Kirchheim. Es ist sicher gerechtfertigt, dem Kirchheimer Kulturleben eine anregende Vielfalt und substanzielle Dichte zuzusprechen. Das liegt nicht zuletzt an der grundsätzlichen Offenheit des lokalen kulturellen Milieus für neue Impulse. Eine Qualität, die jedoch kein Selbstläufer ist, sondern vielmehr von Bürgern und Kulturschaffenden gleichermaßen befördert wird und mit Ansprüchen an eine niveauvolle und kontinuierliche Entwicklung kultureller Angebote einhergeht.
Mit den „Kirchheimer Meisterkursen“, die in dieser Woche stattgefunden haben, dürfte solch ein wertvoller neuer Impuls eingeschlagen haben. Die Initiative der Kirchheimer Musikschule richtete sich gezielt an Geiger, Cellisten und Kammermusikensembles. Neben Musikstudenten waren aber auch jüngere Instrumentalisten angesprochen, die über Ambitionen und Fähigkeiten verfügen, ein Musikstudium anzustreben. Ihnen boten die im Schlössle und im Spital öffentlich gehaltenen Kurse Gelegenheit, erste Kontakte zu Hochschullehrern und anderen Jungmusikern zu knüpfen und gab ihnen die Möglichkeit, sich auf Wettbewerbe, Probespiele und Prüfungen vorzubereiten.
Schon an seiner früheren Wirkungsstätte in Murrhardt hatte der Kirchheimer Musikschulleiter Urs Läpple ein solches Kursangebot etabliert. Zwölf Jahre lang war er im Schwäbischen Wald organisatorischer und künstlerischer Leiter dieses musikpädagogischen Erfolgsmodells gewesen, das er nun in das Kulturleben der Teckstadt einbringt. Dank insgesamt 18 Anmeldungen wurden seine Erwartungen an die Kirchheimer Premiere sogar übertroffen.
Mit gerade einmal elf Jahren jüngster Teilnehmer ist Violinist Urban Polley, der trotz seines zarten Alters bereits beachtliche Referenzen vorzuweisen hat: mehrmaliger Preisträger beim Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ samt einer jüngst errungenen Qualifikation zum diesjährigen Bundeswettbewerb, sowie die wiederholte Teilnahme an der „Young Masterclass“ in Esslingen. Sein Repertoire für die Kirchheimer Meisterkurse, über das er wie alle Teilnehmer selbst entscheiden konnte, beinhaltete mit Sarasates effektvoller „Tarantella“ ein ausgesprochenes Virtuosenstück.
Mit 28 Jahren runden Lih-Nian Chen und Jinhee Joung die Altersskala nach oben hin ab. Als Preisträger internationaler Musikwettbewerbe hatten die beiden studierten Musiker mit Violinkonzerten von Mozart, Sibelius und Glazunov entsprechend gewichtige Brocken im Gepäck.
Das dreiköpfige Dozententeam der Meisterkurse ist hochkarätig besetzt. Violinistin Anke Dill und Cellist Rudolf Gleissner haben Professuren an der Stuttgarter Musikhochschule inne. Beide sind gefeierte Solisten und Kammermusiker. Erstere ist Gast angesehener Großereignisse wie dem Brahms-Festival der Salzburger Festspiele oder dem New Yorker „Chautauqua Music Festival“ und konzertierte mit renommierten Künstlern wie Shmuel Ashkenasi, Barbara Westphal oder Gustav Rivinius. Mit Westphal und Rivinius ist Anke Dill auch durch das 2009 gegründete Bartholdy-Quintett künstlerisch eng verbunden.
Rudolf Gleissner – ein Meisterschüler Pablo Casals – war Solocellist unter solch klangvollen Namen wie Lorin Maazel, Sergiu Celibidache, Neville Marriner und Roger Norrington. Seit vier Jahrzehnten ist er Mitglied der international konzertierenden „Stuttgarter Solisten“. Seine reiche Erfahrung an die jüngere Generation weiterzugeben, ist ihm ein Anliegen, dem er nicht allein im Zuge der Kirchheimer Meisterkurse nachging. Im Laufe seiner Karriere gab er Kurse für die „Jeunesse musicale“ und die Bozener Gustav-Mahler-Akademie, ebenso unterrichtete er Orchester-Coaching, begleitete Trainings für Probespiele und war Jurymitglied des Deutschen Musikrates sowie des Hochschulwettbewerbs.
Die pädagogische Trias vervollständigt Alexandra Müller. Ihrer Aufgabe als stellvertretende Solocellistin am Mannheimer Nationaltheater ließ sie Ausbildungen in Bewegungspädagogik und integraler Gestalttherapie folgen. Seit zwanzig Jahren ist sie an der Universität der Künste in Berlin Dozentin für Cellomethodik und Musikpsychologie.
Während der Kirchheimer Meisterkurse erarbeitete sie mit den Teilnehmern Voraussetzungen dafür, müheloser und ausdrucksstärker mit dem eigenen Instrument umzugehen. Dies geschah in Übungen, die sich der körperlichen Disposition widmeten, um die jeweils individuellen Haltungs- und Bewegungsmuster zu erfassen, somit auf schärfere Wahrnehmungsfähigkeit, größeres Selbstvertrauen und der vertieften Fähigkeit zur Entspannung abzielten. Dazu gehörte auch die bewusste Auseinandersetzung mit Lampenfieber, Schmerzen oder Muskelverspannungen – typische Hindernisse des künstlerischen Alltags. Eine geballte Kompetenz also, die den Kursteilnehmern reichhaltige Erfahrungsfelder pädagogisch zielgenau aufspannen konnte.
Öffentlichkeitswirksame Umrahmung erhalten die Kirchheimer Meisterkurse zudem dank zweier Konzerte. Gemeinsam mit ihrem Professorenkollegen Florian Wiek am Klavier bestritten Anke Dill und Rudolf Gleissner in der Kirchheimer Schlosskapelle ein Eröffnungskonzert mit Klaviertrios von Debussy, Beethoven und Brahms und spannten dabei einen glanzvollen Bogen von der Wiener Klassik über die Romantik bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts.
Welche Anregungen die Kursteilnehmer umsetzen konnten, wird dann am Abschlusskonzert zu verfolgen sein, das am kommenden Sonntag, 19. Juni, um 11 Uhr im historischen Gewölbekeller des Kirchheimer Spitals in der Max-Eyth-Straße 18 den Kirchheimer Meisterkursen ein würdiges Finale bietet. Hier gehört das Podium ganz den jungen Künstlern, die im öffentlichen konzertanten Rahmen mit Einblicken in ihr Repertoire Kostproben ihres Könnens geben werden. Der Eintritt zum Abschlusskonzert der Kirchheimer Meisterkurse ist frei.
