Kirchheim. Daniel Hughes öffnet den Kofferraum seines Autos und hebt einen gelben Korb heraus. Darin befinden sich Joghurt und Maultaschen, Quark und Käse – aussortiert wegen des Mindesthaltbarkeitsdatums. „Das habe ich gerade beim Edeka in Nabern abgeholt“, erzählt der Berufsmusiker aus Bissingen. Daniel Hughes ist Lebensmittelretter und Foodsharing-Botschafter. Als Mitglied des 2012 gegründeten, gemeinnützigen Vereins Foodsharing mit Sitz in Köln setzt er sich in der Region für dessen Ziele ein. Er verhindert, dass noch genießbare Lebensmittel, die Supermärkte nicht mehr verkaufen oder an Tafeln weitergeben können, in den Müll wandern. Statt dessen gibt er sie – kostenlos – an Menschen weiter, die sie brauchen und verwenden.
Abnehmer sind beispielsweise Leute, die wie Daniel Hughes selbst der Verschwendung den Kampf angesagt haben. Noch viel lieber sieht der Lebensmittelretter das Essen aber dort, wo es wirklich dringend gebraucht wird. „Meistens bringe ich die Sachen zur Flüchtlingsunterkunft nach Kirchheim“, erzählt Daniel Hughes. Die Schere zwischen Überfluss und Verschwendung einerseits, Armut und Hunger andererseits steht im Fokus von Foodsharing.
Teilnehmen kann jeder, egal ob Privatperson, Supermarkt oder kleines Geschäft. Unter www.foodsharing.de gibt es eine Internet-Plattform, auf der noch genießbare, nicht mehr gebrauchte oder verkäufliche Lebensmittel angeboten und abgerufen werden können. „Aus der Region bin ich aber im Moment noch der einzige, der dort registriert ist“, bedauert Daniel Hughes. Dafür ist er umso aktiver: „Ich klappere zurzeit alle Supermärkte in der Gegend ab“, erzählt er. Dabei habe er sowohl Erfolge als auch bittere Niederlagen erlebt. „Von einigen habe ich ziemlich deutliche Absagen bekommen“, erzählt Daniel Hughes, der zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern aus Überzeugung vegan und mit so wenig Geld wie möglich lebt. Bei anderen fand er Unterstützung, etwa beim Edeka-Markt in Nabern, wo er nun regelmäßig Warenkörbe abholt. Hoffnungen setzt der 27-Jährige auch auf den Marktkauf in Kirchheim.
Von dort sendet Marktleiter Michael Pausch positive Signale aus. „Generell finde ich das eine prima Idee“, sagt er. Marktkauf arbeite bereits eng mit den Tafeln zusammen, aber auch Foodsharing im Raum Kirchheim wäre für ihn eine Option. „Das muss ich allerdings noch wegen Hygiene- und Sicherheitsfragen mit der Edeka-Zentrale abklären“, so Pausch.
Hygiene und Lebensmittelsicherheit ist auch auf der Foodsharing-Plattform ein Thema. Sehr leicht verderbliche Waren wie Frischfleich und Produkte mit rohen Eiern sind dort ausgeschlossen – die Haftung für eventuelle Schäden und Erkrankungen auch.
Aber nicht nur Daniel Hughes, sondern auch andere Menschen aus Region machen mobil gegen Lebensmittelverschwendung. So hat der Kirchheimer Jörg Dehlinger, Rektor der Anna-Haag-Schule in Neckarhausen und einstmals Museumspädagoge im Freilichtmuseum Beuren, die Facebook-Gruppe „Foodsharing Kirchheim“ ins Leben gerufen. Gerade einmal vor sechs Wochen gegründet, ist die Mitgliederzahl bereits auf über 160 gestiegen. „Die Idee dazu ist mir gekommen, nachdem ich einen Bericht im Fernsehen gesehen habe“, erzählt Jörg Dehlinger. „Mir geht es nicht nur um Bedürftige, sondern darum, Lebensmittel zu retten“, sagt er. Das Angebot sei auch eine Art erweiterte Nachbarschaftshilfe: Wer zum Beispiel in den Urlaub fährt und verderbliche Lebensmittel übrig hat, kann sie dort einstellen. Umgekehrt sind auch Anfragen nach Lebensmitteln erlaubt.
In der Facebook-Gruppe aktiv ist auch Mirijam Pasquini, Inhaberin des „Pasta Fresca“ in Kirchheim und zweite Vorsitzende des noch jungen Gewerbevereins Next Generation. „Ich finde Foodsharing eine tolle Institution“, sagt sie. „Immer wieder habe ich Lebensmittel, die noch in Ordnung sind, sich aber nicht oder nicht mehr verkaufen lassen.“ Das sei etwa Pasta, die fleckig aus dem Nudeltrockner kommt, brüchiges Gebäck oder auch Ware, die laut Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
Die Sache mit dem Haltbarkeitsdatum findet Mirijam Pasquini ohnehin fragwürdig. „In Deutschland ist es sogar für unverderbliche Waren wie Salz oder Honig vorgeschrieben“, wundert sie sich. Oft wanderten „abgelaufene“ Waren in den Müll, die noch lecker und einwandfrei seien.
Das Problem hat übrigens auch die EU erkannt. Sie hat 2014 als „Jahr gegen Lebensmittelverschwendung“ ausgerufen. Das Europäische Parlament diskutiert nun über eine differenziertere Kennzeichnung, etwa eine Aufteilung in „mindestens haltbar bis“ als Qualitätsmerkmal und in „zu verbrauchen bis“ zur Gewährleistung der Gesundheit.
Sorge, sich durch das Verschenken von Lebensmitteln selbst Konkurrenz zu machen, hat Mirijam Pasquini nicht. „Ich glaube, das sorgt eher für positive Resonanz.“ Schade findet sie, dass sie noch so wenige Mitstreiter hat. „Ich mache derzeit Werbung in meinem Gewerbeverein und hoffe, dass künftig auch viele andere Geschäfte mitmachen“, sagt sie.
Ein Problem ist aus Sicht von Pasquini und Hughes, wie die Lebensmittel am besten an den Mann und die Frau gebracht werden. „Weil ich einen Laden habe, ist das bei mir noch recht unkompliziert“, sagt Mirijam Pasquini. Anders sieht es bei Lebensmittelkörben aus dem Supermarkt oder von privat aus. „Der Aufwand ist sehr hoch“, sagt Daniel Hughes. Deshalb träumt er von einem Ort in Kirchheim, an dem Essen kostenlos zugänglich gemacht wird. „Ein bisschen wie die Bücherzelle, nur etwas diskreter.“ Solche „Fair-Teiler“, also Lebensmittleregale und Kühlschränke gibt es bereits in großen Städten und an Universitäten. Auch in Esslingen, wo eine kleine Gruppe junger Leute Foodsharing aktiv betreibt, steht ein Lebensmitteltisch im CVJM-Heim zur Verfügung. Daniel Hughes könnte sich eine solche Station einerseits in der Flüchtlingsunterkunft vorstellen. Um kostenlose Lebensmitteln aber auch anderen bedürftigen Bevölkerungsgruppen zugänglich zu machen, sucht er nach einem weiteren geeigneten Ort. In einem nächsten Schritt will der Lebensmittelretter darum auf die Stadt Kirchheim zugehen. „Vielleicht gibt es da Ideen oder Kooperationsmöglichkeiten“, sagt er.
