Jess Jochimsen sorgte mit seinem neuen Programm im Gewölbekeller der Bastion für beste Unterhaltung
Für die vorherrschende Jahreszeit viel zu laut . . .

Kirchheim. Jess Jochimsen kommt immer wieder gerne nach Kirchheim und stört sich offensichtlich überhaupt nicht daran, dass man hier tatsächlich in den Keller geht, um zu lachen. Als ehemaliger „Souterrain-Bewohner“ kennt er sich aus unter Tage und lernte dort eine völlig neue Sicht auf die Welt kennen. Der zu Demut erziehenden und durch


hochstehende kleine Fenster begrenzten Kellerperspektive auf ganze Hunde und immer nur halbe Menschen kehrte er erst den Rücken, als seine im zweiten Stock residierende Freundin ihn darauf aufmerksam machte, dass er dort niemals einen Fernseher wird aus dem Fenster werfen können . . .

Endlich oben angekommen, ist es dem kritisch differenzierenden Beobachter seiner Zeit dort vor allem „Für die Jahreszeit zu laut“. Selbsternannte Bescheidwisser, unfehlbare Ratschläger und lautstarke Tonangeber mit ihren nie Tiefe gewinnenden und immer nur zwischen düsterem Schwarz und hartem Weiß changierenden Urteilen sind ihm schon immer suspekt gewesen. Er will sich schließlich nicht „anhausmeistern“ lassen von Menschen, die in ihrer „Karl-Heinz-Haftigkeit“ kaum zu überbieten sind, aber dennoch glauben, andauernd ihre Meinung abhusten zu müssen.

Da er das Gefühl hat, dass Fortschritt immer mit Lärm verbunden ist, hat sich Jess Jochimsen fest vorgenommen, das Leben eines leisen Menschen führen zu wollen und anders zu sein, als etwa die lautstarke und leistungsoptimierende Tigermutter, deren Gekreische über ihre erfolgreich aufgestellte Emilia-Clara er sofort mit Tinnitus assoziiert, der sich mit dem restlichen Leistungslärm vermischt. Besonders schmerzhaft klingen für ihn Begriffe wie „zeitnah“, „alternativlos“, „Gymnasialempfehlung“, „okay“ mit intensiv hochgezogener Intonation, „Lebensleistung“ und „Wachstum“.

Während im Tumult eines fortwährend geforderten „schneller, höher, weiter“ das vorwärtsgerichtete Sinnieren als Kennzeichen modernen Denkens im Sinne von Descartes und Montaigne gelte, räumt der philosophisch geschulte Kabarettist unumwunden ein, dass er selbst oft noch gar nicht mit dem eigentlichen Nachdenken fertig sei. Irgendwie sehnt er sich daher an die guten alten Zeiten zurück, als es in jedem Dorf einen Selbstgespräche führenden Sonderling gab, der zwar nicht immer auf derselben intellektuellen Welle mitschwamm, von der funktionierenden Dorfgemeinschaft aber immer mitgetragen wurde. Heute laufen dagegen sehr viele isolierte Menschen sonderbar redend und gestikulierend durch die Gegend, bei genauer Betrachtung ist aber leicht feststellbar, dass nicht Tourette sondern ein Head-Set der wahre Grund für ihr immer mehr zur gängigen Norm werdendes auffälliges Verhalten ist.

Während um ihn herum alles mit ohrenbetäubend lärmenden Laubbläsern um sich pustet, erinnert sich der jugendliche Mittvierziger gerne an die einst fast lautlos ausgeübte Kunst des Rasenharkens.

Nachdem sein Sohn in Religion das vierte und fünfte Gebot irgendwie vermischt habe, sich aber hoffentlich an die neue Vorgabe halte, die da lautet: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter nicht töten“, liebäugelt er selbst mit Varianten wie „Du sollst keine Lügen stehlen“ und „Du sollst keine Nachbarn neben dir haben.“

Dass der Frühling da ist, erkennt der souveräne Entertainer daran, dass alle plötzlich Fahrradhelme tragen und in die bislang verwaiste Natur ziehen. Sie sichern damit auch den Ausflugslokalen ein Überleben, die über die Wintermonate noch inständig baten „Iss bei uns, sonst verhungern wir beide.“

Seinen Zyklus jahreszeitlicher Lieder begann der sich mit Gitarre, Ziehharmonika und Glockenspiel begleitende Sänger naturgemäß mit Beiträgen über den Lenz, konnte aber nicht ganz vermeiden, dass sich alles wie November anhört. Vielleicht war es ja auch falsch, sich ausgerechnet auf die Stadt gewordene Tristesse von Fulda zu konzentrieren, wo der Frühling erst beginnt, wenn der Sommer in Freiburg schon längst vorbei ist und wo sich selbst zu allem entschlossene Selbstmörder noch einen Ruck geben und lieber schnell noch nach Kassel fahren.

Warum sich der Sommer anhört wie das Saarland, nachdem der letzte Zug abgefahren ist, beschäftigte Jess Jochimsen anschließend genauso, wie die große Aufregung über Stuttgart 21. Wenn es stimme, dass diese enormen Kosten tatsächlich billigend in Kauf genommen werden, um eine Viertelstunde früher von A nach B zu kommen, regt er kurzerhand an, doch einfach einen Zug früher zu nehmen und freut sich ansonsten darüber, dass derzeit in Berlin niemand die Absicht hat, einen neuen Flughafen zu bauen.

Probleme noch größerer politischer Brisanz packte er kurzerhand in seine „Wegwerflieder“ und machte sich Gedanken über eine familienfreundlichere Armee, die künftig auch dann in noch mehr Länder einmarschieren kann, wenn Papa nur noch halbtags schießt.

Dem Herbst und damit „dem Brandenburg unter den Jahreszeiten“ war das vorletzte Kapitel seines so abwechslungsreichen wie vielseitigen Programms gewidmet. Dass mit dem Winter alles enden wird, war schon zu Beginn angekündigt worden und konnte auch durch forcierten Applaus nicht mehr grundlegend verändert werden.

Wie schon vor der Pause setzte Jess Jochimsen dann noch einmal auf die Kraft des unkommentierten für sich selbst sprechenden Bildes. Statt der gut gelaunt angedrohten vier- bis fünfhundert in analoger Technik festgehaltenen Impressionen und Sonnenuntergänge konnte der begeisterte Gelegenheits-Fotograf dann noch einmal zu einer streng handverlesenen „Powerpoint-Präsentation aus dem Old-School-Bereich“ laden und erneut begeistern.

Beim anschließend im engen Gewölbegang der Bastion absolvierten Buch-, DVD- und „Heizdeckenverkauf“ vermied der für ein leises Leben werbende Kabarettist jede Nähe zu marktschreierischem Anpreisen seiner Waren. Auf Wunsch zeigte er sich vorab aber schon bereit dazu, signierte Bände bei geflüstertem Bedarf auch noch um seine Zimmernummer zu ergänzen  . . .