Kirchheim. Es gibt so wunderweise Stunden, da alle Dinge gülden sind, konnte man, frei nach Rilke, am Sonntag staunen beim Konzert in der Kirche Maria Königin, Kirchheim. Da stimmte einfach alles: ein
Ernst Leuze
glänzend disponierter Thomas Specker an der modernsten Orgel Kirchheims, das reich besetzte Schwäbische Kammerorchester auf stolzer Höhe seiner Möglichkeiten, die Konzertmeisterin und Violin-Solistin Agathe Steiff in der schönsten Reife ihres Könnens, eine prallvolle Kirche im zauberhaften Licht der Westsonne.
Die Chronistenpflicht gebietet, auch noch Einzelheiten zu würdigen. Also der Reihe nach: Denise Glotzbach begrüßte im Namen des ökumenischen Fördervereins Kirchenmusik und erklärte, dass mit diesem Konzert die Vorstellung des Orgelbuches „Orgeln unter Teck“ von Ernst Leuze und Wolfgang Znaimer ihren festlichen Abschluss finde. Und festlich fürwahr begann die Musik mit Mozarts „Serenata notturna“, dem härtesten Prüfstein für das Orchester. Geprobt in der leeren Kirche, jetzt unter dem Erwartungsdruck von Hunderten Zuhörern, die sich, wie die Spieler auch, nur allmählich an die Akustik gewöhnen sollten – mit Pauken zwar, aber sozusagen ohne Trompeten. Schwung und Eleganz zeigten sich von Satz zu Satz immer mehr, nicht zuletzt inspiriert von anmutigen Solostellen.
So richtig warm ums Herz wurde es einem jedoch erst beim „Andante cantabile“ (Adoration) von Alexandre Guilmant, als sich die Orgelklänge fein abgestuft in das Orchester mischten und die moderne Kirche sozusagen in eine französische Kathedrale verwandelten.
Matthias Bauer hatte den pastosen Purpurklang der Musik auf Anhieb getroffen, und wer Augen dafür hatte, konnte in allen Lichtreflexen anbetende Engelchen erkennen. Diese kamen dann beim Violinkonzert a-Moll von Jean-Marie Leclair so richtig in Stimmung, denn da wogte das Orchester in ausgelassenem Jubel; Agathe Steiff jauchzte mit frommen, reinen Geigentönen, sodass die Orgel anscheinend neidisch wurde und sich manchmal allzu weit aus dem Generalbass-Hintergrund hervorwagte. Das war besonders dem blitzsauber aufspielenden Concertino etwas abträglich.
Offensichtlich haben da die akustischen Unterschiede zwischen leerer und übervoller Kirche der Balance einen Streich gespielt; es wäre ja auch verwunderlich, wenn die sonst so überperfekte Akustik dieser Kirche nicht wenigstens eine einzige Tücke hätte. Glücklicher Jubel nach dieser feierlich-freudigen Musik. Dass der musikalische Faden in der Überleitung zum letzten Satz manchmal bedenklich am Reißen war, hatte man ja längst vergessen, auch weil die hervorragend gelungenen Tempovarianten im Schlusssatz doch nachhaltig begeisterten.
Spätestens an dieser Stelle wäre man auch als anspruchsvoller Konzertbesucher voll auf seine Kosten gekommen, wenn da nicht mit einem markerschütternden Orgeltutti das Hauptwerk des Nachmittags hereingebrochen wäre: Konzert für Orgel, Streichorchester und Pauken von Francis Poulenc.
Leider verschwieg das Programm den Namen des famosen Paukers, der die Klangwogen wirkungsvoll aufgipfelte. Die prächtige Steinmeyer Orgel hielt auch den wütendsten Orchesterattacken mühelos stand – im Gegenteil: gelegentlich drohten die schwer arbeitenden Streicher in den Orgelklangwogen fast zu ersaufen. Das ist jedoch vom Komponisten so gewollt: Welche Erleichterung immer, wenn Orgel und Orchester sich mit lieblichen Klangfarben zu übertreffen suchten.
Nach fast grenzenlosem Staunen über den Bravour von Organist und Orchester rasten die Zuhörer regelrecht und erklatschten sich eine Zugabe – nicht einfach die Wiederholung eines besonders schönen Programmpunktes, sondern mit Marche élégiaque von Guilmant eine neuerliche Preziose für Orgel und Orchester. Reinste Klangmagie besonders zum Schluss, wo man nicht mehr unterscheiden konnte zwischen dem Brummen des Orgelpedals und dem Schnurren der Kontrabässe.
Es war bewegend, zu erleben, wie die zum Schluss noch in den Bußfarben erstrahlende Orgel nun in der Mitte der musikalischen Gesellschaft angekommen ist. Verein, Kulturring, Stadtarchiv, Kirchen – Thomas Specker hat wieder einmal ein integratives Meisterstück abgeliefert. So leicht wird dieses glanzvolle Konzert nicht zu übertreffen sein, doch die Zuhörer freuen sich schon auf das nächste.
