Heike Allmendinger
Kirchheim. „Es ist genug, mehr als genug des Kampfes und des Tötens“ – mit diesen Worten rezitierten die Schüler Svenja Wahle vom Schlossgymnasium sowie Rebecca Spittel und Hannes Pörtner vom Ludwig-Uhland-Gymnasium das Gedicht „Friedhof der steinernen Schwerter“ von Josef Albert Stöckl. Dieses handelt von Steinkreuzen auf einem Soldatenfriedhof, die „von all dem unendlichen Leid, das weltweit geschah und auch heute noch geschieht“ künden. Die Steinkreuze, und damit die gefallenen Soldaten, mahnen fordernd und eindringlich: „Vergesst uns nicht!“ Und sie bitten: „Tötet den Hass und tötet die Gier in euch, und ihr tötet den Krieg und das Leid dieser Welt!“
Für die drei Schüler der Jahrgangsstufe 1, die sich für Geschichte interessieren und das entsprechende Neigungsfach belegen, ist es eine Selbstverständlichkeit, das Programm des Volkstrauertages mitzugestalten. „Wir müssen der Soldaten, die ein großes Opfer gebracht haben, und ihrer Familien gedenken“, betonte Svenja Wahle gegenüber dem Teckboten. Es sei wichtig, das Geschehene nicht zu vergessen – auch und gerade die junge Generation müsse das Erinnern wachhalten, fügten Rebecca Spittel und Hannes Pörtner hinzu.
Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker begrüßte in ihrer Ansprache diejenigen, „die ihre Pflicht an das Erinnern übernehmen“, die es aber auch „als Aufgabe unserer Zeit verstehen, Frieden zu schaffen und zu bewahren“. Eine Gedenkfeier zum Volkstrauertag sei keinesfalls eine Pflichtübung, betonte Matt-Heidecker. „Es ist die tiefe Überzeugung, dass wir, die überlebten oder zu einem späteren Zeitpunkt geboren wurden, es den gefallenen und vermissten Soldaten schuldig sind.“ Es werde niemals genug Zeit ins Land gezogen sein, um einen Schlussstrich unter das Vergangene ziehen zu können. Deshalb gelte es, über die Grenzen der Teckstadt hinaus „um alle Opfer von Gewalt und Krieg zu trauern“. „Wir haben die Verantwortung, die Erinnerung an all das Leid und auch an die Ursachen und Auslöser wachzuhalten“, unterstrich Matt-Heidecker. „Wir haben die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es nie wieder dazu kommt.“
Die Oberbürgermeisterin gedachte der Millionen Toten des Ersten und Zweiten Weltkrieges, aber auch der Bundeswehrsoldaten, die in jüngster Zeit im Auslandseinsatz ihr Leben verloren hatten. Sie ging auf den Bürgerkrieg in Syrien ein sowie auf den gegenseitigen Beschuss von Israelis und Palästinensern in den vergangenen Tagen. Und sie betonte, wie „unbegreiflich und beängstigend“ es sei, dass im Jahr 2012 Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) durch die Straßen ziehen, dass die „Zwickauer Zelle“ mordet und dass der Verfassungsschutz seiner Aufgabe nicht nachkomme.
„Braune Ressentiments sind salonfähig. In allen Teilen der Gesellschaft ist rechtsextremes Denken anzutreffen“, konstatierte Matt-Heidecker. „Mir wird angst, wenn jeder Siebte in den neuen Bundesländern ein rechtsextremes Weltbild hat“, fügte sie hinzu.
Thema ihrer Ansprache war aber auch Europa und „die vertrauensvolle Verbindung, die von einem Staat zum anderen geknüpft werden konnte“. Europa habe aufgrund seines Zusammenwachsens in Frieden und seines Einsatzes für den Frieden völlig zu Recht den Friedensnobelpreis verliehen bekommen. Die Gemeinschaft dürfe deshalb nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden, warnte Matt-Heidecker – „auch nicht im Zeichen einer Währungs- und Finanzkrise“.
Anschließend wurde am Denkmal traditionell ein Kranz niedergelegt. Dieser symbolisiert, da er weder Anfang noch Ende hat, die Unvergänglichkeit des Lebens. Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier von der Stadtkapelle Kirchheim und vom Kirchheimer Liederkranz.
Auch in zahlreichen anderen Gemeinden rund um die Teck sowie in den Kirchheimer Stadtteilen Jesingen, Ötlingen und Lindorf wurden gestern Kränze als Zeichen des Erinnerns niedergelegt. In Nabern findet die Ehrung der Gefallenen, Vermissten und Toten traditionell eine Woche später am Totensonntag statt.
In Ötlingen pflanzten im Anschluss an die Gedenkfeier Jugendliche an der Lindorfer Straße einen „Friedensbaum“. Seit einigen Jahren ist dieser Brauch in Ötlingen Teil der Feierlichkeiten zum Volkstrauertag. Auch hier soll bewusst die junge Generation mit einbezogen werden. Jeder Baum, der auch für die Zukunft steht, ist ein Zeichen von Versöhnung und Hoffnung.
