Christian Adam referierte zum Thema „Nach der Bücherverbrennung“
Es wurde trotzdem viel gelesen

Kirchheim. Verdruss über allzu viel Beschäftigung mit der Nazizeit ist in diesem Fall wirklich nicht angebracht. An die Bücherverbrennung 


vom 10. Mai 1933 und deren verheerende Folgen wird jedes Jahr gedacht. Doch was hat Deutschland überhaupt noch gelesen? Dieser interessanten Frage ist Christian Adam in seiner Studie „Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich“ nachgegangen. Der Autor, promovierter Germanist und Sachgebietsleiter bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Berlin, stellt im Vorwort klar, dass es ihm nicht um die Verharmlosung der Kulturpolitik des Naziregimes geht: „Die Geschichte der Bestseller ist die Negativform, das Gegenstück zur Geschichte der verbrannten und verbannten Bücher und Autoren.“ Auf Einladung des Literaturbeirats hat Adam im Kornhaus einen Einblick in sein Werk gegeben.

Das Naziregime hatte mit der Bücherverbrennung ein Fanal gesetzt. Kurz danach zeigte aber eine Umfrage im Börsenblatt des deutschen Buchhandels unter Jugendlichen, dass sich die Lektüregewohnheiten nur unwesentlich geändert hatten. Sogar ausdrücklich verbotene Schriftsteller wurden gelesen. Schließlich konnten Privatbüchereien nicht angezündet und Antiquariate nicht völlig kontrolliert werden. Eine flächendeckende Zensur war nicht einzurichten. Dazu war die Organisation des Literaturbetriebs viel zu chaotisch. Nicht weniger als vier Institutionen machten sich Konkurrenz. Besonderes Gewicht hatten natürlich Goebbels Propagandaministerium und vor allem die neu etablierte Reichsschrifttumskammer, bei der alle Autoren, Verleger und Buchhändler Mitglied sein mussten.

Lesen hatte bei den Nazis durchaus einen hohen Stellenwert. Das „Gute“ sollte gefördert und das „Schlechte ausgemerzt“ werden. Schließlich war das lesende Bildungsbürgertum aufgeschlossen für die Naziideologie. Es wäre töricht gewesen, diese Klientel zu verprellen. Adam zeigte in einer der Bildprojektionen, mit denen er seinen Vortrag immer wieder auflockerte, Hermann Göring, wie er gemütlich in einem Sessel sitzt und zur Entspannung ein Buch liest. Dieses Bild aus einer Biografie Görings sollte menschliche Nähe schaffen, genauso wie die Tatsache, dass Adolf Hitler ein passionierter Karl-May-Leser war. Gezielt wurde das durch eine Reportage im ganzen Reich bekannt gemacht. Himmler und Goebbels besaßen, das beweisen Tagebücher, einen bildungsbürgerlichen Literaturhorizont inklusive Hesse und Ibsen. Das konnte ihre Unmenschlichkeit nicht verhindern.

Doch was sollten die Deutschen lesen, und was haben sie gelesen? Adam hat zur Beantwortung dieser Frage die Bestsellerlisten der damaligen Zeit ausgewertet und nicht weniger als 350 Titel aufgelistet. Unter dem Blickwinkel der Leser hat er sie in zehn Kategorien eingeteilt und einige davon in seinem Referat vorgestellt. Besonders gefördert wurde von den Machthabern natürlich die Kriegsliteratur wie Fritz Otto Buschs „Vom Heldenkampf deutscher Zerstörer“. Doch selbst diesen Bereich beherrschten die Kriegsverherrlicher nicht vollständig. Sie mussten immer gegen einen pazifistischen Weltbestseller aus dem ersten Weltkrieg, Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, anschreiben.

Nicht völlig abschotten konnten und wollten die Nazis auch die ausländische Literatur. Nach außen hin wollten sie den demokratischen Schein wahren, obwohl Literatur von Feindländern verboten war. So gehörten der Nazigegner Saint-Exupéry mit „Wind, Sand und Sterne“ und Aldous Huxley mit der systemkritischen „Schönen neuen Welt“ zu den vielgelesenen Autoren.

Besondere Förderung durch Werbung auf dem immerhin privatwirtschaftlichen Markt erfuhr natürlich „Blubo“, die Blut-und Boden-Literatur wie Gustav Schröers „Heimat wider Heimat“ oder „Barb. Roman einer deutschen Frau“ von Kuni Tremel-Eggert.

In Kriegszeiten wurde Literatur funktionalisiert als Frontbetreuung. Vor allem Unterhaltungsliteratur wurde durch „Frontbuchhandlungen“ mit Bussen an die Front gebracht oder als Feldpostausgaben geschickt. Sammlungen mit lustigen Geschichten und Eugen Roths „Mensch“-Gedichte waren sehr beliebt. Hitlers „Mein Kampf“, der absolute Branchenführer, stand eher im Bücherregal zu Hause. Man hatte ihn zur Hochzeit oder zu einem anderen Anlass geschenkt bekommen.

Im Land selbst genossen einige Schriftsteller erstaunliche Duldung, zum Beispiel Hans Fallada, den Goebbels schätzte, oder Ernst Jünger mit „Auf den Marmorklippen“, das sich als Schlüsseltext zum nazis­tischen Terror lesen lässt. Doch das tröstet wenig über den kulturellen Kahlschlag der Nazis hinweg.

Die Zuhörer konnten noch einige Erkenntnisse für die Nachwirkungen im Literaturbetrieb nach 1945 mitnehmen. Das Erziehungsbuch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer, 1934 erschienen, wurde in den 80er-Jahren ideologisch gereinigt unter dem Titel „Die Mutter und ihr erstes Kind“ aufgelegt, und – mit seinem Plädoyer für die „schwarze Pädagogik“ – wieder ein Bestseller. Weiterhin: Der Bertelsmann-Verlag ist ein ausgesprochener Kriegsgewinnler. Er war besonders linientreu und konnte diesen Gewinn zum Aufbau des Konzerns in der Nachkriegszeit nutzen.

Die lebendige und ausgiebige Diskussion nach dem Vortrag bewies, wie viele Anregungen der Referent gegeben hatte und wie souverän er seine Materie beherrscht. Einen stimmigen Rahmen bildete der Vortragsraum im Kornhaus mit der aktuellen Ausstellung der Wandinstallationen von Klaus Zwick zum Thema Bücherverbrennung.