Holger Wissmann ist Apfelsafttrinker und somit Umweltschützer aus Leidenschaft
Es regnet rote Äpfel

Kirchheim. „Der Baum hängt richtig voll!“ sagt Holger Wissmann und schüttelt mit einer langen Stange kräftig an den Ästen des alten Apfel-baums – es regnet rote Äpfel. Wegen


Linda Sophie Krohm

der Hanglage rollt das Obst in Richtung des geteerten Spazierwegs. Viele der reifen Früchte platzen auf durch den Aufprall. „Die aufgeplatzten Äpfel kann man maximal zwei Tage aufbewahren, am besten bringt man sie direkt zur Mosterei“, sagt er.

Es riecht nach feuchter Erde, frischem Obst und Gras. Dem Baumschüttler stehen Schweißperlen auf der Stirn, die Sonne scheint. „Ich bin gern an der frischen Luft“, sagt er. Der Apfelbaum befindet sich auf einer Wiese, die am Spazierweg zur Aussichtsplattform Würstlesberg liegt. „Achtung, ein Querschläger“, warnt er einen Passanten. „Machen Sie Saft oder Most? Es ist richtig gut, dass das Obst hier nicht verkommt“, erwidert dieser und erklärt, dass die Äpfel die Jahre zuvor immer zu Mus getrampelt wurden: „Das ist eine Riesensauerei.

Holger Wissmann sagt von sich selbst: „Ich bin ein Streuobstwiesenfreund.“ Der Neidlinger hat allerdings keine eigene Wiese. Er hat deshalb bei der Stadt Kirchheim nach Streuobstbäumen gefragt, die er abernten kann. Wolf Rühle vom Amt für Stadtentwicklung in Kirchheim, hat sich ähnliche Gedanken gemacht. Und prompt eine Art Apfeltauschbörse ins Leben gerufen. Die funktioniert so: Eine Familie ohne Wiese und Bäume, die gerne Äpfel hätte, meldet sich auf der „Streuobst-teck“-Website an und findet dort im besten Fall einen Wieslesbesitzer, der seine Bäume anbietet. Im Fall von Holger Wissmann ist die Stadt besagter Wiesenbesitzer.

„Wir haben vor drei Wochen den letzten Beutel Apfelsaft von der Ernte letztes Jahr getrunken“, sagt der Familienvater. 225 Liter Saft waren das und so viel braucht er wieder. „Die drei Bäume hier reichen nicht für die Menge.“ Einen Teil der Äpfel schüttelt er vom Baum. Ein anderer Teil wird Apfel für Apfel mit einem Apfelpflücker geerntet. Dabei bleibt nicht aus, dass ein paar kleinere Äste abbrechen. Genau darin vermutet Wissmann den Grund für die ausbleibenden Baumangebote in der Börse: „Die Besitzer haben Angst, dass die Bäume bei der Ernte so beschädigt werden, dass sie zwei Jahre unbrauchbar sind.“ Diese Furcht ist unbegründet: Die Regeln sind nicht kompliziert und auf der Streuobst-teck-Seite im Internet für alle nachlesbar. Dass es trotzdem manche gibt, „die mit Stöcken an und in die Bäume schlagen“, hat Wissmann auch schon beobachtet.

Der Neidlinger hat kein Interesse an einer eigenen Wiese, „da ich keine Geräte, wie zum Beispiel einen Wiesenmäher, habe.“ Aber eigenen Saft, den will er trotzdem. „Bei meinem Saft weiß ich, was drin ist.“ Denn so manch einer soll auch faulige Äpfel zum Saften nehmen. Das kommt dem Familienvater nicht in die Safttüte. Eigentlich in den Beutel, der dann in die Box kommt. „Durch das Bag-in-Box-System hat mein Saft von letztem Jahr bis jetzt gehalten.“ Er will noch zwei weitere Male Äpfel ernten gehen und daraus Saft für seine Familie machen lassen. An die Bäume dafür kam er ebenfalls über den Umweltbeauftragten Wolf Rühle.

Nachdem das ganze Obst aufgelesen ist, stehen sechs Säcke voller Äpfel parat. Ein paar davon nimmt er mit nach Hause, denn seine Frau backt Apfelkuchen. Den Rest bringt der Streuobstfreund zur Fruchtsaft-Kelterei nach Dettingen. „Samstags ist hier immer so viel los“, sagt er und reiht sich mit dem Anhänger voller Säcke in die Autoschlange. Vorne angekommen, werden die Äpfel gewogen: Ganz genau 250 Kilogramm zeigt die Waage an. Der Tagespreis liegt bei zehn Euro für einen Zentner Äpfel. Also ganze 25 Euro für einen halben Tag Arbeit. Oder eben 150 Liter Saft. Gelohnt hat sich der Aufwand für den Safttrinker nicht wirklich. Trotzdem sagt er: „Ich mache die Arbeit gern, denn es macht ja auch Spaß.“ Äste, die unter der Last nicht abgeernteter Äpfel abbrechen; Wiesen auf denen zentnerweise das Obst vergammelt - Wissmann sieht das immer wieder wenn er spazieren geht und das erinnert ihn daran, dass Mosttrinker Umweltschützer sind. Er trägt seinen Teil dazu bei, indem er Saft trinkt.

Die neue Streuobstbörse der Stadt Kirchheim hat die Homepage www.streuobst-teck.de.