Kirchheim. In Zeiten sich an technischer Perfektion überbietender Multivisionsangebote, Powerpoint-Projektionen und mit Millionen von Pixeln daherkommenden elektronischen Bildern in HD- und 3D-Qualität kämpft Matthias Störr noch im-
mer mit einem selbst gebastelten und gemalten Pop-up-Bilderbuch, selbst gebastelten Handpuppen und meist einhändig gespielter Ziehharmonikamusik um die Gunst von Schülerinnen und Schülern – und feiert damit großartige Erfolge.
Als virtuoser Multifunktions-Zauberkünstler mit und ohne Vogelmaske arbeitet er gleichzeitig mit vielen Figuren, tanzt, macht dazu auch noch die passende Musik, singt mit den Kindern gemeinsam bekannte Lieder und bindet auch sonst von Anfang an sein Publikum intensiv mit ein in die Handlung. Mit Sprache, Gesang und Akkordeonmusik führt er sein von der Ein-Mann-Schau beeindrucktes Publikum durch sein künstlerisch gelungenes und handwerklich perfekt zusammengezimmertes Bilderbuch.
Mithilfe raffiniert ausgetüftelter Klapp-, Schiebe- und Falteffekte schaffte er sich eine bewegliche Kulisse, aus der die Handlung und die Figuren immer wieder überraschend neu heraustreten und auch wieder hineinverschwinden – und das alles ohne Strom und in gleich drei ausverkauften Aufführungen.
Potenzielle Interessenten, die nicht aus Nabern selbst oder den Nachbarorten Bissingen oder Dettingen kommen, hatten bislang keine Chance gehabt, im Rahmen der Kirchheimer Kinder- und Jugendtheatertage „Szenenwechsel“ gleich im Klassensatz Plätze in der Naberner Zehntscheuer zu ergattern. Schon bei der Vorstellung des jeweils neuen Programms waren die beiden Aufführungen im Naberner Bürgerhaus regelmäßig ausverkauft.
Das Interesse der Schülerinnen und Schüler aus Nabern, Bissingen und Dettingen und ihrer Lehrkräfte hält verständlicherweise weiter unvermindert an. Um aber auch einer Anfrage aus Lenningen und Kirchheim gerecht werden zu können, wurde der Besuch von Matthias Störr vom Theater „TamBambura“ aber kurzerhand um einen Tag verlängert und eine weitere ausverkaufte Vorstellung möglich gemacht.
Die Premiere mit gern gesehenen neuen Gästen und alten Bekannten wurde zu einer begeistert gefeierten Huldigung an die gute alte Puppenspielertradition und einer Verneigung vor der Kraft die Fantasie beflügelnder Kinderbücher.
Dass er ein sehr belesenes Publikum um sich versammelt hatte, wusste Matthias Störr sofort, denn als er die Kinder nach ihren Lieblingsbüchern fragte, flogen die Hände nur so in die Luft und er hatte rasch eine interessante Liste vorwiegend sehr bekannter Titel zusammen. Sein Lieblingsbuch war allerdings nicht dabei, aber das verwundert nicht. Schließlich gibt es „Pira fliegt durchs Wunderbuch“ in keinem Buchladen, in keiner Bücherei und auch nicht im fast alle Wünsche erfüllenden Warenhaus E-Bay im Internet.
Das Buch ist tatsächlich einmalig und kann nur beim Theater „TamBambura“ in Korb oder aber bei Gastspielen wie jetzt in der Naberner Zehntscheuer bewundert werden.
Die mit leicht veränderbaren Bildern vor vollen Rängen erzählte Geschichte um Pira und ihr Wunderbuch beginnt mit der Detailaufnahme des malerisch an einem See inmitten von saftigen Wiesen liegenden Städtchens Sonnenhausen. Am Rand des quadratischen Bildes steht ein schöner Baum, und ein gewundener Weg führt sanft auf einen Hügel hinauf, wo ein kleines Häuschen steht.
Beim „Weiterscrollen“ erweitert sich der schon bekannte malerische Landschaftsausschnitt zu einer eindrucksvollen Panorama-Aufnahme, aus der der wunderschöne Baum freigestellt hinausragt. Die aufgeblätterte Doppelseite bietet auf einer „berührungsfreundlichen Bilderbuchoberfläche“ aber noch genügend Platz für ein eingeblocktes „Fenster“, in dem sich auf Wunsch eine Detailaufnahme von Piras Bücherhäuschen öffnet. Alles sieht schön aus, doch ein Schatten liegt über dem Paradies. Der in einen Vogel verwandelte böse Zauberer Akku fliegt herbei, lässt all die bei Pira versammelten hilfreichen und vor allem auch lesenswerten Bücher verschwinden und verzaubert sie selbst in ein rosarotes Vögelchen.
Auf der verzweifelten Suche nach ihren geliebten Büchern findet Pira zurück zum nicht wiederzuerkennenden Sonnenhausen. Alles ist inzwischen mit Hochhäusern überbaut, die Wiesen wurden mit breiten Asphaltbahnen zubetoniert, der einst mäandernde Bach ist zu einem zwischen Betonwänden eingezwängten Kanal geworden und alles ist Grau in Grau.
Pira trifft den Vogelfänger Piro, der ihr hilft, ihre Schätze zurückzubekommen und sich wieder in ein menschliches Wesen zu verwandeln. Mithilfe des „klingenden Buches“, das schon zu Beginn der Geschichte wahre Wunder möglich gemacht hatte, werden alle Menschen des Ortes wieder neu verzaubert von der Macht der Bücher, alles ist wieder bunt und fröhlich und die Menschen leben wieder auf. Ende gut, alles gut . . .
Weil das Publikum so gut mitspielte und damit wesentlich zum Gelingen der großartigen Aufführung beitrug, nahm sich Matthias Störr auch noch viel Zeit, um die vielen Fragen der Kinder zu beantworten. Sehr interessant war es, zu erfahren, wie das raffiniert konstruierte Bilderbuch „funktioniert“ und wie die vielen Figuren bewegt werden. So muss kindgerechte gute Unterhaltung aussehen – auch und gerade in medial bis in die hinterste Ecke der Kinderzimmer erschlossenen modernen Zeiten.
