Kirchheim. Das Paradies liegt im Südwesten von Berlin, auf dem Rüdesheimer Platz. Zumindest für den Berliner Manfred Maurenbrecher, der mit seinem Soloprogramm „Wallbreaker“ in die Bastion kam. Dort bot er ein Sammelsurium an Texten und Liedern zu Rätseln, Zufällen und Widersprüchen dieser Welt.Das „Paradies Rüdi“ verdanken die Berliner einer Erbschaft. Eine Bedingung war, dass die Stadtverwaltung auf dem Platz ständig für blühende Blumen und 70 Stühle sorgt. Das tut sie – während andere Plätze aufgrund der maroden Finanzlage verkommen. Auf dem „Rüdi“ wird nicht laut gefeiert, sondern stilvoll. Bei dem, was Maurenbrecher als „geflüstertes Volksfest“ beschrieb, können Nachbarn ruhig schlafen.
Wer immer aus der überschaubaren Zuhörerrunde demnächst nach Berlin kommen wird, es wird ihn sicher zum „Rüdi“ ziehen. Aber nicht nur das Paradies, auch die Weisheit verbirgt sich oft an Orten, wo sie keiner vermutet. Maurenbrecher fand sie unter anderem in der deutschsprachigen Anleitung eines Hotels in Luxor, Ägypten. „Bleiben Sie niedrig“, riet sie den Gästen, was ein religiöser Führer nicht besser hätte ausdrücken können. Und bei Problemen? „Bitte berühren Sie das Management.“
Maurenbrecher ist ein erfahrener Bühnenkünstler, hat zehn CDs, fünf Langspielplatten und drei Bücher veröffentlicht. Seine Texte wurden von Katja Ebstein, Klaus Lage und Hermann van Veen gesungen. Er ist Träger des Deutschen Kleinkunstpreises und des Deutschen Kabarettpreises. In der Bastion war er schon öfters ein geschätzter Gast, sein aktuelles Bühnenprogramm ist sein zwölftes. Ständig wird es umgebaut, kommen Lieder hinzu oder fallen weg. Manche schreibt Maurenbrecher aus aktuellem Anlass, nur für ein paar Monate. Doch dann kommt es ganz anders. „Dieses Lied hat seine längste Zeit noch vor sich“, meint der Künstler inzwischen zu seinem Song „Bad Bank“. Er überträgt die Idee auf das Leben: Eine Bad Bank, die einem alles Schlechte abnehme, die gebe doch Hoffnung. „Das ist wie Beichten hoch zehn.“
Als Maurenbrecher vor eineinhalb Jahren die 60 Jahre überschritt, überwand er die Überzeugung des Freiberuflers, ständig präsent sein zu müssen, begab sich auf eine vierteljährige Reise. Sie führte ihn nach Polen, in die Ukraine, nach Moldawien und Rumänien. So wurde die Fahrt in einem überfüllten Bus, den Karpaten entgegen, zum Lied.
Das Leben wird immer schneller und immer komplizierter. Was ihm der Fernseher eines ruhigen Sonntags an verwirrenden Informationen zum Thema „Klimakatastrophe“ ins Haus spülte, verwandelte Maurenbrecher in die für ihn so typischen Quergedanken. Ist manch eisiger Blick nicht eine Chance für die schmelzenden Gletscher?
Glücklich ist man nur, wenn man gar nichts mehr davon weiß, sagt Maurenbrecher. Wer glaube, dass er arm werde, der solle sein Geld dem Schnorrer geben – und sich dann freuen, wenn dieser es behalte. Liege jemand auf dem Sofa, könne es sein, er arbeitet, denn: „Wenn ich nicht mehr vor mich hinträumen würde, würde mir gar nichts mehr einfallen.“ Köstlich war Maurenbrechers Schilderung eines verkrampften Versuchs frühkindlicher Sprachförderung, geschehen auf einem Spielplatz unter Beteiligung eines „Wauwaus“. Aber der angestrengte Papa wollte eben, „dass sein Produkt konkurrenzfähig wird“. – Ein Lied, das Maurenbrecher nach der Katastrophe von Tschernobyl geschrieben hatte, kombinierte er nun mit einem Lied für die elenden Helden, die in Fukushima retten sollten, was nicht mehr zu retten war. „Jedes Ding hat seine Halbwertszeit, jeder Horror nur begrenzte Haltbarkeit“, beschrieb er die Mechanismen der Mediengesellschaft erschreckend treffend.
Mit einem Beruf, bei dem er morgens ausschlafen kann, ging für den Künstler ein Traum in Erfüllung. So konnte er am Morgen in aller Ruhe am Fenster einen alten Mann beobachten, der sein Fahrrad schob. Das Rad war nicht perfekt, aber das war egal, denn hier hatten sich offensichtlich zwei gefunden. Was für Maurenbrecher erneut ein Zeichen der Hoffnung war. „Vielleicht steht ja an der nächsten Ecke dein Fahrrad“, sprach er seinen Zuhörern am Schluss eines humorvollen und nachdenklichen Abends Mut zu.
