Theaterensemble „Stage Divers(e)“ überzeugte mit seiner eindrucksvollen „Suche nach dem roten Faden“
Gefangene in einer Welt ohne Raum und Zeit

Kirchheim. Das Thema Demenz hat unendlich viele Facetten. Wie unterschiedlich diesem Thema begegnet werden kann, zeigte ein Abend mit der Theatertruppe „Stage Divers(e)“. Zum Kreis der Akteure zählten auch zwei Vertreter des Sozialpsychiatrischen Dienstes für ältere Menschen (SOFA), dessen 25-jähriges Bestehen Grund dazu liefert, an eine Einrichtung zu erinnern, die heute wichtiger ist denn je.

Demenzielle Erkrankungen sind unaufhaltsam auf dem Vormarsch, rücken aber nur dann blitzartig ins Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten, wenn sich ein Prominenter per schlagzeilenträchtigem Suizid einem schleichenden Leiden entzieht, dem immer mehr Menschen ausgeliefert sind.

Der zum Mitarbeiterstab von „SOFA“­ zählende Altenpfleger Andreas Kenner kennt sich aus im Alltag älterer Menschen und weiß viel zu gut um die drohenden und oft mehr als leichtfertig ignorierten Gefahren, die etwa im Straßenverkehr von Menschen ausgehen können, denen gar nicht bewusst ist, dass sie an einer demenziellen Krankheit leiden.

Nach Andreas Kenners pointierten und anekdotisch-anrührenden Wahrheiten über die Auswirkungen einer Krankheit, die betroffene Menschen gerne verdrängen, präsentierte sein SOFA-Kollege Hansjörg Schaude in stimmigem Arztkittel einen von den medizinischen Fakten geradezu berauschten Wissenschaftler. Auch wenn er alles liest und theoretisch genau weiß, was über diese ernste Krankheit schon herausgefunden wurde, bleibt nach dem eindrucksvollen Konvolut seines demonstrierten medizinischen Faktenwissens die ernüchternde Erkenntnis zurück, dass trotz aller Forschung ein Durchbruch beim Thema Demenz wohl noch lange nicht in Sicht ist.

Den dritten Teil des angesichts des ernsten Themas nur bedingt unterhaltsamen Zusammenspiels unterschiedlicher Kräfte war das Theaterstück „Auf der Suche nach dem roten Faden“. Unter der Leitung von Babette Ulmen hatten sich Mitglieder des aus einer Theater-AG des Esslinger Georgii-Gymnasiums hervorgegangenen Vereins „Stage Divers(e)“ höchst kreativ mit diesem schweren Stoff beschäftigt. Unter dem Motto „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ entführten sie die Besucher in das Café eines „therapeutischen Kellners“, der von den Gedankenfetzen und Ideenskizzen seiner in ganz anderen Gedankenwelten lebenden „Kunden“ völlig überfordert ist.

Das Publikum hat sich in einem fiktiven Ort zurechtzufinden, der es angesichts der dort zusammengewürfelten Charaktere Außenstehenden nicht unbedingt immer leicht macht, zwischen gesunden und kranken, kreativen oder depressiven, dementen oder höchst eloquenten „Kunden“ oder „Patienten“ zu unterscheiden. Als auch der Kellner plötzlich ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigt, haben sich die für Text und Inszenierung gemeinsam verantwortlich zeichnenden Ensemblemitglieder längst unrettbar in den roten Faden verstrickt, der damit zu einer sich immer enger zusammenziehenden Fessel wird.

Um eines Tages den im überzeugenden Spiel zwischen Absurdität und Realitätsnähe pendelnden künftigen Alltag nicht völlig unvorbereitet begegnen zu müssen, hatte Ensemb­lemitglied Manfred Matzke das Publikum zuvor dafür sensibilisiert, sich mit Erinnerungskästchen voll biografischer Realien oder auch frühzeitig auszufüllenden Erinnerungsbögen zu wappnen für eine Zeit, in der man möglicherweise nicht mehr verlässlich all die derzeit noch gespeicherten Informationen abrufen kann.

Wenn Sprache, Erinnerung, Koordination und Kommunikation nicht mehr funktionieren, ist man als Betroffener sicher froh, wenn der „therapeutische Kellner“, bei dem man strandet, sich aus den Erinnerungsstücken ein eigenes Bild machen kann. Vielleicht wird es dadurch sogar möglich, eine Brücke zu bauen zu einem Menschen, dessen Vergesslichkeit ihn prädestiniert, ausgegrenzt und allein gelassen zu werden.

Dass ein Miteinander viel prob­lemloser ist, als oft angenommen, hatte Andreas Kenner deutlich gemacht. Die Sorge, dass demente Menschen davonlaufen, tendiert gegen Null, weil sie das gar nicht mehr können. Viel schlimmer ist die Gefahr, dass sie möglicherweise eines Tages einfach nicht mehr zurückfinden – weder in die eigenen vier Wände noch in die dort möglicherweise aufbewahrten Erinnerungen.