Kreis Esslingen. Obwohl die Mehrheit der deutschen Bevölkerung die „Agro-Gentechnik“ ablehnt, enthielt sich die Bundesregierung bei der Abstimmung der EU-Staaten über die Einführung der Genmaissorte 1507. Enthaltung sei das übliche Verhalten, wenn es unterschiedliche Auffassungen in der Regierung gebe, lautete die Begründung. Auch infolge der Enthaltung der Bundesrepublik, die aufgrund ihrer Bevölkerungszahl bei der Abstimmung großes Gewicht hatte, kam keine ausreichende Mehrheit gegen die Anbauerlaubnis zustande. Nun hat die EU-Kommission das letzte Wort.
Der gentechnisch veränderte Mais 1507 der US-Saatgutfirma Dupont Pioneer wird im Labor so verändert, dass er ein Gift gegen Schädlinge produziert, vor allem gegen den Maiszünsler. Außerdem kann das Unkrautvernichtungsmittel Glufosinat der Pflanze nichts anhaben. Die Befürworter versprechen sich dadurch höhere wirtschaftliche Erträge und einen geringeren Spritzmitteleinsatz.
Daran hat Martin Dieterich, Vorsitzender der Kirchheimer Ortsgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), allerdings seine Zweifel. Er hält wenig vom Genmais 1507. Es gebe Studien, die belegen, dass sich das BT-Gift der veränderten Pflanze auf nützliche Insekten wie Schmetterlinge negativ auswirkt. Niemand könne prognostizieren, welche Folgewirkungen der Anbau von Genmais auf den Boden, auf Säugetiere und auch auf den Menschen hat. Sicher sei, dass die Genmais-Pollen mit dem Wind verbreitet werden, sagt Dieterich. So könnten Felder von Biobauern, die nichts mit Genmais zu tun haben wollen, verunreinigt werden – und auch Länder, die eigentlich auf Gentechnik verzichten wollen, würden plötzlich vor Problemen stehen. Dadurch würden „irreversible Sachverhalte“ geschaffen. „Das ist das Dramatische an der ganzen Sache“, beklagt Dieterich.
Dass sich Deutschland bei der Abstimmung enthielt, ist für den Kirchheimer völlig unverständlich. Die Regierung erkenne laut ihrem Koalitionsvertrag an, dass die Mehrheit der Bevölkerung Gentechnik ablehnt. Diese Passage passe nicht zu ihrer Enthaltung. „Offensichtlich sind die Lobbyinteressen sehr groß“, gibt Dieterich zu bedenken.
Die Vorteile, die propagiert werden, scheinen nicht realisierbar, fügt er hinzu. „Man denkt, dass man mit weniger Pestiziden auskommt“, aber die bekämpften Schädlinge seien mit der Zeit resistent. „Es ist völlig normal, dass es zu Resistenzbildungen kommt“, erklärt der BUND-Vorsitzende. Die Folge: „Dann wird erst recht gespritzt.“
Auch der Kreisbauernverband Esslingen steht dem Thema Genmais 1507 derzeit skeptisch gegenüber: „Wir empfehlen niemandem, den Mais anzubauen, denn der Verbraucher wünscht es nicht“, sagt Siegfried Nägele, Vorsitzender des Verbandes und Landwirt aus Bissingen. Wer Genmais anbauen wolle, müsse bestimmte Abstandsregeln zu anderen Feldern einhalten. Dies sei jedoch aufgrund „unserer Kleinräumigkeit“ schwierig. „Ich sehe momentan keinen betriebswirtschaftlichen Vorteil, denn Genmais wird von der Bevölkerung nicht akzeptiert“, bilanziert Nägele. Außerdem sei noch nicht abschließend wissenschaftlich beurteilt, wie sich das BT-Protein der gentechnisch veränderten Pflanze auf nützliche Insekten auswirkt. Nägele spricht sich aber dafür aus, die pflanzenbautechnische Forschung zu unterstützen – und die gentechnische zu begleiten. Denn stehen bleiben dürfe man nicht. „Man weiß nicht, wo die Forschung hingeht. Wir müssen beobachten, wie sich das Ganze entwickelt. Sonst können wir später nicht mitreden.“
In der Region rund um die Teck existiere der Maiszünsler, der teilweise auch spürbare Schäden anrichtet, informiert Nägele weiter. „Aber wir kriegen ihn durch ackerbauliche Maßnahmen in den Griff.“ Dazu zähle der Fruchtfolgewechsel, sagt der Landwirt, der selbst Mais anbaut.
Zur Abstimmung im EU-Ministerrat meint Nägele: Schon im Vorfeld sei absehbar gewesen, dass innerhalb der EU keine qualifizierte Mehrheit gegen den Anbau von Genmais zustande kommt. „Nüchtern betrachtet war es egal, wie Deutschland abstimmt.“ Wäre vonseiten der Bundesrepublik ein Nein gekommen, hätte dies nichts geändert. Nägele ist sich sicher, dass Genmais 1507 im süddeutschen Raum nicht angebaut wird. Und er geht davon aus, dass die Gentech-Pflanze auch nicht in den restlichen Bundesländern Einzug hält.
Vonseiten des Landwirtschaftsamts des Landkreises Esslingen wollte sich auf Nachfrage des Teckboten niemand zum Thema äußern. Im Landratsamt verwies man auf das Verbraucherschutzministerium Baden-Württemberg. Dieses hat eine klare Meinung zu Genmais 1507: „Es gibt in Baden-Württemberg keinen Genmais – und das soll auch so bleiben“, sagt Pressesprecher Ulrich Arzberger. Denn die Risiken seien noch nicht ausreichend erforscht.
Arzberger zitiert Verbraucherminister Alexander Bonde: Die Bundesregierung habe sich mit ihrer Enthaltung bei der Abstimmung blamiert. „Die Stimme des Bundes wäre ein klares Signal für mehr Verbraucherschutz gewesen. Stattdessen hat sich Bundeskanzlerin Merkel als Bremserin im Verbraucherschutz entlarvt“, kritisiert Bonde. Gleichzeitig sei sie bereit, die deutschen Felder und den bäuerlichen Mittelstand zum Spielball multinationaler Konzerne zu machen.
Die Bundesregierung müsse sich nun auf EU-Ebene zumindest dafür einsetzen, dass einzelne Länder den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen verbieten können. „Baden-Württemberg würde von einer solchen Möglichkeit sofort Gebrauch machen.“
