Kirchheim. Auch Musik-Kabarettistinnen kehren immer wieder gerne zu ihnen schon vertrauten Veran-
staltungsorten zurück. Warum das so ist, machte das Gastspiel von Tina Häussermann in der Naberner Zehntscheuer deutlich.
Hatte sie sich im März des Jahres 2007 noch mit Fabian Schläper ihrem ausgeprägten „Spieltrieb“ hingegeben und den dazu durchaus passenden libidinösen Gedanken freien Lauf gelassen, weht heutzutage angeblich ein rauerer Wind. Tina Häussermann ist in ihrem neuen Programm inzwischen hoch verschuldet und daher auf den Hund gekommen. Ein Heimspiel in ausverkauftem Haus tut da gut und lenkt ab von den Sorgen und Ärgernissen des täglichen Überlebenskampfes.
Überzeugt davon, dass noch immer gilt „Die Letzte beißt den Hund“, hat die bekennende Hundehasserin das ihr anvertraute Prachtexemplar von einer Deutschen Dogge erst gar nicht mitgebracht an den Ort des musikkabarettistischen Geschehens, der Tina Häussermann vor allem deshalb noch in sehr guter Erinnerung ist, weil sich hier Fuchs und Hase schon gar nicht mehr finden . . .
Wer sich angesichts des angebotenen Programms nun spontan fragt „Wer ist die Letzte?“, „Warum beißt sie?“ und vor allem „Wo ist der Hund?“, könnte auf die Idee kommen, einen klar erkennbaren Mangel zu rügen und auf eine Rückgabe des Eintrittsgeldes zu pochen. Die Erfolgschancen gehen aber gegen null, denn Tina Häussermann macht schließlich schon im Vorfeld unmissverständlich deutlich, was die drei unumstößlichen Säulen ihres neuen Programms sind, nämlich „Eine Frau, ein Klavier, kein Hund“. Wer den Saal dennoch unter Protest verlässt, hat schon nach den ersten Takten alle Chancen verspielt, denn für ihn oder sie heißt es dann auch – wie für Deutsche Doggen vor einer Metzgerei – wir müssen leider draußen bleiben.
Ohne Hund und vor allem auch ohne Fabian Schläper machte Tina Häussermann aber dennoch eine gute Figur und konnte ein von viel Applaus begleitetes Heimspiel feiern. Ein paar Stoffpuppen, ein Bilderrahmen und etwas Hundefutter, das sie großzügig im Publikum verteilt – und zum Dank nur noch die leere Schachtel zurückbekommt – genügen dem Energiebündel vollkommen, um auch ganz alleine auf sich gestellt ihr Publikum blendend zu unterhalten. Maßgeblich unterstützt wird sie dabei von ihrer ungemein guten Beobachtungsgabe, ihren abenteuerlichen Ideen, die sie dank ihrer schauspielerischen Qualitäten eindrucksvoll in Szene setzen kann, und ihrer großen Musikalität, die die Klaviervirtuosin vor allem im Dunstkreis zwischen Jazz und Boogie-Woogie auslebt. Die Sängerin, Klavierspielerin, Schauspielerin und Musikkabarettistin spielt dabei mit Worten genauso souverän und professionell wie mit den Tasten ihres Konzertflügels, den sie zur Not auch einfach nur mit ihrer Zehenspitze bespielt.
Überzeugt davon, dass ihre innere Größe fast das Dirndl platzen lässt, leidet Tina Häussermann publikumswirksam darunter, dass sie zwar ziemlich blond und erstaunlich langbeinig, akkurat vermessen aber doch nur 1,58 Meter groß ist – auch aus kritischer Fremdeinschätzung also eher klein. Nicht auf den Mund gefallen, aber schon mehrfach beim Erdbeerpflücken von der Leiter gestürzt, befindet sich Tina Häussermann mit ihrer Tante exakt auf Augenhöhe. Im Gegensatz zu dem stets an deren Seite gehenden Hund hat sie aber doch einen relativ weiten Weg hinter sich zu bringen. Bei einer Breite von 1,58 Metern ist die Tante nicht nur quadratisch und schwer reich sondern auch recht schwer.
Ihre doggelige Dogge bringt satte 80 Kilo auf die Waage und sprengt damit die Dimensionen eines gewöhnlichen Schoßhündchens. Die Aussicht auf ein zu ihren Gunsten geändertes Testament sorgt bei der umworbenen, freiwilligen Hundeführerin allerdings sofort für spontan aufkommende Liebe zu „Arco“.
Die verspielte Tierpflegerin experimentiert aber auch ungemein gerne mit Katzen herum. Nach einem uralten Satz gelte schließlich, dass von allen herabfallenden Tieren es nur die Katz‘ schafft, auf allen vieren zu landen. Zugleich ist aber auch hinlänglich bekannt, dass Butterbrote immer auf die Seite mit dem Aufstrich fallen. Die über finanzielle Umwege zur Tierliebe gekommene Chanteuse findet daher kurzzeitig größten Gefallen daran, mit Gedankenspielen theoretisch durchzuexerzieren, was genau geschieht, wenn man einer unter strengen Versuchsbedingungen abstürzenden Katze zuvor Butterbrote auf den Rücken bindet. Wo um alles in der Welt schlägt sie auf und vor allem womit – mit den Beinen oder doch eher mit der Butter?
Dank bei der Tante gefundenen Ratgebern über „Das andere Ende der Leine“, das lernen muss, dass Hundejahre Herrchenjahre und Vierbeiner die besseren Männer sind, kommt die mit dem Hund Tanzende dem Tier als ihr unbekanntes Wesen immer näher. Zwischendurch vertieft sich die neu geworbene Tierfreundin auch in die mit Leuchtstift markierten Sinnsprüche ihrer Tante. Dass man Hunde oft erst zum Jagen tragen muss, versteht sie sofort und hat auch den passenden Vergleich parat, der deutlich macht, was damit gemeint sein könnte.
Einem der Herren im Publikum sieht sie sofort an, dass er eigentlich still vor sich hin leidet und garantiert nicht aus freien Stücken ins Frauen-Kabarett gekommen ist – mitreißende Musik hin oder her. Immerhin hält er sich dann aber deutlich besser als ein Tina Häussermann in der S-Bahn gegenüberhockender „Sitzschläfer“, der mit offenem Mund in sich zusammensackt, bei Bedarf aber sofort wieder hellwach und stocksteif aufgerichtet zu allem bereit ist . .
