Kirchheim. Der bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb gelegene Ort Grafeneck markiert im Jahr 1940 einen Zivilisationsbruch, einen
Florian Stegmaier
Rückschritt in die Barbarei. Zwischen Januar und Dezember 1940 wurden dort mindestens 10 654 Menschen in einer stationären Gaskammer ermordet. Ihre Leichen wurden verbrannt. Es handelte sich um Frauen, Männer und Kinder, die den NS-Ideologen als „lebensunwertes Leben“ galten, weil sie psychisch krank oder geistig behindert waren. Grafeneck wurde so zu einem der ersten Orte systematisch-industrieller Morde im Nationalsozialismus und stand am Ausgangspunkt derjenigen Menschheitsverbrechen, die in den Vernichtungslagern des Holocausts stattfanden.
Die musikalische Lesung „Grafeneck 1940“ des Theaters Lindenhof Melchingen machte im Spitalkeller der Kirchheimer Volkshochschule nachvollziehbar, wie innerhalb kürzester Zeit aus der „Landespflege-Anstalt“ eine Tötungsanstalt werden konnte. Lindenhofschauspieler Berthold Biesinger hielt sich dabei an das gleichnamige Buch des Historikers Thomas Stöckle. Nüchtern und sachlich entrollten sich die Hintergründe und konkreten Vorgänge, die mit den „Euthanasie“-Verbrechen verbunden sind.
Kurze musikalische Intermezzi von Susanne Hinkelbein am Klavier boten den Hörern Raum, die Ungeheuerlichkeit des Geschehens zu umreißen. Die gesprochenen Fakten – hier ließ Berthold Biesinger vorrangig Zeitzeugen, Opfer wie Täter zu Wort kommen – erlebten in Verbindung mit der Musik noch einen Zuwachs an Eindringlichkeit und innerer Resonanz.
Schockierend war die Schilderung eines Pflegers, der den genauen Ablauf der massenhaften Tötung durch Kohlenmonoxid zu Protokoll gab, die in einer zur Gaskammer umfunktionierten Schlossremise auf dem Anstaltsgelände stattfand. Nicht minder verstörend wirkte die „Banalität des Bösen“, wie sie in der Aussage von Hans-Heinz Schütt, dem Einkäufer von Grafeneck, aufschien. Über die Mordmaschinerie vollumfänglich informiert, ging er seinem beruflichen wie privaten Alltag nach: Täglich liefert er der Münsinger Molkerei Milch und klappert diverse Geschäfte ab. Dazwischen gibt er auf dem Postamt die für die Angehörigen bestimmten Aschenurnen der Ermordeten auf. Abends spielt er Skat. Sonntags, bei gutem Wetter, unternimmt er eine Fahrradtour ins Lautertal.
Lange konnten die Morde in Grafeneck jedoch nicht geheim gehalten werden. Die ungewöhnliche Häufung der Todesfälle, für deren Beurkundung ein Sonderstandesamt eigens eingerichtet worden war, sowie die erkennbar auf Massengebrauch ausgelegten „Trostbriefe“ schürten in der Bevölkerung Misstrauen, das schließlich in blankes Entsetzen umschlug. Auch die berüchtigten grauen Busse, mit denen die Kranken nach Grafeneck gebracht wurden, waren der Öffentlichkeit bald als „Todesautos“ bekannt.
Dieses im Lauf des Jahres 1940 zunehmende Wissen um die „Geheime Reichssache“ führte im Verbund mit zahlreichen Protesten von Angehörigen, Anstalten und Kirchen zur Schließung der Vernichtungsanstalt. Das Grafenecker Personal wurde
Noch bis August 1941 wurden die Morde fortgesetzt
nach Hadamar bei Limburg an der Lahn versetzt, wo noch bis August 1941 die Krankenmorde mit unverminderter Brutalität fortgesetzt wurden.
Sich ebenfalls auf die wissenschaftliche Arbeit von Thomas Stöckle stützend, nannte Berthold Biesinger auch den in Esslingen geborenen Gauleiter und Reichsstatthalter Wilhelm Murr, der sich als radikaler Antisemit hervortat und in dessen direkte Verantwortlichkeit die „Euthanasie“-Verbrechen von Grafeneck fallen. Etliche schwäbische Kommunen haben in der Zeit des „Dritten Reichs“ dieser südwestdeutschen NS-Größe die Ehrenbürgerwürde verliehen. Dass man sich bis in die Gegenwart hinein mancherorts immer noch schwer tut, eine angemessen dezidierte Form der Abgrenzung zu solch ungeliebten ehemaligen Ehrenbürgern zu finden, zeigt, dass geschichtliche Bewusstseinsbildung weiterhin notwendig ist. Die Lesung „Grafeneck 1940“ mit Berthold Biesinger und Susanne Hinkelbein gab hierzu einen wertvollen Beitrag.
