schuldenschnitt und dem Lob des Gottes des Lebens, der Versöhnung und Frieden will.
Wulz wollte in ihrer Ansprache zum Thema „Vergib uns unsere Schulden“ nicht über aktuelle Politik reden, sondern über biblische Texte. Die Übertragung in die Gegenwart überließ sie den rund 130 Zuhörern, alle Freunde und Unterstützer des Vereins „Diakonie & Gemeinde“. Doch die Parallelen lagen nahe: Was ein tatkräftiger Nehemia angesichts weniger Reicher und immer mehr Armer wohl täte, wäre er kein jüdischer Beamte des persischen Großkönigs, sondern Abgeordneter im Deutschen Bundestag?
Erfahrung mit Schulden, so Wulz, gebe es in der Bibel reichlich. Sie berichtete von Ackerbesitzern, die durch Missernten oder Steuerforderungen in Not geraten. Von Menschen, die ihren Besitz verpfänden müssen oder gar sich selbst oder ihre Familienangehörigen in die Sklaverei verkaufen müssen. Wulz zitierte aus 2. Mose 22: „Wenn du den Mantel deines Nächsten zum Pfande nimmst, sollst du ihn wiedergeben, ehe die Sonne untergeht, denn sein Mantel ist seine einzige Decke für seinen Leib; worin soll er sonst schlafen?“ Leihen und verleihen sei durchaus denkbar, es brauche dieses Geschäftsmodell, nicht jedoch Wucherzinsen, weil sie Menschen auf Dauer in die Schuldsklaverei bringen.
Bei der 13. Schlossgala war Wulz durch Krankheit verhindert. Dass die jetzige Gala die 14. war, also zweimal sieben, verstand sie als schönen Hinweis auf das biblische Zeitmaß der sieben Jahre. Alle sieben Jahre von vorne anfangen können – das sei die Vorstellung im 5. Buch Mose, Kapitel 15. Alle sieben Jahre würden die Schulden wieder auf null gestellt. „Das ist ein verheißungsvoller Gedanke und eine richtig gute Idee.“ Zwar habe im 5. und 6. Jahr keiner mehr Geld verleihen wollen, das Gebot musste deshalb mit Zusatzverträgen umgangen werden. Dennoch könne von dieser Idee eine Kraft ausgehen. „Der Name Nehemia heißt ‚Gott tröstet‘. Göttlicher Trost erschöpft sich nicht in guten Absichten oder wohlmeinenden Worten, sondern in konkretem Tun.“ Auf Dauer, so Wulz, werde eine Gemeinschaft nur bestehen, wenn sie von Gerechtigkeit getragen ist. „Wenige können sich nicht auf Kosten der Vielen retten, das steht fest.“
Für die Situation benachteiligter Menschen sensibilisieren, das will der 1998 gegründete Verein „Diakonie & Gemeinde“. „Wer sich für die Nächstenliebe einsetzen will, ist bei uns genau richtig“, sagte Heiko Brendel, neuer Vorsitzender des Vereins, der mit Mitgliedsbeiträgen und Spenden, jährlich 20 000 Euro, diakonische Projekte in Kirchheim fördert.
Die Themen der Schlossgala, lobte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, wähle der Verein immer „sehr passgenau zur jeweiligen Zeit“. Das Thema Schulden sei ein Volltreffer, gehe man doch inzwischen so weit, deswegen das politische Europa in Frage zu stellen. „Solche Initiativen brauchen wir“, lobte Matt-Heidecker den Verein „Diakonie & Gemeinde“. Für Dekanin Renate Kath besteht die Aufgabe darin, „alle zusammen die kleine Welt, in der wir leben, ein klein wenig menschlicher zu erhalten“.
Einen bewegenden Einblick in die Gedanken– und Gefühlswelt von Menschen mit psychischen Erkrankungen gaben Mitglieder der Kontaktgruppe der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim. „In der Gruppe werde ich anerkannt und gemocht“, sagte eine Teilnehmerin. Für Menschen, die sich oft als wertlos, isoliert und abgestempelt empfinden, ist die Gruppe ein geschützter Rahmen, um über alles zu reden. Ein Schutz, den die Gruppe für ihre Präsentation bewusst verlassen hat. Für diesen mutigen Schritt bekam sie kräftigen Applaus.
Allen Mitwirkenden der Schlossgala zu danken, auch den hervorragenden Musikern vom Jazzquartett Jazz and More, war die Aufgabe von Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands. 13 Mal hat er die Schlossgala organisiert, nun gab er den Stab sichtlich bewegt weiter: „Ich müsste es nicht, aber ich tue es.“ Bewegt war auch mancher Zuhörer, das zeigten Wortfetzen beim Ständerling. „Die bedürftige Familie, von der erzählt wurde, lässt sich da noch etwas machen, mit einer zweckgebundenen Spende?“
