Kirchheim. Einst verfemten Künstlern ein lebendiges Denkmal setzen: Diesem Anliegen folgte der literarische Liederabend mit Bariton Winfried Müller, Pianist Eric Mayr und
Rezitator Bernd Löffler, der unter dem Motto „Gegen das Vergessen“ im Spitalkeller der Kirchheimer Volkshochschule stattfand.
Schöngeistigen Musikgenuss mit dem Gedenken an geschichtliche Abgründe zu verbinden, erfordert Respekt, Empathie und geistige Durchdringung. Qualitäten, die in der für diesen Anlass eigens erarbeiteten Programmfolge in hohem Maße spürbar wurden. Nicht alle Persönlichkeiten, die Repression und Verfolgung durch das Nazi-Regime ausgesetzt waren, konnten exilieren und in der Fremde gar ihre Karriere weiter vorantreiben. Paul Hindemith, der im Liederabend mit einer Hölderlin-Vertonung und zwei Instrumentalstücken vertreten war, gehörte zu diesen „happy few“, denen es vergönnt war, in der Zeit des Exils eine Karriere mit internationaler Strahlkraft zu begründen.
Auch Arnold Schönberg, dessen Klavierstücke op. 19 Eric Mayr sensibel wie einen roten Faden durchs Programm laufen ließ, konnte sich von Kalifornien aus einer Kontinuität seines Werkes sicher sein, die auch nach seinem Tod im Jahre 1951 etwa in der seriellen Musik Sukzession und Nachhall fand. Würdigung erfuhr aber auch Erich Wolfgang Korngold – Schüler Zemlinskys und Schöpfer des Opernerfolgs „Die Tote Stadt“ –, dessen Werk nach dem Zweiten Weltkrieg keine Beachtung mehr fand und erst seit einigen Jahrzehnten dank einer stillen, aber stetigen Renaissance wieder aus der Vergessenheit tritt.
Nur wenigen Musikfreunden wird jedoch Pavel Haas vertraut sein. Seiner jüdischen Abstammung wegen wurde Haas – der bedeutendste Schüler Janaceks und gefeierter Komponist des Opernwerks „Der Scharlatan“ – im Jahre 1941 in das KZ Theresienstadt deportiert. Nach Abschluss einer Propagandaaktion, mittels derer ein kulturell blühendes „Vorzeigelager“ suggeriert werden sollte und in deren Zuge auch Haas‘ „Studie für Streichorchester“ uraufgeführt wurde, verfügten die Nazis im Oktober 1944 die Einstellung aller künstlerischen Aktivitäten und deportierten am 16. Oktober viele Künstler, darunter auch Haas, ins Vernichtungslager Auschwitz, wo er einen Tag später ermordet wurde.
In der Interpretation seines Liedes „Im Bambushain“ durch Winfried Müller und Eric Mayr wurde die Innerlichkeit und große schöpferische Kraft erlebbar, die Haas hier kongenial mit kleinen musikalischen Gesten zu erzeugen wusste.
Neben Liedern von Hanns Eisler und Erich Zeisl erklangen auch Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und Gustav Mahler. Obwohl ihre Lebensspanne sich nicht mit der Zeit des „Dritten Reichs“ überschneidet, wurde auch ihre Rezeption verdunkelt. Das Mendelssohn-Denkmal vor dem Leipziger Gewandhaus entfernte man; sein Violinkonzert – längst zum klingenden Inbegriff deutscher Romantik geworden – sollte durch das „arische“ Pendant Robert Schumanns ersetzt werden. Auch das Werk Gustav Mahlers verdankt seine heutige Beliebtheit keiner kontinuierlichen Wertschätzung, vielmehr dem verdienstvollen Bemühen eines Leonard Bernstein, Georg Solti oder Rafael Kubelik, die vom Ende der 1960er-Jahre an sinfonische Gesamteinspielungen auf Tonträger dokumentierten. Mendelssohns „Auf den Flügeln des Gesanges“ und Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ bildeten Auftakt und Abschluss des Konzertabends.
Germanist Bernd Löffler führte nicht nur mit profunder historischer Kenntnis durchs Programm, er stellte der wunderbar dargebotenen Musik auch die Lyrik zur Seite. Mit Kennerblick ausgewählte Texte von Bertolt Brecht, Theodor Kramer, Walter Mehring, Selma Meerbaum-Eisinger und Gertrud Kolmar – Letztere von Löffler als Lyrikerin auf eine Stufe mit Nelly Sachs und Paul Celan gestellt – gaben der Thematik eine vertiefende Dimension.
Ein höchst verdienstvolles Programm, das die Würdigung künstlerischen Schaffens mit historischer Bewusstseinsbildung vor einem zahlreich erschienenen Publikum eindrücklich zusammenführte.
