Die Ohmdener Grundschule praktiziert Leseförderprojekt nach dem Salzburger Modell
„Erst ich ein Stück, dann du“

Ohmden. Mit roten Backen und unter Zuhilfenahme des Zeigefingers entziffert der Junge Wort für Wort die Geschichte von Fumo, dem Drachen, der anders als seine Artgenossen nicht Feuer speit, sondern

rote Soße aus der Nase spuckt.„Flus. . .  flut. . . flutschte.“ – Immer wieder stockt der Lesefluss. Wortbilder zu erkennen, fällt dem Achtjährigen offenbar schwer. Wie dem Drittklässler geht es auch manch anderen Mitschülern und selbst einzelnen Kindern aus der vierten Klasse. Das Kollegium der Ohmdener Grundschule sah Handlungsbedarf und hat sich dafür entschieden, wie andere Schulen unter anderem in Kirchheim ein Leseförderprojekt nach dem Salzburger Modell ins Leben zu rufen.

Täglich kommen Ehrenamtliche aus dem Ort als Lesepaten an die Schule. So auch Nicole Mögel. Die 30-Jährige ist Erzieherin und war viele Jahre im Bildungshaus Ulmer Spatz angestellt. „Mit Kindern zu arbeiten, macht Spaß“, so beschreibt sie ihre Motivation, als Lesepatin einzusteigen. „Hier kann ich die Kinder unterstützen. Das Thema Sprache ist ja ungemein wichtig.“ Für jeweils 15 Minuten am Tag werden die Schüler sechs Wochen lang aus dem Unterricht herausgenommen, um sich zusammen mit einem Lesepaten über ein Buch zu beugen. „Erst ich ein Stück, dann du“, heißt die Reihe, in der „Ein Drachenfreund für Linus“ und andere Kinderbücher erschienen sind. Die mit größeren Buchstaben gedruckten Zeilen liest der Schüler, die klein geschriebenen Abschnitte der Erwachsene.

„Die Kinder genießen die Übungssituation sehr und freuen sich darauf. Es ist etwas Besonderes für sie, dass sich ein Lesepate nur für sie Zeit nimmt“, sagt Schulleiterin Gabriele Seitz. „Sie erfahren dabei Wertschätzung, und das Lesen ist losgelöst von der Schule im klassischen Sinn.“ Das laute, deutliche Lesen sei etwas anderes, als wenn man leise für sich lese. Den Sinn zu entnehmen, ist ein weiterer Schritt. Das alles gehe nur übers Üben. Mit einem Lesepaten bekomme das eine Ernsthaftigkeit, die mit den Eltern unter Umständen nicht immer so gegeben sei.

Bereits nach ein paar Wochen haben sich erste Erfolge eingestellt. Die Schüler lesen mit Freude, manche nehmen nun auch zu Hause Bücher in die Hand und lesen kleineren Kindern vor. Genügend Futter gibt es in der Schulbibliothek, die über 2 500 Bücher verfügt.

Nicht nur mit dem Leseförderprojekt beschreitet die Grundschule Ohmden, die von 63 Kindern besucht wird, neue Wege. „Wir machen jahrgangsübergreifenden Unterricht aus Überzeugung“, betont Gabriele Seitz. Damit werden die Klassen drei und vier sowie die Eingangsklassen eins und zwei jeweils gemeinsam unterrichtet. „Ähnlich wie in der Gemeinschaftsschule rückt das individuelle Lernen in den Mittelpunkt. Davon profitieren alle“, betont die Schulleiterin. Es geht weniger darum, alle Kinder in der Klasse auf den gleichen Stand zu bringen, sondern sie schreiten entsprechend ihrem eigenen Tempo voran. Auch den sozialen Aspekt hält Gabriele Seitz bei dem jahrgangsübergreifenden Modell für einen großen Pluspunkt. Eine mit einer Fülle von Materialien ausgestattete Lernwerkstatt, die für alle Schüler zugänglich ist, gehört ebenfalls zu dem Konzept.

Regelmäßig beschäftigen sich die Kinder im Fächerverbund Mensch, Natur und Kultur (MeNuK) mit verschiedenen Projekten. Jahrgangsgemischt ging es beispielsweise um das Thema „Vom Schaf zur Wolle“ oder ums Papierschöpfen.

Wie bei den Projekten können die Kinder nach der intensiven Lesezeit etwas nach Hause tragen: Stolz wird das Buch zugeklappt und der mitgebrachte Ordner unter den Arm geklemmt. Darin prangt eine neue Unterschrift des Lesepaten, die durchgearbeiteten Seiten sind notiert. Schließlich muss am nächsten Tag die Geschichte von Fumo, dem besonderen Drachen, an der richtigen Stelle weitergelesen werden.