Alkoholverbot kommt für Kirchheim nicht infrage – Zahlreiche Maßnahmen gegen Missbrauch
Exzesse ohne Verbot bekämpfen

Die Landesregierung diskutiert ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen. Dass dieses Mittel in Kirchheim eingesetzt wird, schließen die Verantwortlichen vor Ort aus. Allerdings gibt es zahlreiche andere Ansätze, um den Alkoholkonsum einzudämmen.

Kirchheim. „Ich glaube, dass Alkohol ein großes Thema ist“, sagt Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Den Ansatz, in großen Städten an Brennpunkten Alkoholverbote zu ermöglichen, hält sie deshalb für richtig. „Für Kirchheim bietet sich ein solches Verbot aber nicht an“, betont die Stadtchefin. Selbst wenn das Polizeigesetz in Baden-Württemberg geändert werden solle, darf nur ein Alkoholverbot für Orte verhängt werden, die bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu gehören etwa die Häufung alkoholbedingter Straftaten oder unübersichtliche Situationen durch Menschenansammlungen.

Nicht nur wegen dieser „recht hohen Hürden“ betrachtet Thomas Pitzinger, Leiter des Kirchheimer Polizeireviers, ein öffentliches Alkoholverbot für die Teckstadt als nicht sinnvoll. „Das Verbot wäre ja auch an einen bestimmten Ort gebunden“, gibt Pitzinger zu bedenken. Zwar gibt es in Kirchheim beliebte Treffpunkte, an denen auch Alkohol konsumiert wird, so etwa den Rollschuhplatz, den Rambouilletplatz oder den Postplatz. Aus Erfahrung weiß der Leiter des Polizeireviers jedoch, dass die Treffpunkte von Jugendgruppen schnell wechseln: Einen bestimmten Platz, wie etwa das berüchtigte „Bermudadreieck“ in Freiburg „haben wir in Kirchheim nicht“.

Ohnehin hat Thomas Pitzinger den Eindruck, dass sich die Situation in der Teckstadt entspannt hat: „Die Zwischenfälle mit betrunkenen Jugendlichen oder Alkoholvergiftungen sind in Kirchheim eher rückläufig“, sagt Pitzinger. Auch Angelika Matt-Heidecker hat beobachtet, dass es auf dem Rollschuhplatz vergangenen Sommer – möglicherweise auch wetterbedingt – ruhiger zugegangen ist als noch 2010. Eine Oase der Ruhe ist die Innenstadt deswegen noch lange nicht. „Es gibt viele Menschen, die wegen des Lärms und Trubels aus der Kirchheimer Innenstadt wegziehen“, weiß die Stadtchefin zu berichten.

Beim Kampf gegen Alkoholexzesse und Saufgelage verlässt sich die Stadt lieber auf Prävention und Hilfe statt auf ein Verbot und wendet damit schon jetzt Mittel an, die die Landesregierung parallel zu einem Verbot fördern will. Eine ganz wichtige Institution ist aus Sicht der Oberbürgermeisterin der Kirchheimer Arbeitskreis Alkohol. Darin sind die Wirtschaftsförderung und die Sozialen Dienste ebenso vertreten wie die Polizei und das Mehrgenerationenhaus Linde. Die Gruppe arbeitet Maßnahmen aus und erstellt Leitlinien für den Umgang mit Alkohol. „Ganz wichtig ist beispielsweise die Frage, wie Feste gestaltet werden“, erläutert Angelika Matt-Heidecker. Ziel sei es auch, Leitlinien für Veranstalter herauszugeben und ein Umdenken herbeizuführen. Auf Landesebene im Gespräch ist etwa ein Verzicht auf Hochprozentiges.

Dadurch wird, wie Polizeioberrat Pitzinger betont, keineswegs die Exis­tenz des Weinfestes oder anderer Veranstaltungen infrage gestellt. Vielmehr gehe es darum, Jugendliche nicht schon von vornherein an die Volksdroge heranzuführen. „Es stellt sich beispielsweise die Frage, ob bei einem Sport-Jugendturnier unbedingt Alkohol ausgeschenkt werden muss“, sagt Pitzinger. So sollten junge Fußballer statt eines „Stiefels“ Bier lieber andere Anerkennungen erhalten. „Ganz wichtig sind natürlich auch gute erwachsene Vorbilder.“

Ein weiteres Mittel, mit dem die Stadt gegen Saufgelage an öffentlichen Plätzen mobil machen möchte, sind die Nachtwanderer. Mit Beginn der warmen Jahreszeit sollen in Kirchheim Hauptamtliche und Ehrenamtliche nachts zu einschlägigen Plätzen ausschwärmen.

Ganz allgemein sind aus der Bürgerschaft auch Vorschläge und Wünsche aufgetaucht, die die Kommunikation, die Aufenthaltsqualität und damit auch die soziale Kontrolle stärken. „Es werden beispielsweise mehr Sitzbänke gefordert“, berichtet die

Oberbürgermeisterin. Außerdem wurde der Wunsch nach Tischen auf dem Rollschuhplatz laut.

Wenn auf öffentlichen Plätzen Partys gefeiert werden, gibt es meist noch ein weiteres Ärgernis: herumliegenden Müll. „Wir sind zwar jeden Tag unterwegs, auch sonntags“, betont Angelika Matt-Heidecker. „Aber irgendwo hat eben alles seine Grenzen.“ Auch wenn das Hinterherräumen unerlässlich sei, plädiert die Oberbürgermeisterin dafür, das Übel an der Wurzel zu packen und an die Verursacher zu appellieren. „Mir schwebt schon seit Langem eine Werbekampagne gegen Müll vor.“

Besorgt über die Entwicklung des Alkoholkonsums Jugendlicher ist Elke Klös, Beauftragte für Suchtprophylaxe im Landkreis Esslingen. So muss­ten im Kreis laut Statistischem Landesamt im Jahr 2010 insgesamt 214  Jugendliche zwischen 13 und 19  Jahren wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden. 2005 waren es noch 116 Fälle, 2001 nur 78. Damit hat sich die Zahl im vergangenen Jahrzehnt beinahe verdreifacht. „Vor allem werden es mehr Mädchen“, weiß Elke Klös.

Auch die Jugend- und Drogenberatung arbeitet im Kirchheimer Arbeitskreis Alkohol mit. Darüber hinaus halten die Beratungsstelle und die Suchtprophylaxe des Landkreises aber auch einen ganzen Katalog anderer Maßnahmen rund um das Thema Alkoholmissbrauch bereit. Vorbeugend bietet die Jugend- und Drogenberatung etwa Projekte an den Kirchheimer Schulen an.

Für Jugendliche, die schon einmal mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet sind, gibt es das Projekt „Halt“. Es bietet einen Risiko-Check und ein Gruppenprojekt für Jugendliche und ihre Eltern. Noch jung ist ein Projekt zur Frühintervention bei Jugendlichen, die unter Alkohol eine Straftat begangen haben. „Dabei kooperieren wir mit der Polizei, der Staatsanwaltschaft und der Jugendgerichtshilfe“, erläutert Elke Klös. Ganz neu ist ein Anti-Gewalt- und Coolness-Training für Jugendliche, die alkoholbedingt straffällig geworden sind.

Eine weitere Methode des Landkreises, um Alkoholmissbrauch einzudämmen, ist die „Gelbe Karte“. „Egal ob Jugendliche oder Erwachsene – wer alkoholisiert auffällt, wird bei der Führerscheinstelle gemeldet“, berichtet Elke Klös von einem Novum im Landkreis.