Die deutschen Sozialdemokraten in (und aus) der Tschechoslowakei haben ein bemerkenswertes, doch weitgehend unbekanntes Kapitel Geschichte geschrieben. Darum dreht sich die Ausstellung „Von der DSAP zur Seliger-Gemeinde“, die bis Ende Juli im Landratsamt in Esslingen zu sehen ist.
Karin Ait Atmane
Kreis Esslingen. Erst seit wenigen Jahren stößt die Geschichte der Vertriebenen in Deutschland auf Interesse. Filme und gesellschaftliche Diskussionen seien ein Zeichen dafür, „dass wir in der Aufarbeitung dieser schlimmen Zeit einen Schritt weiter gekommen sind“, sagte Albrecht Schläger, Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde, bei der Ausstellungseröffnung in Esslingen.
Mit dem Begriff Seliger-Gemeinde kann trotzdem kaum jemand etwas anfangen. Auch ihm sei es so gegangen, als die SPD-Bundestagsabgeordnete Karin Roth wegen einer Ausstellung anfragte, gestand Landrat Heinz Eininger. Dabei haben deutsche Sozialdemokraten aus der Tschechoslowakei, die 1951 eine Gesinnungsgemeinschaft gründeten und sie nach ihrem ersten Parteivorsitzenden Josef Seliger benannten, wesentlich zum Aufbau im Nachkriegsdeutschland beigetragen. Sie integrierten sich, packten mit an und brachten sich politisch in den SPD-Ortsvereinen ein.
Ziel der Seliger-Gemeinde ist bis heute, das Verhältnis zu den tschechischen Nachbarn zu verbessern, verbunden mit einer Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte. Ein großer Schritt in diese Richtung sei 2005 die Entschuldigung des tschechischen Ministerpräsidenten Jiri Paroubek für die Behandlung der Sudetendeutschen nach dem Krieg gewesen, sagt Schläger.
Die sudetendeutschen Sozialdemokraten dürfen sich davon besonders angesprochen fühlen. Die 1919 gegründete Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) in der Tschechoslowakei setzte sich vor dem Zweiten Weltkrieg für eine Besserstellung der deutschen Minderheit ein, wollte aber konstruktiv mit der tschechischen Regierung zusammenarbeiten. Sie stellte sich – anderes als die Mehrheit der Sudetendeutschen – 1938 gegen den Anschluss ihres Gebiets an „Hitlerdeutschland“. Ihre Mitglieder wurden von den Nationalsozialisten verfolgt und teilweise in Konzentrationslager deportiert. Nach Kriegsende wurden sie von tschechischer Seite ausgegrenzt und diskriminiert. Wer deutsch sprach, war nicht gern gesehen, ungeachtet der politischen Vorgeschichte. So siedelten auch die sudetendeutschen Sozialdemokraten zu einem großen Teil aus. Knapp 80 000 von ihnen gingen in die West-Zone.
Die Ausstellung zeigt Karikaturen aus der Zeit um 1900, die das schwierige deutsch-tschechische Verhältnis illustrieren, sie dreht sich um die Gründung der DSAP, um Arbeitersportvereine und Konsumgesellschaften, um die politischen Folgen der Weltwirtschaftskrise und den Nationalsozialismus, um „Antifa-Transporte“ nach dem Krieg und den Neubeginn.
Sie führe vor Augen, „wie man sich auch unter widrigsten Umständen menschlich verhalten kann“, sagte Sonja Birnbaum in Vertretung der erkrankten Karin Roth bei der Eröffnung. Sie mahne, „uns immer wieder für die Demokratie stark zu machen und uns um diejenigen zu kümmern, die heute auf der Welt verfolgt werden.“
Die Texte der 40 Tafeln sind durchgehend zweisprachig deutsch und tschechisch verfasst; die Wanderausstellung macht auch in tschechischen Städten Station.
Die Ausstellung „Von der deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) zur Seliger-Gemeinde“ ist bis zum 27. Juli im Foyer des Landratsamtes, Pulverwiesen 11, in Esslingen zu sehen. Öffnungszeiten sind montags bis mittwochs von 7.30 bis 15 Uhr, Donnerstag von 7.30 bis 18 Uhr und Freitag von 7.30 bis 12 Uhr.
