Lokales
Erfolgsmodell

Der Gemeinderat hat vor zwei Jahren bei der Doppelhaushaltsverabschiedung einen kühnen Schritt gewagt: Ganz knapp erwirkte er bei Stimmengleichheit, dass das erste Kindergartenjahr, also das für Dreijährige, kostenlos ist. Damit nahm Kirchheim eine Vorreiterrolle im Regierungsbezirk ein – und ein zusätzliches Loch in der Kasse in Kauf.

Nun liegen brandneue Zahlen vor, die eine Abkehr vom eingeschlagenen Weg im neuen Haushalt unmöglich machen: Der Kindergartenbesuch der Dreijährigen ist signifikant gestiegen, nämlich von 184 auf 292 im vergangenen Jahr. 84 Prozent aller dreijährigen Kirchheimer besuchen demnach jetzt einen Kindergarten, bis dato waren es nur 56 Prozent. Damit ist das Ziel der Befürworter aus SPD, Grünen, Frauenliste und CIK (sowie seinerzeit einer CDU-Stimme) erreicht, dass immer mehr Kinder Zugang zu frühkindlichen Bildungsangeboten haben. Doch auch die Rechnung der Skeptiker, darunter damals die Oberbürgermeisterin, geht auf: Ganze 191 000 Euro Gebührenausfall muss die Stadt verkraften.

Ob die Zunahme der Kinderzahlen wirklich an der Gebührenfreiheit liegt, bleibt offen. Bekanntlich wollen und können immer weniger Eltern das klassische Muster leben und ihre Kinder – oft nur eines – langfristig zu Hause selbst betreuen. Erzieherinnen berichten, dass für Eltern gute und vor allem flexible Betreuung die wichtigsten Kriterien sind. Möglich also, dass zwischen Gebührenfreiheit und Kindergartenbesuch nur eine Scheinkorrelation besteht, ähnlich derjenigen zwischen sinkendem Storchenbestand und immer niedrigerer Geburtenrate.

Für eine relativ gering verschuldete Stadt, die sich das Etikett der Familienfreundlichkeit anheftet, ist das gebührenfreie erste Kindergartenjahr auf jeden Fall ein Schmuck. Eltern sparen ein Jahr lang monatlich etwa 95 Euro (Einzelkind in Basisbetreuung). Wer weiß, was Kinder kosten, wird ihnen das gönnen, auch ohne Nachweis einer Notlage. Zumal sie ja durch den Winkelzug der Erhöhung der Kindergartengebühren eben doch wieder zur Kasse gebeten werden sollen.

Das gebührenfreie erste Kindergartenjahr ist ein Erfolgsmodell, weil es in Zeiten demografischen Wandels politischen Signalcharakter hat – und weil die neuen Zahlen ganz einfach dafürsprechen. IRENE STRIFLER